Hyper Social Reading

Für Schulbibliotheken ist es überlebenswichtig, zu wissen, ob und wie digitale Medien das Lesen verändern, ob sie es fördern oder verhindern. Über Spitzer und Maryanne Wolf habe ich geschrieben. Ihre Befürchtungen gelten manchen als übertrieben oder gar als pseudowissenschaftlicher Quatsch. Dann vermisse ich unter den zahlreichen Digitalisierungsprojekten des Staates ein praktikables Verfahren für (belletristische) E-Book-Nutzung in Schulbibliotheken.

Jetzt habe ich eine Fachtagung zu den Chancen des digitalen Lesens der Stiftung Lesen und Microsoft besucht, die vom Bundesbildungsministerium gefördert wurde. Angeboten wurden Seminare zu Vorlesen mit Apps, Lesen und Gaming, Social Reading. Für letzteres entschied ich mich. Mit Social Reading ist gemeint: Sich über Bücher austauschen mittels digitaler Medien. Als Ergänzung gab es Keynotes von zwei Professorinnen und einem Professor. Da wurden u. a. die einschlägigen Umfragen präsentiert: Wer in welchem Alter zu wie viel Prozent welches digitale Medium wozu benutzt. Gerade rechtzeitig war die ICILS-Studie erschienen, auf die besorgt hingewiesen wurde.

Was mich am meisten fasziniert, ist, dass rund um das digitale Lesen eine akademische Szene entstanden ist, die sich ihre eigenen Begriffe geschaffen hat. (Englischkenntnisse sind hilfreich.) Sie geht vorurteilslos mit der Nutzung digitaler Medien um. Die Zielgruppe sei in diesen Medien zu Hause. Man nimmt das als gegeben und wertet es nicht ab oder lehnt es ab. Das ist als Ausgangspunkt nicht falsch. Das digitale Lesen stehe gleichberechtigt neben dem „alten“ Lesen. Es sei halt anders. Das alte, nicht-digitale Lesen erforderte eine Deep Attention, die sich auf den Text richtet, sei es ein Gedicht, ein Roman oder eine Erzählung. Hyper Attention sei erforderlich, wenn nicht mehr nur ein Text im Mittelpunkt stünde, sondern um ihn herum durch Teilen weitere Texte entstünden. Man entferne sich dabei durchaus vom Ausgangstext, es entstünden neue literarische Texte. Die Trennung zwischen Leser und Autor verschwände, es entstünde die/der Wreader (Kunstwort aus „reader and writer“).

Hat man eigentlich Autoren einmal gefragt, ob sie und ihr Werk Glied in einem Netz von Skriptons und Textons sein wollen?

An die in der Anfangszeit des Internets entstandene Hyperfiction wurde erinnert. Das waren die Texte („Hypertexte“), innerhalb derer verlinkt wurde zu weiteren Texten oder auch Bildern. Und von denen gingen dann neue Links ab. So konnte man sich als Leser, indem man unterschiedliche Links verfolgte, ein eigenes Narrativ innerhalb der Geschichte zusammenstellen, Handlungsalternativen, ein alternativer Schluss, ein vorzeitiger Schluss, neue Personen und Ereignisse hinzuphantasieren. Das begeisterte in den 90ern, und mancher Literaturtheoretiker schwärmte von den revolutionären Möglichkeiten des digitalen Erzählens.

Mit Deep Attention, dem konzentrierten verstehenden Eindringen in einen Text, kommt man da nicht weiter. Hyper Attention setze die Befähigung zum Multitasking voraus. Das beherrsche die Net Generation. Man springt von einem Link zum anderen. Man muss sich entscheiden, ob man diesem oder jenem Link folgt. (Der gelesene heißt Skripton, der verschmähte, nicht-gelesene Texton.) Der Lesefluss wird ständig unterbrochen. Sogar wenn man einem Link nicht folgt, bedeutet das ja, dass man sich entscheiden musste, also den  Leseprozess unterbrochen hat.

