Die richtige Lobbyarbeit für Schulbibliotheken

Bei Gesprächen im Kollegenkreis oder auch bei anderen Gelegenheiten bekenne ich selten sofort, dass ich mich für Schulbibliotheken engagiere. Das ist kein Thema, das sonderlich ernst genommen wird. Sicher, es gibt Lob für das Engagement und eine Bemerkung wie: „Meine Kinder haben in der Schulbibliothek oft Bücher ausgeliehen.“ Aber dann geht es doch schnell zu wirklich pädagogischen Themen.

Dass die Schulbibliothek (SB) nicht als besonders wichtig betrachtet wird, sehe ich auch im schulischen Alltag. Da gibt es eine hervorragend aufgestellte SB, nicht zuletzt, weil der Schulleiter dahinter steht. Als der pensioniert wird, streicht der neue sogleich die Anrechnungsstunde für die sehr engagierte Leiterin. Wenn das 30jährige Jubiläum einer anderen SB nicht im Veranstaltungskalender der Schule steht, sagt das alles über ihre Wertschätzung. In einer weiteren Schule hortet ein Schulleitungsmitglied die Verlagsprüfstücke der Atlanten, Wörterbücher und Grammatiken in seinem Wandschrank. Auf die Idee, sie in der SB allen zugänglich zu machen, kommt er nicht. In Fachkonferenzen spielt die SB kaum eine Rolle.

Bibliothekare, sofern sie sich für Schulbibliotheken einsetzen, beschränken sich meist darauf, auf Kongressen und in Fachzeitschriften anderen Bibliothekaren zu erklären, wie wichtig Schulbibliotheken sind. (Wobei sie bei ihren kolleg/-innen nicht immer offene Türen einrennen.) Ihr Schwerpunkt ist dabei die bibliotheksfachlich einwandfrei organisierte und geleitete Sonderform der öffentlichen Bibliothek. Als pädagogisches Argument wird gerne die „PISA-Keule“ geschwungen. Ganz zu schweigen von den Klageliedern über Lehrer, die nicht in die SB/öB kommen.

(Der Bibliothekswissenschaftler Dr. Karsten Schuldt hat in seinem Blog einmal das Abschneiden bei den Tests der PISA-Wissenschaftler und dem Stand des Schulbibliothekswesens im jeweiligen Land gegenübergestellt. Da kann man nur zur Vorsicht raten, wenn PISA als Argument für Schulbibliotheken gebraucht wird. Auch in Basedow1764 wurde das angesprochen.)

In Hessen haben wir schon früh versucht, in den Mitgliederzeitschriften der Eltern- und Lehrerverbände über Schulbibliotheksthemen zu veröffentlichen, im Amtsblatt des Hessischen Kultusministers und einer Fachzeitschrift für Schulleitung und Schulverwaltung. In pädagogischen Fachzeitschriften waren wir vertreten; in einer Fachzeitschrift für den Deutschunterricht war es in Jahrzehnten das erste Mal, dass die SB genannt wurde. Es gelang uns, Schulbibliotheken in national verbreitete Zeitungen wie Zeit und FAZ zu bringen. Auf den Buchmessen in Frankfurt/M und Leipzig hatten wir viele Jahre einsam die Fahne der Schulbibliotheken hoch gehalten. Als uns die Luft ausging, gab es in Leipzig eine grandiose Fortführung mit dem Schulbibliotheksstand der FH. Leider war es eine Eintagsfliege. Als der Klett-Verlag den Deutschen Schulleiterkongress erfand, hatten wir der Organisatorin angeboten, über den Wert von Schulbibliotheken zu referieren oder einen Infostand aufzustellen. Wir erhielten noch nicht einmal eine Absage.

Für uns sind die USA das Vorbild. Dort gibt es vielfältige Aktivitäten, um die pädagogische Bedeutung der Schulbibliotheken den Lehrern, den Schulleitern, der Politik und der Öffentlichkeit deutlich zu machen. Zwar ist die „öffentliche Armut“ – die knappen Kassen der Länder und Kommunen – ist dort inzwischen aber so groß, dass diese Lobbyarbeit nur noch selten erfolgreich ist. Das sollte uns nicht davon abhalten, in Deutschland die eingetretenen Pfade zu verlassen, das Lob der Schulbibliothek meist nur in bibliothekarischen Fachzeitschriften und auf Bibliothekskongressen zu singen.

Im Mittelpunkt muss dabei die Perspektive der Schüler, Lehrer und Schulleiter stehen, nicht die Schulbibliothek und die Diplom-Bibliothekarin mit ihren Erwartungen an die Nutzer. Deswegen ist es gut, dass inzwischen vermehrt vom Lernort Schulbibliothek gesprochen wird und nicht von der Bücherausleihe. Was Lehrer interessiert:

Wie können Referate und Facharbeiten besser werden?

Vielleser schreiben bessere Aufsätze

Wie können leseschwache Schüler gefördert werden?

Wie hilft die SB bei Differenzierung?

SB und Curricula, SB und Schulprogramm, besserer Unterricht, offener lernen, selbstständiger lernen, erfolgreiche Projektprüfungen

Nutzung von Präsentationssoftware

Richtig zitieren…

Den Komplex Internet, Digitales, Software erwähne ich nicht, obwohl er eine wesentliche Rolle spielen könnte. Es gibt leider zu wenige Leiter/-innen, die hier eine führende Rolle im Kollegium einnehmen könnten.

Am geschicktesten wäre es, bei diesem Lobbyismus das Wort „Schulbibliothek“ im Titel ganz zu vermeiden. 😉

Dieser hier geforderte Weg wird seit einiger Zeit zunehmend beschritten. Bibliothekare in öffentlichen und in Schulbibliotheken öffnen sich für die Bedürfnisse der schulischen Nutzer, auf der didacta gibt es einen Infostand des Bibliotheksverbandes. Und in vielen Schulen hat die SB dank engagierter Leiterinnen/Leitern und Teams schon längst die Anerkennung, die sie verdient.

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Ein Gedanke zu „Die richtige Lobbyarbeit für Schulbibliotheken

  1. Renate Kirmse

    Ein kleiner Kommentar aus dem „Paradies“ (Europäische Schule): Von Hause aus bin ich Diplom-Bibliothekarin für wissenschaftliche Bibliotheken und kenne nun alle Seiten aus verschiedenen Zusammenhängen: Bibliothekare aus öffentlichen Bibliotheken, Kollegen aus wissenschaftlichen Bibliotheken, Lehrerkollegen. Auf ALLEN Seiten gibt es Menschen, die sich engagieren, die anerkennen was Schulbibliotheken leisten. Auf ALLEN Seiten jedoch eine Mehrzahl, die sich nicht kümmert, ignoriert oder gar bekämpft. Ohne die Unterstützung der Schulleitung geht es nicht. Allerdings auch nicht ohne wirklich gut ausgebildetes Personal und eine Vernetzung über den Graben hinweg, der Bibliothekare und Lehrer häufig trennt.

    Antwort

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