Innovationszentrum Schulbibliothek

Beim Thema Schulbibliotheken gehen die Ansichten sehr weit auseinander. Das wird mir wieder einmal klar, als ich lese, dass in der Gegend von Bremen eine Schulverwaltung nicht länger die Bibliothekare in Schulbibliotheken bezahlen will, die sie vor Jahren, beim Rückzug der Stadtbibliothek aus den Schulbibliotheken, übernommen hatten. Jetzt werden Lehrer gesucht, die man nicht mehr im Unterricht einsetzen kann, aber noch beschäftigen muss. Es ist anzuerkennen, dass eine Kommune über Jahre Schulbibliothekare bezahlte und sich jetzt auch noch überlegt, wie man die entstehenden Lücken stopfen kann. Aber es zeigt auch, welches Bild von Schulbibliothek Politik, Verwaltung, Teile der Presse und die Öffentlichkeit, nicht zu vergessen: manche Schulleiter/-innen, haben.

Die ehemalige baden-württembergische Kultusministerin fällt mir ein, die nicht zu erkennen vermochte, dass in Schulbibliotheken pädagogische Arbeit geleistet wird, der nette ältere Herr, der mir in einer Bürgerversammlung – gutmeinend – empfahl, die Schulbibliotheken sollten das Moderne Antiquariat nutzen, die Lokaljournalist/-innen, die vom Bücherhort und der Leihbücherei schrieben, statt von der Schulbibliothek, der Landrat, der mir sagte, die Eltern sollten ihren Kindern doch Bücher kaufen. Ich höre hier auf, jeder in der Szene kennt dieses Bild von der Biedermeier-Bibliothek, das immer noch in den Köpfen sitzt. Nur der Vollständigkeit halber eine Aktualisierung: Der Abiturient, der erzählt, dass er noch nie in seiner Schulbibliothek war, er fände alles im Internet.

Der totale Gegenpol ist das Verständnis der Schulbibliothek als schulisches Innovationszentrum.

Für dieses Verständnis fehlt in Deutschland die Anschauung. Wo findet man das schon?

Es gibt viel anzuerkennen: Bibliothekare, Eltern, Lehrer engagieren sich tagtäglich, um ihre Schulbibliothek fachlich gut zu organisieren, viele Bücher auszuleihen, Lesemotivation zu wecken, Schüler bei der Lektürewahl und den Referaten zu beraten. Oft aber fühlen sie sich als fünftes Rad am Wagen. Für manchen Schulleiter, manches Kollegium ist die Schulbibliothek eine nettes Accessoire, wenn es sie nicht gäbe, wäre es auch nicht weiter schlimm.

Was fehlt, ist der Begriff von der Schulbibliothek als Innovationszentrum, von dem Impulse zur Veränderung des Unterrichts ausgehen.

Wo lässt sich Unterricht besser in Gruppen- oder Partnerarbeit organisieren? Wie viele Chancen der inneren Differenzierung bleiben ungenutzt? Wie viele intermediale, handlungsorientierte Projekte bleiben zwischen den Bankreihen des Klassenzimmers und dem alarm- und passwortgesicherten Computerraum auf der Strecke, weil eine Lernwerkstatt Schulbibliothek fehlt, in der alle Medien und Werkzeuge vorhanden sind?

Wo gibt es eine Untersuchung, die belegt, dass die Referate besser wurden, seit sie in der Schulbibliothek angefertigt werden, oder dass die Schüler besser lesen können, weil es die täglich geöffnete Schulbibliothek gibt?

Wo wird das diskutiert und erforscht? Die Erziehungswissenschaften interessieren sich nicht für Schulbibliotheken. (Das war im 18. Jahrhundert anders!) Die bibliotheksfachlichen Magazine entdecken erst ganz zaghaft die SCHULbibliothek und schreiben nicht mehr ausschließlich über die schulBIBLIOTHEK als Hoheitsgebiet der öffentlichen Bibliothek.

Anderswo in Europa und in der Welt ist man da schon weiter, forscht, bildet Schulbibliotheksexpert/-innen aus und praktiziert vieles. Basedow1764 hat im Blog immer wieder darüber berichtet. Was kann man noch tun, damit das Bild vom Innovationszentrum Schulbibliothek das von der Biedermeier-Schulbibliothek ablöst?

Advertisements

2 Gedanken zu „Innovationszentrum Schulbibliothek

  1. Pingback: schulBIBLIOTHEK versus SCHULbibliothek? | Fortbildung in Bibliotheken

  2. esrheinmain

    Da kann ich nur zustimmen. Nach vielen Kontakten mit verschiedenen Kolleginnen und Kollegen in Schulbibliotheken muss ich leider hinzufügen: Vieles davon hat auch mit dem Selbstbild und Selbstverständnis der Mitarbeiter in Schulbibliotheken zu tun. Wo uninspieriert und unprofessionell gearbeitet wird kann auch keine Innovation entstehen. Und wenn die Menschen, die in Schulbibliotheken arbeiten, kein positives Bild von sich selbst und ihrer Arbeit – also Selbstbewusstsein – haben, wird auch keine noch so großartige Innovation in die Öffentlichkeit dringen.
    Dabei hat dies wiederum auch viel damit zu tun, wie Schulbibliotheken in- und außerhalb der Schulen häufig betrachtet werden: Nett, wenn es sie gibt, aber bitteschön: Wir haben kein Geld und keine Zeit sie zu unterstützen. Ein Teufelskreis, der womöglich viel mit dem Beamtenwesen und -denken an deutschen Schulen zu tun hat.
    Privatschulen müssen sich da ganz anders profilieren und positionieren. Sie beschäftigen und bezahlen ihre Mitarbeiter abhängig von deren Leistung. Das ist nicht bequem, fördert aber durchaus die Motivation und Innovation. Übrigens auch die Motivation vieler Lehrer, die Schulbibliothek als Impulsgeber anzuerkennen und zu nutzen. Für Lehrerkolleginnen und -kollegen aus Großbritannien, den USA, Frankreich und vielen anderen europäischen Ländern ist genau das übrigens in der Regel selbstverständlich.
    Noch ein interessantes Mitbringsel vom deutschen Bibliothekartag in Bremen: Studenten des Bibliothekswesens in den USA haben statistisch gesehen das geringste Selbstwertgefühl unter allen Studenten. In Deutschland ist das vermutlich nicht anders. Auch hier steckt wohl noch das Biedermeier-Bild der Bibliothek dahinter.
    Unter ca. 100 Zuhörern bei einem schulbibliothekarischen Thema – das es immerhin gab – waren in Bremen übrigens gerade einmal VIER Mitarbeiter von Schulbibliotheken. Ich vergaß: Der Eintritt ist nicht ganz billig und Schulbibliotheken haben kein Geld…

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s