Digitales Tutorial… (Nachbemerkung)

Die beachtliche Klickrate, die mein Hinweis auf das „Digitale Tutorial zur Vermittlung von Informationskompetenzen für Abiturienten“ hat – 193 in zwei Tagen – erstaunt mich. Ist es die nicht enden wollende Suche nach dem endgültigen Super-Mega-Tool zur Vermittlung von Informationskompetenzen? Denn in der Praxis sieht es düster aus. Da werden Referate gekauft, von Schule zu Schule weitergegeben, es wird abgeschrieben, was das Zeug hält, Meinungen als Tatsachen ausgegeben, statt präziser Quellenangabe steht „Google“. Bei der Präsentation werden die Highlights aus den Präsentationsprogrammen Canvas, Prezi oder Powerpoint vorgeführt, im Thema steht die Vortragenden nach der Copy-and-Paste-Orgie selten.

Wie sollen 15- oder 17jährige Webseiten evaluieren, wenn sogar erwachsene Journalist/-innen nur zeigen oder wiedergeben, was ihnen Hamas-Pressereferent/-innen oder das russische Staatsfernsehen vorsetzen?

Die Evaluationskriterien, die man den Schülern anbietet: Zeitnahes Datum, Impressum, Updates, Rechtschreibfehler(!), zuverlässiger Autor oder seriöse Institution sind entweder nicht zielführend oder schwer zu beurteilen. Um beim Ukrainekrieg zu bleiben: Wie vermag ein Zehntklässler zu erkennen, wie er die Expertise des Ost-Instituts Wismar einzuschätzen hat, das von der Tagesschau-Redaktion gerne befragt wird.

Angesichts der hohen Klickrate sehe ich noch ein ganz anderes Problem: Das Verständnis von Unterricht, das in vielen gesellschaftlichen Kreisen vorherrscht. Ist es die Vorstellung, dass jeder Schüler, jede Schülerin hoch konzentriert und motiviert ein Handbuch durcharbeitet und dann seine Präsentation erstellt? Besteht Unterricht darin, dass der Lehrer – sofern er sich rechtzeitig in die Belegungsliste eingetragen hat oder der Computerraum frei ist oder der Laptopwagen voller funktionierender, aufgeladener Laptops – den Schülern aufgibt, das Tutorial durchzuarbeiten und dann im Lehrerzimmer Kaffee trinken geht? In der US-amerikanischen Schulbibliotheksszene wird vom „Flipped Classroom“ geschwärmt: Man erarbeitet sich das Grundlagenwissen zu Hause, im Unterricht wird dann diskutiert oder angewendet.

An Eliteschulen mag das alles funktionieren, an „Normalschulen“ würde ich mich nicht darauf verlassen, dass meine Schüler sich zu Hause beigebracht haben, wie man ein gutes Referat erarbeitet. Schon die Erwartung, dass eine Doppelstunde lang jeder für sich ein Handbuch durcharbeitet, ist optimistisch.

Es wäre ein fundamentales Missverständnis von Unterricht, so zu handeln. Eine Schulklasse ist etwas anderes als eine Gruppe von Mönchen, die in einem Refektorium von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang schweigend Texte kopiert. Im Unterricht agieren Schüler und Lehrer miteinander. Der Lehrer moderiert nicht, sondern er informiert, er macht vor, gibt Beispiele, die Schüler arbeiten in Gruppen oder einzeln an einer überschaubaren Aufgabe, Ergebnisse werden präsentiert, besprochen, Fragen werden beantwortet. Es werden kurze Lehrgänge eingeschoben, in denen gezeigt wird, wie man korrekt zitiert und bibliographiert. Es wird Merkblätter und Arbeitsblätter geben, ein Fragebogen wird dazu anhalten, über den Rechercheprozess zu reflektieren.

Wer diesen Prozess unterrichtet wird übrigens schnell feststellen, dass das Hauptproblem nicht darin liegt, Informationsquellen zu suchen und zu finden, sondern an ganz anderen Ecken Probleme entstehen:

  • Einen Sachverhalt mit eigenen Worten wiedergeben
  • zwischen einer Meinungsäußerung und Sachinformation unterscheiden zu können
  • einen Text zusammenfassen zu können

Wer der Lehrererfahrung nicht glauben mag: In ihrer Dissertation hat Nathalie Mertes genau dies festgestellt.

Dass Präsentationspüfungen, Hausarbeiten und Referate umso besser gelingen, je früher man damit beginnt, nicht erst im Craskurs kurz vor dem Abitur, ist auch kein Geheimnis.

Dies im Hinterkopf habend, empfehle ich jedem Lehrer, der seinen Schülern Informationskompetenzen beibringen will, das Tutorial dankbar zu lesen und zu überlegen, wie er daraus Unterricht macht.

– Siehe im Blog u. a. hier und hier!

Der Lehrerfreund: Sinnvolle Internetrecherche; digithek.blog: Weitere Tipps

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Ein Gedanke zu „Digitales Tutorial… (Nachbemerkung)

  1. Pingback: Ein Kommentar zum neuen Stuttgarter IK-Tutorial | digithek blog

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