Neurowissenschaft und Unterricht

Der Neurologe Prof. Dr. Michael Madeja beschreibt, was die Neurologie zur Erziehungswissenschaft beitragen kann und was nicht:

Es waren große Versprechungen und hohe Erwartungen, die von Neurowissenschaftlern ausgelöste wurden. Die Vorstellung, die Hirnforschung könne pädagogische Kontroversen klären, habe sich nicht erfüllt. Es seien „Neuromythen“ entstanden, wie z. B. die Lernkonzepte für rechts- und linkshirnige Lerner oder die Schädlichkeit zuckerhaltiger Ernährung für das Lernen. Da seien partielle Erkenntnisse fälschlicherweise generalisiert worden. Dagegen gäbe es eine Reihe von Erkenntnissen über das Funktionieren des Gehirns beim Lesen und Rechnen. Praktische Auswirkungen auf Schule und Unterricht hätten sich daraus nicht ergeben, wohl aber Interventionsmöglichkeiten bei Funktionsstörungen bei einzelnen Kindern.

Er hält es für eine unzulässige Verengung und Vereinfachung, das Lernen nur mit Gehirnfunktionen zu erklären. Das Lernen sei ein vielschichtiger Vorgang innerhalb von Beziehungen zwischen Körper und Umwelt, es sei zweifelhaft, ob eine isolierte Betrachtung des Gehirns der Pädagogik weiterhilft. (FAZ v. 4.5.15,, S. N2, „Die Schule erzieht junge Menschen, keine Gehirne“)

Dazu passt das Interview mit dem Hirnforscher Lutz Jäncke, in Du : die Zeitschrift der Kultur, Band 71 (2011-2012) , Heft 820, Seite 21ff:

„…einige meiner Kollegen übertreiben… So gibt es „Berühmtheiten“, die als Hirnforscher zum Beispiel versuchen, die Schule zu erklären. Diese Wissenschaftler waren ursprünglich Lurch- oder Rattenforscher und schreiben dann Bücher wie Wie Kinder lernen, haben aber von der Lernpsychologie keine Ahnung. Diesen Punkt habe ich immer kritisiert, dass ein Hirnforscher auf einmal kommt und sagt, so funktioniert das. Das sind problematische Grenzüberschreitungen. Je nachdem, wofür sie Erkenntnisse anbietet, ist die Hirnforschung sinnvoll oder sinnlos. Wenn Sie einem Lehrer erklären wollen, wie man ein Kind unterrichtet, brauchen Sie nicht zwingend die Hirnforschung. Sie brauchen gute Kenntnisse der Lernpsychologie.“

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