Kleiner Beitrag zur Erhöhung der Informationskompetenz

www.unstatistik.de ist eine meiner Lieblingsseiten. Die Professoren Walter Krämer und Thomas K. Bauer betreiben Volksbildung vom Feinsten, in dem sie über die Tücken von Statistiken aufklären. Ich habe im Unterricht schon immer gerne vermeintliche Gewissheiten thematisiert oder die Entstehung von Vorurteilen und Fehlinformationen untersucht. Man hätte ein komplettes Curriculum daraus machen können. Lernziel: Nachdenken, kritisch denken, hinterfragen, nicht alles glauben, was in der Zeitung steht oder das „Fernseh“ sagt.

Der Gender Pay Gap ist so eine irreführende Aussage – die Behauptung, für gleiche Arbeit würden Frauen weniger Geld erhalten. Ich habe lange mich nicht getraut, meine Zweifel laut zu äußern. Die Kollegin, die die benachbarte Gesamtschule leitete, war doch genauso eingestuft wie ich. Erhielt eine Zahntechnikerin wirklich weniger Geld als ein Zahntechniker? Da Genderforscherinnen dies in allen Medien verbreiteten und Nachrichtensprecherinnen die Pressemitteilung der Frauenministerin zum Equal Pay Day bierernst verlasen, musste es wohl so sein und ich zweifelte an meiner Kompetenz, diesen Sachverhalt, der für alle so selbstverständlich und beklagenswert schien, zu verstehen.

Hier werden fast immer Äpfel mit Birnen verglichen. Da wird das Chefarztgehalt und das der Krankenschwester verglichen und schon lautet die Schlagzeile: In Krankenhäusern werden Frauen schlechter bezahlt als Männer. Die hoch bezahlten männlichen Naturwissenschaftler in Chemiefirmen werden in einen Topf geworfen mit den Sekretärinnen und Buchhalterinnen in diesen Firmen und dann heißt es, in der Chemieindustrie verdienten Frauen weniger als Männer. Hier ist die Stellungnahme der beiden Professoren, die unstatistik.de betreiben und das noch besser auseinander nehmen können:

Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern?

„Die Unstatistik des Monats März heißt 23%. So hoch ist der durchschnittliche Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern, der im Umfeld des Equal Pay Day eine hohe mediale Aufmerksamkeit erfahren hat und selbst im Bundestag Gegenstand einer Debatte war. Dieses durchschnittliche Lohndifferential enthält jedoch keinerlei Information darüber, ob bei der Entlohnung Frauen und Männer wirklich ungleich behandelt werden. Dies liegt darin begründet, dass mit dem durchschnittlichen Lohndifferential „Äpfel mit Birnen“ verglichen werden.

Die in Deutschland beschäftigten Frauen und Männer unterscheiden sich unter anderem hinsichtlich ihrer durchschnittlichen Ausbildung, Berufserfahrung und Arbeitszeit. Darüber hinaus sind Frauen und Männer weiterhin überwiegend in unterschiedlichen Berufen und Industrien tätig. Werden im Rahmen einer Regressionsanalyse diese Unterschiede zwischen Frauen und Männern berücksichtigt, reduziert sich das durchschnittliche Lohndifferential auf 12%. (Andere kommen auf 7%; GS) Das ist immer noch nicht gleich, aber deutlich weniger ungleich. Doch auch eine derartige Korrektur des Lohndifferentials ist nicht hinreichend, um einen gesicherten Eindruck über eine mögliche Ungleichbehandlung von Frauen und Männern zu gewinnen. Vielmehr müssten Frauen und Männer miteinander verglichen werden, die über die gleichen arbeitsmarktrelevanten Charakteristika verfügen und in denselben Unternehmen die gleiche Tätigkeit ausüben.

Würden wirklich vergleichbare weibliche und männliche Beschäftigte miteinander verglichen, wäre es überraschend, wenn ein nennenswertes Lohndifferential festzustellen wäre. Wäre dies der Fall, würden nicht nur eine Vielzahl von Unternehmen gegen geltendes Recht – das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) – verstoßen, sondern auch die Betriebsräte und Gewerkschaften bei einer ihrer wichtigsten Kontrollaufgaben weitgehend versagen.

Schließlich ist zu befürchten, dass der Fokus auf das obige Lohndifferential die wahren Gleichstellungsprobleme verschleiert. Anstatt der Konzentration auf medienwirksame Lohnunterschiede So dürften bspw. sollte sich die Politik fragen, warum überwiegend Frauen in Teilzeit arbeiten, Kinder betreuen und Familienangehörige pflegen. Auch sollte die Frage gestellt werden, warum Frauen andere Berufe als Männer wählen, was nicht zuletzt die Absolventenstatistik der Universitäten verdeutlicht. Diesen Unterschieden sollte sich die Politik zuwenden, wenn sie ernsthafte Gleichstellungspolitik betreiben möchte…“ Siehe dazu aber auch „Das norwegische Gleichstellungs-Paradox“!

Update: Der Spiegel 11/2015 hat zur Erläuterung des statistischen  7 bzw. 12%-Pay Gap Fälle realer Ungleichbehandlung zusammengetragen. Das sind, wenn es zuträfe, schlimme, manchmal systematische  Diskriminierungen von Frauen, etwa bei der Firma Birkenstock.

Was mich wundert – die Statistikprofessoren fragen dies auch : Wo waren in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich Gewerbeaufsicht, Betriebsräte und Gewerkschaften?

Eine Lösung des Problems des verbleibenden Pay Gaps wäre: Mehr Frauen müssten in gut bezahlten industriellen Männerberufen arbeiten, etwa in der Auto- und in der Stahlindustrie und nicht in Kindergärten und als Krankenschwestern.

Ob die Gehaltsoffenlegung, zu denen Frau Nahles und Frau Schwesig die Betriebe jetzt zwingen, Gutes bewirken, bleibt abzuwarten. Bisher war es doch so, dass ein Betrieb mit der Person, die sie gerne haben wollte, das Gehalt aushandelte, sei es, um einen guten Informatiker, einen anderswo schon erfolgreichen Verkaufsleiter, einen Chinesisch sprechenden Manager für das Werk in China (Jeweils auch in der weiblichen Form) zu bekommen. Da war es eher die Regel, dass unterschiedliche Gehälter gezahlt wurden. Das dürfen die Betriebe zukünftig nicht mehr, wenn ich das richtig sehe.

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Ein Gedanke zu „Kleiner Beitrag zur Erhöhung der Informationskompetenz

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