Brandbrief des Berliner dbv

Den Berliner Bibliotheken steht das Wasser mehr nur am Hals, sondern ist in Richtung Unterlippe weiter gewandert. Das zeigt auch eine Stellungnahme (s. u.) des Landesgeschäftsführers, adressiert an den Regierenden Bürgermeister und andere politische Führungskräfte. Er mahnt einen Bibliotheksentwicklungsplan, mehr Geld, mehr Personal und – natürlich – ein Bibliotheksgesetz an.

Man kann den Klagebrief unter verschiedener Perspektive lesen – z. B. mit den Augen der Politik oder unter dem Gesichtspunkt „Was ist mit den Schulbibliotheken?“.

Die Politik war bereit, eine ZLB auf dem Tempelhofer Feld zu bauen, das haben die Berlinerinnen und Berliner auf dem Wege des Bürgerentscheids verhindert. Das Tempelhofer Feld darf nicht bebaut werden. Geht´s dem Wortlaut nach, darf noch nicht einmal eine neue Parkbank aufgestellt werden. Der Senat war also durchaus bereit, etwas zu tun und viel Geld in die Hand zu nehmen. Alternativstandorte werden gesucht. Berlin hat auch nach der beklagten Reduktion der Bibliotheksstandorte von 101 auf 84 immer noch mehr als, in Relation gesehen, Hamburg.

Die mangelhafte Kooperation zwischen den Bezirksbibliotheken ist auch der föderalistischen Struktur des Landes Berlin geschuldet. Die Bezirke wollen sich vom Senat nicht hineinreden lassen. Also auch möglichst keine bibliothekarischen Aufgaben an eine zentrale Bibliothek abgeben. Das konnten wir bei der Diskussion um die Schaffung einer schulbibliothekarischen Arbeitsstelle an der ZLB bemerken.

Manche der aufgezählten Desiderata lassen Zweifel aufkommen, wie ernst die Lage wirklich ist:

Es gäbe keinen gemeinsamen Jahresbericht der öffentlichen Bibliotheken
Es gäbe kein gemeinsames Corporate Design für die Dachmarke VÖBB, den Gesamtberliner Katalog
Es gäbe kein öffentlichkeitswirksames Event der Berliner öffentlichen Bibliotheken
Ohne die bibliothekarischen Verbände gäbe es nicht einmal die Lange Nacht der Bibliotheken
Nicht einmal die Hälfte der Bezirksbibliotheken wäre in sozialen Netzwerken präsent

Soll Herr Wowereit, statt die Mercedes-Benz-Modewoche zu eröffnen, jetzt das ekz-Festival des VÖBB im Festzelt auf dem Pariser Platz begleiten und Follower des Twitter-Accounts der Bezirksbibliothek Reinickendorf werden? Ich zweifle, ob dieser klagende Rundumschlag – „beigefügt unser Entwurf zu einem Bibliotheksgesetz“ – etwas bewirkt.

Der Landesvorsitzende sagt, dass die Berliner Bibliotheken Millionen erwirtschaften würden, die ihnen aber nicht zugute kämen, sondern anderweitig verschwänden. Das kann ich nicht nachprüfen. In der künstlerisch-kulturellen Szene hört man fast immer die Forderung an den Staat: „Gib mir Geld, dann tue ich was“. Das Umgekehrte ist weitaus weniger oft zu hören: „Seht her, wir machen etwas Tolles. Unterstützt uns!“

Ob die Makerspaces, die jetzt aus den USA in die öffentlichen Bibliotheken einwandern, die Rettung sind? Mit teuren 3-D-Druckern Schachfiguren herstellen oder schadhafte Elektrogeräte unter Anleitung reparieren (SLB Potsdam) kann vielleicht ein Hit werden. Dann muss man sicherlich auch weniger Bücher kaufen. Wie sich der öffentliche, mit Staatsknete finanzierte Makerspace zu den allmählich entstehenden privaten 3-D-Werkstätten verhält, ist wohl ein noch zu akademisches, neoliberales Thema.

