Der Niedergang des professionellen Journalismus

(Mit Update vom Januar 2016)

Das Pew Research Center in Washington ist ein Meinungsforschungsinstitut, das u. a. Entwicklungen in den amerikanischen Medien untersucht. Der aktuelle Befund lautet: Immer mehr Amerikaner beziehen ihre Nachrichten aus den sozialen Medien. Allein über Facebook informieren sich 30% aller Amerikaner über das Weltgeschehen. Wobei aber nur ein Drittel dort professionellen Nachrichtenanbietern folgt. Fast 80% der Facebooknutzer/-innen nehmen Nachrichten nebenbei mit. Nachrichten werden geliked, kommentiert oder weitergeleitet. Fast zwei Drittel der Nutzer der Social Media informieren sich nur auf einer Seite über Neuigkeiten (News), also nur in Facebook oder nur auf Twitter oder Youtube. Die Nutzung reiner Nachrichtenlieferanten wie Zeitungen, TV- oder Radiostationen nimmt ab. Da mit Werbung rund um Videoclips zunehmend Geld verdient wird, investieren die in den USA weit verbreiteten lokalen TV-Sender in Video-Content. Lokale Stationen werden zunehmend von Konzernen aufgekauft. Erfolgreich sind Portale wie buzzfeed und Huffington Post, die man als Yellow Press – Regenbogenpresse  – bezeichnen könnte.

In Deutschland dürfte es nicht viel anders aussehen. Die gedruckten Zeitungen verlieren an Auflage. Redaktionen entlassen Journalist/-innen. Die Kundenzeitschriften von Konzernen kommen daher wie seriöse Zeitungen und Zeitschriften. Vielfach werden in den Medien Pressemitteilungen von Unternehmen unkommentiert abgedruckt.

Die Frage, welche langfristigen Folgen es für die Demokratie haben wird, wenn Bürger auf profunde und seriöse Informationen keinen Wert mehr legen, sondern dem vertrauen, was Freunde, gewerbliche Kommunikationsexperten oder Leserreporter verlautbaren, drängt sich auf. Erinnert sei an die Berlusconisierung des italienischen Fernsehens. (Wobei ich damit nicht nur die Medienmacht von Oligarchen meine, sondern auch die Verflachung der Programme.)

Bitte keinen Journalismus von Dominik Imseng

Dass die Online-Neugründung Krautreporter den Qualitätsjournalismus nicht neu erfindet, zeigt u. a. die Interviewreihe „Jung und naiv“ mit meist endlos langen Interviews und manchmal unsäglichen Auftritten. Naivität und kein Gespräch führen können ist nicht automatisch ein Qualitätsmerkmal, trotz Grimme-Preises. Manchmal ist es aber sehenswert.

Blog Zettels Raum über den „Jung und naiv“-Star Tilo Jung

SZ-Kritik, Tagesspiegel-Lob

Roland Tichys 7 Thesen zum Verfall des Journalismus. (Dass, wie Tichy anführt, 63% der Leser/-innen ausgerechnet der deutschen Berichterstattung zum Ukrainekrieg misstrauen, war allerdings für mich nicht Anlass meines Blogbeitrages.

Zur Tagesschau-Berichterstattung

Zur mangelnden Sorgfalt bei der Berichterstattung über neueste wissenschaftliche Studien

Update 30.12.14 zur mangelnden Sorgfalt und Genauigkeit mancher Journalisten:

Die Berichte über neue Studien von Wirtschaftswissenschaftlern über Kosten und Nutzen von Migranten. Einer Studie des Professors Bonin zufolge würden Migranten mehr an Steuern und Sozialabgaben zahlen als sie an Leistungen erhalten. Eine Studie des Professors Sinn besagt das Gegenteil.

Nun weiß man, dass Wirtschaftswissenschaften eine problematische Wissenschaft sind. Theorie- und Modellbildung sind noch schwieriger als in der Klimaforschung und der Wetterbeobachtung.

Prof. Sinn hat zu den Zahlen von Prof. Bonin auch die staatlichen Ausgaben für öffentliche Leistungen (Straßenbau, Schuldentilgung, Polizei, Verteidigung usw., aber ohne Schulen) addiert und kommt statt des Boninschen Überschusses von ca. 22.000 € auf ein Minus von ca. 80.000 €. Allerdings hätte man das schon bei Bonin lesen können. Auch er käme zu einem ähnlichen Ergebnis wie Sinn, wenn er auch alle staatlichen Ausgaben anteilig auf die Migranten umgelegt hätte. Wer hat denn heute noch Zeit zu lesen? Eine knallige Überschrift statt seriöser Berichterstattung.

Jetzt streiten sich die Wirtschaftswissenschaftler/-innen und die Kolumnist/-innen, ob man die Ausgaben des Staates auch auf die Migrant/-innen umlegen darf. Sie entstünden doch sowieso. So argumentierten früher meine Schüler, wenn wir versuchten die Kosten des Autoverkehrs zu erfassen: „Die Brücke gibt es doch!“ sagte ein Schüler, „Die darf man jetzt doch nicht den Autofahrern in Rechnung stellen.“

2. Ähnlich war es beim zehnjährigen Hartz-IV-Jubiläum. Der DGB versandte die Pressemitteilung mit der Information, wie schlecht Hartz IV wäre, der Präsident des Landkreistages, Reinhard Sager, hält die Reform trotz aller Unzulänglichkeiten für einen Erfolg.

Hartz IV geriet teurer als die vorhergehenden Regelungen. Eigentlich hatte die Regierung mit Einsparungen gerechnet. Irgendwo habe ich gelesen, dass es eine Studie gäbe, die herausgefunden hat, dass etwa zwei Drittel der Bezieher sich besser stellen, als wenn die alten Regelungen gälten, ein Drittel stelle sich schlechter.

Siehe auch hier.

Nachtrag 30.11.15: Die Heute-Show

Update 6.1.2016: Jan Fleischhauer über das Nanny-Fernsehen

Ein Gedanke zu „Der Niedergang des professionellen Journalismus

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