nainablabla

Früher gab es den Berliner Kurier, das Goldene Blatt und Sat1. Heute gibt es das Internet. Früher schrieb man Primanerlyrik, heute publiziert man auf Twitter, Instagram und Tumblr, wohlgemerkt: nicht auf Facebook! So tut das auch eine 17jährige Kölner Abiturientin. In postpubertärer Selbsterkenntnis nennt sie das „nainablabla“. Da man nicht immer nur „shit“ , „fuck“ und „Ich will kuscheln“ schreiben kann, sondert sie auch Weisheiten über Schule ab: „Ich bin fast 18 und hab´ keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse (sic!) schreiben. In 4 Sprachen.“

Mit dem, was Schule nicht beibringt, kann man sicher Bände oder den Twitter-Server füllen, z. B. einen Reifen wechseln, einen Fahrkartenautomaten bedienen, Popcorn in der Mikrowelle erhitzen. (An letzterem ist Naina gescheitert.) Fraglich ist, ob es der Sinn von allgemein bildender Schule sein soll, Popcorn richtig erhitzen zu können.

Naina ist mit ihrem Blabla auf der Höhe der Zeit. Die Bildungspolitik, im Schlepptau der PISA-Industrie, ist schon lange dabei, Schule alltagspraktisch auszurichten. Was machen Hauptschüler, sofern es sie noch gibt, eigentlich noch, außer Lebenslauf zu schreiben, Ausbildungsmessen zu besuchen und Betriebspraktika zu absolvieren?

Lateinunterricht kann weg, Geschichtsunterricht allemal, Hitler reicht als Geschichtsstoff, in der Fremdsprache nach dem Weg zu McDonalds auf den Champs Elysées fragen können, aber keine Zeit mit dem Lesen von Racines Phèdre verschwenden. Handschrift wird abgeschafft und bald werden die Sprachbücher fürs Gymnasium in Leichter Sprache abgefasst werden.

Das Feuilleton ist von Naina begeistert. Es entstehen tiefsinnige Aufsätze über Schule und welche lebenspraktischen Fächer ihr fehlen. Ein SPON-Journalist setzt allerdings noch eins drauf: Er erklärt, warum Gedichtanalysen richtig und wichtig wären: Man lerne, sich „Materie draufzuschaffen“, die einen nicht interessiere.

Aus der „Netzgemeinde“ erhielt Naina den Rat, sich einfach einmal selbst kundig zu machen und zu recherchieren, was Miete ist. (Lernt man in ihrer Schulbibliothek eigentlich nicht Informationskompetenz?) Auch wie man Gedichtanalyse korrekt schreibt, hat einer ihrer zehntausend Follower erklärt.

Mit ihren Fremdsprachenkenntnissen und dem Abitur in der Tasche, steht Naina demnächst, trotz des angeblichen Versagens ihres Gymnasiums, die Welt offen. Als erstes vielleicht ein Buch schreiben, in Talkshows sitzen, dann M. A. in Kommunikationswissenschaften und irgendetwas mit Medien als Beruf…

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2 Gedanken zu „nainablabla

  1. Monika Grosche

    Traurig. Im Moment habe ich noch jede Menge anders denkende Gymnasiasten. Aber die Tendenz geht eindeutig nach unten. Das merke ich leider bei jedem neuen Jahrgang aus der Grundschule. Ja, die Bedienkompetenz des Handys ist gegeben, aber Schreiben, Lesen und Rechnen…?

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  2. aquasdemarco

    Nainablabla steht für die Jagd nach Story, nach coolen Storys, nach Zeitgeist, wer zu spät schreibt, den bestraft die Redaktion oder die Gesichtsfreunde. Dein Posting ist schon fast zu spãt, die Habwertzeit solcher Netzzdorfschweinereien betrãgt in Neinas Fall 3 Tage, gefilmter Poetrieslam 1-2 Wochen, Edeka Werbespot ne Woche, usw.

    Antwort

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