Die andere Heimat. Chronik einer Sehnsucht

Dieser Beitrag fällt aus dem thematischen Rahmen. Sei´s drum!

Ich stamme aus einem Dorf in Rheinhessen. Zu meiner Heimat zähle ich großzügig den Mittelrhein und die Pfalz dazu, vor allem den Hunsrück. Dort stand das Landheim meiner Schule, dort habe ich den größten Teil meines Wehrdienstes verbracht. Zu Rhein, Mosel und Nahe führten unzählige Sonntagsausflüge. Zum linksrheinischen Deutschland, auch zu den Nachbarn im Elsaß, in Luxemburg, in den Ardennen fühle ich mich hingezogen. Daran hat auch der Umzug ins auch schöne, aber ganz andere Brandenburg nichts geändert.

Es liegt auf der Hand, dass die TV-Trilogie „Heimat“ von Edgar Reitz für mich ein Kultfilm wurde. Mit einem Bus voller Fans fuhren wir im Hunsrück die Drehorte ab, Schabbach-Woppenroth, den realen Friedhof mit dem Filmgrab, die Burgruine Baldenau, das Günderodehaus über dem Rhein. Das Leben in einem rheinhessischen Dorf in den 50er Jahren unterschied sich noch wenig von dem Leben der vorhergehenden hundert Jahre, das in den Filmdörfern wieder erweckt wurde. Die Dialekte des Hunsrücks, der Pfalz und Rheinhessens ähneln sich. Französische(!)  Reitz-Fans übertrafen uns. Sie sprachen jeden Satz aus den Filmauszügen, die wir im Bus sahen, auswendig mit!

In diesen Tagen erschien die Fortsetzung der Hunsrücker Familiensaga: „Die andere Heimat“. Jetzt geht es um die massenhafte Auswanderung aus den Hunsrückdörfern nach Brasilien in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Reitz führt sie nicht nur auf die gängigen Erklärungen wie Armut, Hungersnot, Realteilung und Feudalismus zurück, sondern auch darauf, dass mit der Schulpflicht, die seit 1815 nach dem Wiener Kongress im preußisch gewordenen Hunsrück eingeführt wurde, erstmals eine des Lesens und Schreibens kundige Generation heranwuchs, die sich lesend Wissen über ferne Länder aneignen konnte.  Es wuchsen Phantasien und Sehnsüchte, die noch befeuert wurden vom Werben Brasiliens um Handwerker und Bauern.

Ich hatte vor drei Jahren bei meiner schulbibliothekarischen Brasilienreise das große Glück, in Porto Alegre im Süden des Landes, dem Einwanderungsgebiet der Hunsrücker Familien, Nachfahren zu begegnen. Das war eine Familie aus einem Dorf im Hinterland, der deutschstämmige Farmer, seine Frau, eine Mestizin, ein Kind und eine vierte Person, eine junge Schwarze, die wie ich eine Stadtrundfahrt in der Regionalhauptstadt machten. Sie sprachen untereinander ein altertümliches Deutsch, eben den Hunsrücker Dialekt des 19. Jahrhunderts. Dasselbe passierte am nächsten Abend beim Umtrunk, als eine brasilianische Schulbibliothekarin plötzlich Deutsch sprach, im Hunsrücker Dialekt.

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