Informationskompetenz für Grundschüler? Aber wie?

Auf der Webseite Nachrichten für öffentliche Bibliotheken in NRW wird gerade auf Unterrichtseinheiten (UE) von 2009 für die Grundschule (Klasse 3/4) hingewiesen, die „als technologiegestützte Narration Informationskompetenz, Medienkompetenz, Sozialkompetenz vermitteln. Ganz nebenbei werden Sprache und Ausdrucksform geübt.“ Es geht um Informationen zu Sonnenschutzmitteln.

 Ich habe mir die Lernziele angesehen. Hier diejenigen zur Informationskompetenz: Die Schülerinnen und Schüler sollen

  • lernen, dass Suchmaschinen für Erwachsene eine für Kinder unübersehbare Anzahl an Seiten „ausspucken“.
  • erkennen, dass Werbung und unabhängige Testberichte verschiedene Informationen über den gleichen Gegenstand geben.
  • erkennen, welche Zeitschriften für bestimmte Informationen relevant sind.
  • überlegen, wen sie am besten zu bestimmten Themen befragen.
  • erfahren, dass auf Internetseiten Fehler sein können (hier: Rechtschreibfehler).
  • erfahren, dass sie am Impressum einer Internetseite die Kompetenz des Herausgebers abschätzen können.
  • erfahren, dass die beste Information nichts nutzt, wenn man sie nicht versteht (zum Beispiel aufgrund unverständlicher Fremdwörter).

Diese Lernziele hätte mir mein Ausbilder vor vierzig Jahren um die Ohren gehauen und für das nächste Seminar ein Referat über Lernziele aufgebrummt.

Der lernzielorientierte Unterricht ist inzwischen vom kompetenzorientierten abgelöst worden. Insofern wundert es mich ein wenig, dass hier noch Lernziele stehen. 2009 war die Kompetenzorientierung allerdings noch am Anfang. Wie eine kompetenzorientierte Vermittlung von Informationskompetenz aussieht, würde mich schon interessieren.

Ziel des Unterrichts ist es, Wissen, Arbeitstechniken und Verhaltensweisen (kognitive Kompetenz, Methodenk., Sozialk.) zu vermitteln – beyzubringen -, indem die Schüler/-innen etwas tun. Sie googeln z. B. und erhalten zweihundertfünfzigtausend Treffermeldungen zu Sonnenschutzmitteln. Das ist kein Lernziel, sondern ein Unterrichtsschritt.

Erkennen, dass es relevante Zeitschriften für bestimmte Informationen gibt, ist ein Lernziel. Zu einer guten Unterrichtsplanung gehört, dass dieses Lernziel operationalisiert wird: Wie erkennen sie, vergleichen sie, stellen sie gegenüber, weisen sie nach? Oder sagt ihnen die Lehrerin, wie es ist?

Erfahren, dass sie am Impressum einer Internetseite die Kompetenz des Herausgebers abschätzen können. Geht formal auch als Lernziel durch. Aber ich bezweifle, dass Impressa viel über den Urheber verraten. Gerne hätte ich gewusst, wie Drittklässler abschätzen können lernen sollen. Oder sollen sie nur erfahren, d. h. davon hören, dass man so etwas machen kann?

Erfahren, dass auf Internetseiten Fehler sein können (hier: Rechtschreibfehler): Ganz nebenbei werde Sprache geübt, heißt es auf der bibliotheksfachlichen Webseite über die UE. Ist das jetzt ein Nebenbei-Lernziel? Drittklässler nach Rechtschreibfehlern im Internet suchen zu lassen bzw. sie sie erfahren zu lassen, ist ganz schön mutig. Das ist für Erwachsene schon nicht einfach. Wer dabei ist, Lesen und Schreiben zu lernen, wird an dieser Aufgabe verzweifeln.

Erfahren, dass die beste Information nichts nutzt, wenn man sie nicht versteht (zum Beispiel aufgrund unverständlicher Fremdwörter). Sollen die Schüler erkennen, dass sie etwas nicht verstehen? Wieviel Zeit ist dafür eingeplant? Steht vorher fest, was die beste Information ist? Gibt es genügend Fremdwörterbücher. Können sie damit umgehen? Wird die „technologiegestützte Narration“ benutzt, um doch bloß Übungsstunden im Umgang mit dem Rechtschreib- und dem Fremdwörterduden abzuhalten? (Was für diese Stunden durchaus ein Modernisierungsschub wäre.)

Bei den anderen, oben nicht aufgeführten, aber unten im Link nachlesbaren Lernzielen könnte man auch fündig werden: Sie sollen lernen, einen Lückentext zu ergänzen. Wie sieht Unterricht aus, in dem das gelernt wird? Oder reicht nicht eine Anweisung der Lehrerin, was zu tun ist? Das Lückentext ergänzen dient dem Erreichen eines Lernzieles, es ist kein Lernziel. Um Schülern englische Vokabeln beizubringen wie Computer, Laptop, Browser muss man wohl keinen Unterricht machen. Dieses „Lernziel“ ist aber immerhin für Klasse 3/4 angemessen, während ich „den Informationsgehalt eines Impressums zur Abschätzung der Kompetenz des Anbieters nutzen“ für verfrüht halte. Es soll Erwachsene geben, die den TV-Auftritt von Mario Barth für eine Nachrichtensendung halten, die wären als Zielgruppe für diese UE geeigneter.

Sorry, Kollegin! Zu lesen auf lehrer-online.

Literatur:

Robert Mager, Lernziele und Unterricht
Benjamin Bloom, Taxonomie von Lernzielen im kognitiven Bereich
Operationalisierung der Kompetenzstufen Blooms
Stichwort Lernziel in Wikipedia (ab Abschnitt „Geschichte“)
Wie hoch die Hürden für eine Evaluation liegen, zeigt dieser Beitrag (in Englisch)

 

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