Die Sache mit der Armutsforschunng

Basedow1764 ist ein Anhänger der Informationskompetenzvermittlung. Das war er schon, als es dieses Wort noch nicht gab und man von Arbeitstechniken oder Skills sprach. Inzwischen wird das Wort inflationär und präpotent gebraucht. Vor allem wird der Inhaltsaspekt vernachlässigt. Dass man allein mit der Beherrschung all der methodischen Teil- und Unterkompetenzen Wissen oder gar Bildung erlangen kann, bezweifele ich.

Ein mehrmals im Jahr wiederkehrendes Beispiel sind die Armutsberichte über Kinder, Witwen, Migranten, Rentner oder die Gesamtbevölkerung, die von Armutsforscher/-innen erstellt und von den einschlägigen Organisationen veröffentlicht werden. Wenn 15-Jährige im Politikunterricht, sofern es den überhaupt gibt, nach Informationskomptenzvermittlungsregeln vorgehen und ermitteln, dass die Pressemitteilung z. B. des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes keine Rechtschreibfehler enthält, aktuell ist, mit Impressum veröffentlicht wird und fast alle Medien den Inhalt melden, wie soll er darauf kommen, dass das statistische Verfahren zur Ermittlung von Armut problematisch ist. In den Medien werden Armut und „Armutsgefährdung“ meist verwechselt.

Die „Armutsgefährdung“ beginnt, wenn das Einkommen unter 60% des mittleren Einkommens (Medianwert) der Bevölkerung liegt. Dieser Prozentsatz verändert sich nicht! Wenn z. B. jetzt Metallarbeiter 3,5 % mehr Lohn bekommen, steigt die Armut (wie die Zeitungen Armutsgefährdung meist abkürzen). Sie nähme nur ab, wenn es mehr Gleichheit bei den Einkommen gäbe. Weniger Armut gibt es nach den statistischen Formeln bundesdeutscher Armutsforscher/-innen wohl in Venezuela und Kuba. Auch 1946/47 in Deutschland hat es weniger Armut gegeben als heute, da fast alle wenig hatten.

Die Quote für Armutsgefährdung ist ein Indikator für die Einkommensverteilung, mit Armut hat sie wenig zu tun. Für die Feststellung von Armut wird die Berechnung der Grundsicherung herangezogen: Aus dem Ausgabenverhalten unterer Einkommensgruppen wird ein Existenzminimum berechnet, das als staatliche Grundsicherung gewährt wird. Die liegt unter dem Prozentwert der Armutsgefährdung. Die Armutsgefährdung beginnt bei einem Alleinstehenden bei ca. 900 €. Damit gelten automatisch Auszubildende und Studierende, die über diesen Betrag verfügen, für den Paritätischen Wohlfahrtsverband als „arm“, obwohl nur ein Teil von ihnen wirklich von Armut betroffen ist. Gerade letzteres sollte man nicht vergessen, wenn man Studien“ über die angeblich wachsende Armut in Deutschland liest: Schüler, Auszubildende und Studenten, alle i. d. R. ohne eigenes Einkommen oder Vermögen, werden von den den Armutsstatistiker/-innen mitgezählt!

Die Statistiker/-innen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes behaupten auch in ihrem neuesten Bericht wachsende Armut. Sie geben aber immerhin zu, dass noch nicht alle Daten für 2013 vorliegen, sie hätten daher zum Teil geschätzt, auch seien Doppelzählungen nicht zu vermeiden gewesen.

Zur beabsichtigten(?) Verwirrung tragen auch Verbesserungen von Leistungen oder die verbesserte Information Betroffener bei. Wenn also z. B. bei der Berechnung von Unterhaltsleistungen auf den Rückgriff auf das Vermögen der Kinder beim Unterhalt der verzichtet wird, steigen die staatlichen Aufwendungen für Arme. Wenn mehr Anspruchsberechtigte Ansprüche anmelden, steigt aber nicht die Zahl der Armen, denn arm sind sie ja schon. Aber die Armutsforscher sagen den Journalsiten: Die Armut steigt, es gibt mehr Anspruchsberechtigte. Die Armut wäre so schlimm wie noch nie in Deutschland.

