Wie sich Schulzeitverkürzung auf die Persönlichkeitsstruktur von Schülern auswirkt

Empirische Sozialforschung vom Feinsten, findet Michael Klein in seinem Blog Science Files:

Nach der Reform – Abitur nach 12 statt 13 Jahren – sind, so die Studie,

  • männliche Schüler umgänglicher als weibliche
  • ostdeutsche Schüler weniger umgänglich als westdeutsche und zudem neurotizistischer
  • Schüler aus einer nicht-intakten Familie (was auch immer das sein mag) offener und extrovertierter als Schüler aus einer intakten Familie
  • Schüler mit Migrationshintergrund gewissenhafter als Schüler ohne Migrationshintergrund.
  • Eine arbeitende Mutter wirkt sich negativ auf die Offenheit von Schülern aus.

Zitat aus Science Files zum Inhalt der Studie: „Persönlichkeit formiert sich auf der Grundlage von Erfahrung (… dass Persönlichkeit einen genetischen Anteil hat, … stört nur beim Datenauswerten, weil man es kaum messen kann, deshalb lassen wir das einfach beiseite) und schuupp-die-wupp haben wir die Hypothese, dass Schule sich auf Persönlichkeit auswirkt und dass dann, wenn man an der Variable “Schule” etwas ändert, man deterministisch wie die Beziehung nun einmal ist, auch etwas an der Variable “Persönlichkeit” ändert.

Geändert wurde die Zeit, die bis zum Abitur zur Verfügung steht. Und daraus konstruieren die Autoren die Vermutung, dass sich dieses eine Jahr und vor allem der hohe “workload” auf die Persönlichkeit der betroffenen Schüler auswirkt. Warum? Wegen des höheren workload! Warum? Niemand weiß es.“

Update 5.6.14:

Der Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin kommt zu einem ähnlich vernichtenden Ergebnis. Er hat drei Jahre Referate und Klausuren von G8- und G9-Studenten verglichen und schreibt in der FAZ von heute darüber. „Es fehlt an Urteilskraft“, FAZ, 5.6.14, p7:

  • Die G8-Studierenden sind kaum zu Abstraktionen fähig
  • Verallgemeinerungen und Transfers gelingen nicht
  • Textanalysen sind sehr vage
  • Problembewusstsein und Sinn für die Komplexität lebensweltlicher Entscheidungen fehlen völlig
  • Die Beziehungen von Freiheit und Bindung, Gesellschaft und Individuum, Gleichheit und Angemessenheit werden nicht konflikthaft, sondern als parallel zu bearbeitende Aufgaben verstanden
  • Aufgrund der kognitiven Entwicklung scheinen(!) die Studierenden nicht in der Lage zu sein, komplexe, antinomische und multikausale Prozesse, wie sie heute in allen Wissenschaften üblicherweise formuliert werden, angemessen aufzunehmen.

Wow! Was ein paar Monate weniger Unterricht ausmachen!

Zugegeben, in der psychosozialen Entwicklung Heranwachsender gibt es Sprünge und Schübe. Nach einer Woche Ski-Freizeit (Wie das Unternehmen missverständlich genannt wurde) waren fast immer – positive – Veränderungen festzustellen, u. a. mehr Selbstsicherheit, mehr Anstrengungsbereitschaft…

Das meiste von dem, was Prof. Ladenthin in seiner Studie beklagt, war schon zu G9-Zeiten im Unterricht festzustellen: Verallgemeinerungen und Transfers gelingen nicht, Textanalysen sind vage, Abstraktion fällt schwer. Zu fragen wäre auch, ob G8-Schüler mehr kompetenzorientiert unterrichtet wurden und ihre Leistungen in standardisierten Tests abgefragt wurden. Es gibt Befunde, dass man dann eher lerne, Lösungen in den vorgegebenen Texten zu finden, anstatt auf eigenes Wissen zurückzugreifen und selbst nachdenken zu müssen.

Studien, die ich mir von unseren Erziehungswissenschaftler/-innen wünsche:
  • Welche Schwierigkeiten haben Erwachsene mit komplexen Aussagen?
  • 60 Jahre G8 in Ostdeutschland: Fiel das nie auf, dass die dortigen Abiturienten scheinbar schlechter denken können und wissenschaftlichen Anforderungen nicht gewachsen sind?
Zur Qualitätsverbesserung wissenschaftlicher Studien ist auch dieser Artikel in Science Files hilfreich.

 

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