Was bringt das Kopftuchurteil für die Schulen?

Voraussichtlich nichts Gutes. Denn das BVerfG hat feinsinnig zwischen genereller Erlaubnis und Verbot im Einzelfall unterschieden. Generell könne der Staat emanzipierten, studierten jungen Frauen ihre individuelle Entscheidung für das Schamtuch nicht zum beruflichen Nachteil auslegen. Wenn die Kopfbedeckung wider Erwarten aber den Schulfrieden störe, müsse auf örtlicher Ebene gehandelt werden. Fein, ein Grund mehr, nicht mehr Schulleiter zu werden. Die Kollateralschäden sind absehbar: Väter können jetzt ihre Töchter leichter zum Tragen des Kopftuchs zwingen, weil ja auch die Lehrerin eines trägt. Man wird auch verlangen können, dass die eigenen Kinder von einer Kopftuchlehrerin unterrichtet werden und nicht von einer, die sich nicht züchtig bedeckt. (Die Hand geben wird der Vater beiden nicht.) Hoffentlich gibt es genügend Parallelklassen in der Schule, damit man die Kinder umsetzen kann, wenn die Eltern jeweils eine Lehrerin mit K. wollen oder ohne. Für die alevitischen Schülerinnen wird es noch ein wenig schlimmer; sie müssen kein Kopftuch tragen und werden jetzt von den Kopftuch tragenden Mitschülerinnen und deren männlichen Geschwistern noch stärker gemobbt werden. Außerdem werden sie durch eine Kopftuch tragende Lehrerin daran erinnert, dass sie einem Islam angehören, der nicht überall in der muslimischen Welt wohl gelitten ist.

In der westdeutschen politischen Bildung gab es einmal den Konsens, Schüler nicht mit Meinungen oder Narrativen, wie man heute sagt, zu überwältigen. In Brandenburg wird das Überwältigungsverbot gerne im Hinblick auf einen „ausgewogenen“ Unterricht über die DDR gebraucht. Gibt es jetzt eine Überwältigung der Schüler/-innen durch gläubige Kopftuchträgerinnen?

Das BVerfG stellt darauf ab, dass es eine freie, individuelle Entscheidung von Frauen sei, ein Kopftuch zu tragen. Konsequent wäre dann wohl gewesen, minderjährigen Musliminnen zumindest in den Schulen das Kopftuch zu verbieten. Wir sind ja nicht die Türkei, Saudi-Arabien oder der Iran.

Die inner-islamische Auseinandersetzung darüber, ob das Schamtuch im Koran den Frauen aufgezwungen wird oder nicht, geht weiter. Das BVerfG hat sich jetzt unnötigerweise eingemischt und entschieden, dass es kein religiöses Symbol wäre..

Schließlich hängen in Klassenzimmern Kruzifixe und in vielen Schulen stehen, wenn es so weit ist, Weihnachtsbäume. An Fastnacht, einem Fest, das christlich begründet ist, kommen christliche Lehrer und Schüler schon mal geschminkt oder mit Pappnase in die Schule. (Damit räumt dieses Urteil übrigens auf! Das wird es nicht mehr geben dürfen. Bitte mal nachlesen!) Der diesmal – anders als im berühmten Kruzifix-Urteil – eindeutigen Festlegung der Schule auf weltanschauliche Neutralität steht die grundsätzliche  Freiheit des sichtbaren Bekenntnisses zu einer Glaubensgemeinschaft gegenüber.

Das Urteil kann nur ein Anfang sein. Die Lehrerinnen brauchen Gebetsräume an ihrem Arbeitsplatz. Während des Ramadan sollte man Rücksicht auf die körperliche Verfassung nehmen, vielleicht keine zusätzliche Vertretungsstunde in diesem Monat und keine Unterrichtsverpflichtung für Kopftuch tragende Sportlehrerinnen? Eine gute Schulleitung und ein guter Personalrat kriegen das doch hin.

Noch sind wir von britischen Zuständen weit entfernt: Die britische Schulbewertungsbehörde Ofsted schlug Alarm: „… Die schärfste Kritik erntete die Oldknow Academy, eine Grundschule, die zu 99 Prozent von Muslimen besucht wird. Obwohl offiziell eine säkulare staatliche Schule, sei sie „zunehmend islamisch in ihrer Vision, Ethos und Alltag“, urteilten die Prüfer des Bildungsministeriums. Die christliche Versammlung, die in jeder englischen Schule vorgeschrieben ist, wurde durch eine islamische ersetzt. Schulaufführungen zu Ostern und Weihnachten wurden abgeschafft. Mittags schallt durch die Lautsprecher auf dem Schulhof der islamische Gebetsruf. Seit drei Jahren wird eine Klassenfahrt nach Mekka und Medina angeboten… Im Biologieunterricht soll ein Lehrer gesagt haben, er glaube nicht an die Evolution. In einer Mathestunde notierten die Inspektoren, dass die Jungen vorn und die Mädchen hinten im Raum saßen. Der Mathelehrer weigerte sich obendrein, der Inspektorin die Hand zu schütteln…“ (zit. aus SPON)

Vielleicht sollte man jetzt eine Privatschule eröffnen.

Siehe auch Necla Kelek in der NZZ. Sie schreibt u. a., dass in der Türkei, seit das Kopftuchtragen nicht mehr verboten wird, wurde, die Erwerbsquote von Frauen von knapp 50 auf derzeit 22 Prozent sank. Das wäre Folge einer Politik, die die Frauen unter den Schleier zwängt und dorthin zurückhaben will, wo sie nach traditionellem Verständnis «freiwillig» hingehört, nämlich ins Haus.

Nachtrag: In der FAZ bespricht Lena Bopp am 1.4.15 ein Buch von Fereshta Ludin, die 1998 ihr Recht, ein Lehramtsrefrendariat mit Kopftuch zu machen, erstritten hatte. Ludin, Mitglied der antisemitschen, antidemokratischen türkischen Milli Görüs-Sekte, erklärt laut Frau Bopp, in ihrer Biographie nicht die Beweggründe, warum sie mit 12 Jahren beschließt, das Kopftuch für immer zu tragen. Für sie ist es, man höre und staune, kein religiöses Symbol, sondern ein Kleidungsstück.

Nachtrag 2: Der Rechtsprofessor Reinhard Merkel macht auf einen gravierenden Widerspruch im Urteil aufmerksam: Wenn das Gericht das Tragen des Kopftuchs als ein Grundrecht ansieht (Religionsfreiheit), darf es nicht zulassen, dass das möglicherweise in einer konkreten Schule eingeschränkt werden kann, wenn es zu einem Konflikt käme. (FAZ 2. 2. 14, p 7, „Ein frommer Wunsch“)

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