Problematisch ist auch der Umgang mit dem Thema „Altersarmut„. Immer mehr Rentner müssten sich einen Job suchen, um die Runden zu kommen, behaupten Linkspopulisten und Gewerkschaften. Interessant ist, dass vor allem Rentner erwerbstätig sind, deren Haushaltseinkommen über der Armutsgefährdungsgrenze liegt. Die Motive für eine Weiterarbeit von Rentnern seien vielfältig, sagt das „Institut für die Altersvorsorge“. Rentner ohne Rücklagen und Ostdeutsche würden seltener eine Weiterbeschäftigung suchen.

Auch die „Aufstocker“, Arbeitslose, die als Minijobber oder Teilzeitbeschäftigte wieder in der Arbeitwelt Fuß fassen, können nicht pauschal als arm bezeichnet werden. Von den Gewerkschaften wird die Situation auf den Kopf gestellt. Statt zu begrüßen, dass Arbeitslose etwas dazu verdienen dürfen (Was ihnen früher nicht erlaubt war bzw ihnen die Sozialleistungen gekürzt wurden) beklagen sie, dass die Betroffenen so wenig verdienten, dass sie Sozialhilfe brauchten. Seit die Sozialhilfe nicht mehr gekürzt werden, wenn ein Arbeitsverhältnis beginnt, hat die Zahl der Aufstocker zugenommen. Das kann aber nicht als Indikator für die Zunahme von Armut in Deutschland gewertet werden.

Der von den Expert/-innen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes geprüfte Zeitraum ist 2005 bis 2013. In 2005 legen sie eine Armutsgefährdungsquote von 14% zu Grunde. Diese wäre dann bis 2013 auf alarmierend 15,5 % gestiegen. Der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes sagt, dass die Zahl für 2003 bei 14,7% gelegen habe. In dem genannten Zeitraum sei die Einkommensverteilung in Deutschland also relativ stabil geblieben. Allerdings sei im Achtjahreszeitraum davor diese Zahl von ca. 11% auf besagte 14,7 % angestiegen. Wie gesagt, das ist kein Armutsindikator, sondern zeigt Einkommensunterschiede an. Der Anstieg zwischen 1998 und 2003 lässt sich erklären durch Steuererleichterungen der rot-grünen Bundesegierung für mittlere und hohe Einkommensbezieher und durch eine sich öffnende Schere zwischen gut bezahlten Fachleuten in technisch anspruchsvollen Berufen und wenig qualifizierten Arbeitnehmern.

Zurzeit behauptet die Linkspartei, dass die Zahl der armen Erwerbstätigen in den vergangenen sechs Jahren um 25% zugenommen hätte. Sie beruft sich auf EU-Statistiken. Das sieht sie als Argument für die Erhöhung des Mindestlohns. Auch diese Statistiken haben es in sich. Aus ihnen kann man herauslesen, dass die Zahl armutsgefährderter Arbeitsloser im selben Zeitraum um 10% auf zwei Millionen zurückgegangen ist. Im selben Zeitraum gab es ausnahmslos Reallohnsteigerungen. Der Anteil der Erwerbstätigen mit weniger als 8,50 € Stundenlohn ist gesunken. Gestiegen allerdings ist die Zahl armutsgefährdeter Erwerbstätiger in diesen sechs Jahren von 7,1 auf 8,6%. Die Studie, auf die sich die Linkspartei beruft, EU-SILC, erfasst in einer Stichprobe 14.000 Haushalte und ihr Einkommen, aber nicht die Löhne von Erwerbstätigen, Es wird also nicht nach Teil- und Vollzeitbeschäftigung unterschieden, der Status „erwerbstätig“ beruht auf Selbsteinschätzung.

Da die Zahl der Erwerbstätigen gestiegen ist, ist „naturgemäß“ (s. o.) auch die Zahl armutsgefährdeter Haushalte gestiegen. allein Lebende sind stärker armutsgefährdet. Während bei Paaren das Haushaltseinkommen über der Armutsgefährdungsgrenze liegt, rutscht es nach Scheidung oder Tod des Partners schnell ab. Dann kann man aber nicht sagen, dass sinkende Löhne das Problem wären.