Um ihre Zukunftsaussichten sind öffentliche Bibliotheken nicht zu beneiden. Wie ist das mit den Video-, CD-, CD-ROM-Beständen, auf denen sie jetzt sitzen? Private Videotheken machen reihenweise pleite, für die gibt es kein Videotheksgesetz. Schon jetzt hat Google Millionen Bücher aus Bibliotheksbeständen(!) eingescannt. Um die einzusehen, brauche ich keinen VÖBB. Was ist, wenn Netflix kommt und die Amazon-E-Book-Flatrate, die mir Zugriff auf Hunderttausende von Büchern ermöglicht?  Da dürfte die ekz-Onleihe alt aussehen.

Aber nun zur zweiten Lesart dieses Schreibens: Wie sieht der dbv-Landesvorsitzende die Schulbibliotheken? Es ist seit einiger Zeit zu hören, dass beim dbv das Umdenken begonnen hätte. Nicht länger hielte man Schulbibliotheken für überflüssig und vergäße sie in den Bibliotheksgesetzen. Welche Rolle spielen sie in dem Brandbrief? Nun, wie immer, eine taktische, weil mit ihnen die Notwendigkeit der öffentlichen Bibliothek bewiesen werden soll.

Erst einmal braucht es keine Schulbibliotheken (auch wenn das nicht ausdrücklich gesagt wird), denn es gebe in Berlin erfolgreiche Beispiele der Unterstützung der Schulen durch öffentliche Bibliotheken, z. B. gingen Bibliothekarinnen mit Sachkinderbüchern in Grundschulklassen. Für Jugendliche und junge Erwachsene gebe es Modellbibliotheken. Volkshochschule und Stadtbibliothek arbeiteten eng im Sinne einer Grundbildung und aktiven Sprachförderung zusammen.

Von einem Netz der Schulbibliotheken ist dann plötzlich die Rede, wenn es darum geht, den Zentralkatalog VÖBB weiterzuentwickeln. Und im selben Satz(!): es gibt keinen für die Schulen definierten Standard für eine professionelle Betreuung (der Schulbibliothek). Als Politiker würde ich vermuten: Wenn diese Standards kommen, macht der dbv ein neues Forderungsfeld auf: Nach bibliotheksfachlichen Standards personell und sächlich ausgestattete Schulbibliotheken. Wehret den Anfängen!

Wenn man die fachlichen Maßstäbe á la IFLA anlegt, kann man einen großen Teil des Berliner Schulbibliotheks“netzes“ und seiner Bestände vergessen. Die Angemessenheit dieser Standards ist auch in Bibliothekar/-innenkreisen nicht unumstritten.

Für die Zukunftschancen der Schulbibliotheken ist es m. E. wichtig, dass sie sich als Teil von Schule definieren, als Lernort, der im Schulalltag präsent und unverzichtbar ist. Zusammenarbeit mit und Unterstützung durch öffentliche Bibliotheken ist erwünscht. Aber sie als Argument für mehr Geld und Personal in öffentlichen Bibliotheken zu gebrauchen, wird ihnen nicht gerecht.

Es mag sein, dass Herr Rogge, der dbv-Geschäftsführer, den Schulbibliotheken mehr gewogen ist, als es in der Stellungnahme den Anschein hat. Allerdings fehlt auch in der Rahmenvereinbarung zur Leseförderung in öffentlichen Bibliotheken für Schulen und Kindergärten (Bibliotheksführungen, Informationskompetenzvermittlung, Lehrerfortbildung) jeglicher Hinweis auf Schulbibliotheken. In der o.a. Stellungnahme wiederum beklagt er die Aufgabenüberlastung des bibliothekarischen Personals. Sollte dennoch eine örtliche öB eine Schulbibliothek unterstützen, käme das zumindest in die Nähe der Vertragswidrigkeit. Warum nicht zuerst darüber verhandeln, wer welche Kosten übernimmt und dann einen Vertrag machen?

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