Die Novellierung des hessischen Bibliotheksgesetzes steht an

Vor vier Jahren wurde auch in Hessen ein Bibliotheksgesetz verabschiedet. Auch in Hessen erkannten die Interessenvertreter/-innen des Bibliothekswesens bald, dass Papier geduldig ist. Jetzt steht eine Novellierung an. Ein neuer Anlauf, um an staatliche Geldtöpfe heranzukommen? Vielleicht klappt es jetzt?

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich der Meinung bin, Schulbibliotheken gehören ins Schulgesetz, weil sie Sache der Schule, der Schulverwaltung und der Schulaufsicht sind. Das sehen 80% der deutschen Bildungs- und Kulturpolitiker/-innen und die Lobbyist/-innen der Bibliotheksverbände leider anders. Da hilft auch der Verweis auf den Rest der Schulbibliothekswelt nicht. Der deutsche Sonderweg ist betonhart. Neben der historischen Entwicklung ist das mit dem aktuellen Zustand des Schulwesens zu erklären: Es gibt so viele Baustellen – unsanierte Schulklos, Unterrichtsausfall, fehlende Inklusionskompetenzen in den Kollegien, die diffuse Kompetenzorientierung mitsamt Bildungsstandards und Zentralabitur usw. usw. Da ist man heilfroh, nicht auch noch Geld für die Ausstattung von Bibliotheksräumen und die Bezahlung von Bibliothekspersonal in 36.000 Schulen aufwenden zu müssen. Den Bibliotheksverbänden gibt man ein heiß ersehntes Gesetz, das keine Kosten verursacht, und belässt ihnen dankbar die – faktisch folgenlose – Zuständigkeit für Schulbibliotheken.

Eine Zusammenarbeit der Schulbibliotheken mit den öffentlichen Bibliotheken ist sinnvoll. Aber darin das beste des Schulbibliothekswesens zu sehen (So lautete einmal eine bibliothekarische Fortbildungsveranstaltung) ist doch etwas überzogen. Auch werden Bibliothekar/-innen in Schulbibliotheken und schulbibliothekarischen Unterstützungseinrichtungen in der Schulverwaltung und in den regionalen Medienzentren gebraucht.

Ein Beispiel, warum eine landesweite Zuständigkeit im Rahmen von Schulaufsicht wünschenswert wäre: Drei Viertel der über 2.000 hessischen Schulen nutzen die Software LITTERA. Sie wurden zwanzig Jahre lang von einigen wenigen Lehrkräften nebenamtlich mit minimaler Anrechnung auf die Arbeitszeit – erfolgreich – betreut. Seit kurzem ist ein regionales Medienzentrum zuständig und der gemeinnützige Verein LAG Schulbibliotheken kümmert sich in Zusammenarbeit mit dem Medienzentrum um Schulungskurse, nicht etwa die Landesfachstelle für öffentliche Bibliotheken, die einen Beratungsauftrag für Schulbibliotheken für sich in Anspruch nimmt.

Seit sieben Jahren gibt es die vom dbv gewünschte hessische Kooperationsvereinbarung zur Zusammenarbeit von öffentlichen Bibliotheken und Schulen. Die seit dieser Zeit für Schulbibliotheken zuständigen Bibliothekar/-innen haben, um es diplomatisch zu sagen, kein großes Interesse an der Betreuung und Weiterentwicklung von LITTERA. Von einem in der hessischen Landesfachstelle tätigen EDV-Fachmann hörte ich erstmals, als der in Bayern über bibliotheksfachlich geeignete Schulbibliothekssoftware referierte.

Wie unsystematisch zufällig Schulbibliotheken im derzeitigen hessischen BiblG stehen, hatte ich im Basedow1764 beschrieben:

“Die Bibliotheken werden von ihren Trägern finanziert” heißt es in Artikel 8. “Im Rahmen der verfügbaren Haushaltsmittel fördert das Land die öffentlichen Bibliotheken” steht da noch. Das hat es bisher auch getan. Die Schulbibliotheken, die in § 1 neben den öffentlichen eigens genannt wurden, werden im § 8 nicht erwähnt. Und die Leseförderung in öBs und SBs hat jetzt Gesetzesrang.

Steht den Eltern der Rechtsweg offen, wenn die Stadtbücherei keine Lesungen anbietet?

Dass den Politiker/-innen bei Schulbibliothek nur die Leseförderung einfällt, wirft uns auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück. Die Vermittlung von Informations- und Medienkompetenzen ist Sache der öffentlichen Bibliothek (§ 5,2)

Dass die Politik  auch noch die Schulbibliotheken explizit ins Gesetz hineinschreibt, wo der dbv doch lieber “Zusammenarbeit von Bibliothek und Schule” drin gehabt hätte, ist kontraproduktiv. Wenigstens haben Bibliotheksführungen für Schulklassen keinen Gesetzesrang erhalten wie in Thüringen.

Im § 2 findet sich eine Aussage, die kommunale Kämmerer nicht erfreuen wird: “Bibliotheken sollen mit den Schulen zusammenarbeiten und unterstützen sie in Zusammenarbeit mit den zuständigen Fachministerien beim Aufbau und dem Betrieb von eigenen Bibliotheken.”

Warum soll eine Gemeindebücherei den Landkreis in Sachen Schulbibliotheken unterstützen, ohne dafür Geld zu kriegen? Außerdem tangiert das zumindest das Konnexitätsprinzip, nach dem der Landesgesetzgeber den Kommunen nicht etwas vorschreiben darf, ohne dafür zu bezahlen. (Worauf man im dbv wohl hofft.)

Kein Verband war vor vier Jahren so ehrlich wie der Bundesverband Information Bibliothek e. V., BIB, Landesgruppe Hessen:

Er will keine Schulbibliotheken in Hessen.

  • Er will den Kooperationsvertrag „Zusammenarbeit Bibliothek und Schule“ im Gesetz verankert wissen.
  • Die Landesregierung müsse pädagogische Konzepte vorgeben und die Nutzung der öffentlichen Bibliotheken in die Lehrpläne der Schulen hineinschreiben. Dazu müsse die Landesfachstelle für öffentliche Bibliotheken Beratungsaufgaben zugewiesen bekommen. (Was natürlich nur mit mehr Personal zu leisten wäre.)
  • Die Bibliothek sei Bildungsort: Da Schulbibliotheken in Deutschland keine Tradition(!) hätten und auch meist nicht vorhanden seien, sei die Zusammenarbeit von (auf einmal in dieser Reihenfolge!!!) Schule und örtlicher Bibliothek vorzuziehen.
  • Schulbibliothekarische Arbeitsstellen unterstützten und begleiteten in anderen Bundesländern diese Zusammenarbeit(?). Sie seien daher von der Landesregierung zu finanzieren.
Wer das nicht glaubt, kann es hier nachlesen.
 - Frühere Beiträge zum Stichwort "Bibliotheksgesetz" im Blog
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s