(Vor allem nach FAZ v. 4.2.15 von Dietrich Creutzburg und ergänzt durch FAZ v. 27.4.15, Prof. Dr. Georg Cremer)

Schlimm finde ich, dass über den regelmäßigen, alarmistischen Armutsberichten konkretes Elend aus dem Blickfeld geraten kann, etwa im Bereich der Altersarmut oder bei Alleinerziehenden. Bedauerlich ist auch, dass nicht erwähnt wird, dass über 55% des Bundeshaushalts aus Sozialleistungen bestehen, dass 20% der Einkommenssteuerpflichtigen ca. 80% des Steueraufkommens tragen.

Die Auftraggeber solcher wissenschaftlicher Studien sind Lobbyisten, die unter Berufung auf ihre Studien mehr Geld vom Staat wollen.

Mehr dazu in der unverzichtbaren Unstatistik der Woche

Siehe u. a.auch hier im Blog

N.B.: Die Vermittlung kritischen Denkens (Auch das ein Begriff, der nicht von US-Schulbibliotheksprofessorinen erfunden wurde) machte mir Spaß. Man konnte förmlich sehen, wie es in den Schülerköpfen arbeitete und wie schwer es war, sich von gängigen Klischees zu lösen.

Beispiele? Der hohe Benzinpreis: Die Einkommen stiegen stärker als der Benzinpreis, so dass die Arbeitszeit, die man braucht, um sich den Tank zu füllen, gesunken war.

Der Russlandkrieg der Deutschen scheiterte laut Volksmund angeblich, weil der Winter 1941/42 überraschend kalt gewesen wäre. Stimmt nicht, wurde aber selten überprüft, schon gar nicht im Geschichtsunterricht.

Die wahren Kosten des Autoverkehrs: Bei der beliebten Berechnung, was ein Kilometer im Privat-Pkw kostet, werden die Kosten der Infrastruktur und der Unfallfolgen weggelassen. (Die Grünen haben einmal versucht, diese Kosten zu ermitteln.) Schülerkommentar: „Aber die Straßenbrücken sind doch da!“

Update 28. März: Arbeitsministerin Nahles wies die Behauptung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, dass die Armut in Deutschland noch sie hoch gewesen wäre wie jetzt, zurück. Sie weist darauf hin, dass die Definition der Armutsgefährdung untauglich für die Erfassung wirklicher Armut in sei. Ihr Ministerium werde demnächst einen Bericht vorlegen, in dem der Einfluss der Reichen und der Eliten auf politische Entscheidungen und gesellschaftliche Diskurse offen gelegt werde. Den Zusammenhang verstehe ich jetzt nicht.

Nachtrag 5.5.15: Wenn ich richtig informiert bin, darf der Bundesrechnungshof die Verwendung der staatlichen Sozialleistungen durch die Armutsindustrie nicht prüfen.

Update 13.10.15:

Der Wirtschaftswissenschaftler Angus Deaton hat den Wirtschafts-Nobelpreis bekommen. Er ist Armutsforscher. Aber keiner, der der Armutsindustrie das Wort redet. Er sagt übrigens: “Die Idee, dass die globale Armut ausradiert werden könnte, wenn nur die Reichen mehr an Arme oder arme Länder gäben, ist zwar attraktiv, aber falsch.

 

Siehe auch im Ökonomenblog hier!

Zum führenden deutschen Armutsexperten, dem Politikwissenschaftler Prof. Dr. Butterwegge .

Nachtrag 10.6.16: Der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, der jährlich die wissenschaftlichen Studien über das Wachstum von Armut in Deutschland publiziert, ist jetzt Mitglied der Linkspartei. Das ist an sich nichts Ehrenrühriges. Dass aber alle wissenschaftlichen Studien des Verbandes das wiedergeben, was im Programm seiner Partei steht und der Geschäftsführer bekräftigt, dass er als Verbandsfunktionär sich bei den Linkspopulisten am besten aufgehoben fühlt.

 

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