Statt Social Reading müsst man eigentlich Hyper Social Reading sagen. Denn Lesen war auch im vor-digitalen Zeitalter keine einsame Sache. Man redete und schrieb über Gelesenes, man las vor, las einen Text gemeinsam. Durch die digitalen Medien gebe es nun eine Kommunikationsrevolution. So viel Öffentlichkeit, so viel Mitteilungsmöglichkeiten, so viele Realtime-Reaktionen gab es in der analogen Zeit nicht. Was folgt daraus für die Leseförderer in Schule und Bibliothek? Das sollten die Workshops beantworten. Ich kann, wie gesagt, nur von einem berichten.

Ein Werber mit Schwerpunkt Social-Media-Marketing hat im Rahmen des vom Bundesbildungsministeriums finanzierten Programms Lesestark in einer fränkischen Stadtbibliothek mit 8. Hauptschulklassen Social-Reading-Workshops durchgeführt.

Da ich noch aus der Zeit das analogen Social Readings stamme, habe ich hier meinen Bezugspunkt: In der Lese-AG, beim Kreativen Schreiben-Workshop und beim handlungsorientierten Lesen eines Jugendbuches passierte Ähnliches. Allenfalls das Erzählen mit Twitter ist eine hübsche Übung. Man ist gezwungen, sich kurz zu fassen.

Warum sich das alles auf Facebook abspielen muss, kann ich nicht nachvollziehen. Ich bin bei Facebook vor zwei Jahren ausgestiegen. Angesichts der Diskussionen um diese Plattform, gerade auch in schulischer Hinsicht und wegen der Probleme beim Datenschutz, habe ich wenig Verständnis dafür, dass man Schreibprojekte mit Schüler/-innen auf einem kommerziellen Portal durchführen muss.

Man will dort sein, wo die Net Generation ist. Aber da gibt es ein paar Widersprüche. Warum muss Schule/Bibliothek genau das tun, was die Zielgruppe schon längst tut: Sich in den neuen Medien tummeln. Was will man ihnen dann noch beibringen?

Ist es nicht so, dass Jugendliche gar nicht begeistert sind, wenn ihre digitalen Treffpunkte jetzt auch noch Unterrichtsgegenstand werden? Oder die Erwachsenen ihnen zeigen, wie man ihre digitalen Geräte und Programme richtig benutzt?

(Wobei die auf der Tagung genannten Daten zur Mediennutzung noch nicht erfasst hatten, dass Facebook bei Kindern und Jugendlichen gerade Anhänger/-innen verliert.)

Der Workshopleiter gab zu, dass die Achtklässler, wenn sie am Computer saßen, ständig zu anderen Seiten wechselten. Aber sie kamen schnell zurück und wären sofort wieder voll bei der Sache gewesen. Schließlich beherrschten sie Multitasking. (Ich vergaß zu fragen, welche Untersuchung dieser Behauptung zugrunde lag. Mir sind bisher nur Studien bekannt, die besagen, dass jemand, der zwei Dinge gleichzeitig tut oder ständig hin und her wechselt, beide Aufgaben schlecht löst und länger braucht.) Jedenfalls gab er zu, dass es eines guten Moderatoren bedürfe. Hypersoziale Leseprojekte seien hochdynamisch. Am Multitasking konnten die Zuhörer/-innen teilnehmen: Während des Workshops wurden auf dem Bildschirm eingehende Tweets und Linkedin-Kontaktanfragen angezeigt.

Alle Redner betonten und hatten es auf ihren Powerpointfolien aufgeschrieben, dass digitale Leseprojekte sehr kreativitätsfördernd seien.

  • Social-Reading-Projekt von Kiepenheuer und Witsch „Der bleiche König“
  • Joseph twittert die Weihnachtsgeschichte
  • Nachtrag zum Hype um Multitasking: Der Spiegel, Heft 11/2015, hat eine Titelgeschichte über Konzentration.
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