Alles schon mal dagewesen: digitales Scherbengericht

Digitale Petitionen haben derzeit Hochkonjunktur. Internetnerds feiern das als direkte Demokratie. Shitstorms gab es aber schon in der Antike, meint Zeit-Herausgeber Josef Joffe in einer Glosse: Das Scherbengericht.

Auch damals konnte man ganze Scherbenpakete mit dem Namen des zu Steinigenden oder zu Verbannenden kaufen. So wie heute „Shitstorm-Unterschriftspakete“ für bis zu 20.000 €. Man muss ja nicht mit seinem richtigen Namen unterschreiben.

Im heutigen Rechtsstaat gebe es Schutzvorschriften für den Angeklagten, im Parlamentarismus gibt es Anhörungen und mehrere Lesungen im Gesetzgebungsverfahren. Leserbriefschreiber des vordigitalen Zeitalters mussten mit der Schreibmaschine tippen und den Brief zur Post bringen. Heute genüge ein Mausklick.

Sogar das antike Scherbengericht wäre besonnener gewesen, als es die Freunde das digitalen Shitstorms sind: eine Abstimmung durfte erst nach zwei Monaten „Abkühlpause“ stattfinden.

Nachtrag April 2014: Ein Fundstück, das zu denken gibt: „Im Dritten Reich leisteten Massenaufmärsche und die mediale Inszenierung derselben die Aufgabe, für Gruppenzusammenhalt unter der Herrschaft des richtigen Gefühls zu sorgen… Heute sind Massen-Aufregungen und Massen-Hysterien, wie sie unter Hashtags bei Twitter oder in öffentlich-rechtlichen Medien inszeniert werden, das Surrogat der in Verruf geratenen Massenaufmärsche. Die Funktion ist dieselbe.“

Aus: Die Pseudo-Moralität der Moderne

 

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7 Gedanken zu „Alles schon mal dagewesen: digitales Scherbengericht

  1. Bibliothekswelt

    Klar, sind alles nur dumme Internetnerds, die sich an Petitionen beteiligen – Volksabstimmungen sind wahrscheinlich für dich auch Teufelszeug. Was haben Followerpakete mit Shitstorm-Unterschriftspaketen zu tun? Und gibt es dafür auch eine seriöse Quelle, dass solche – z.B. im Fall Lanz – verkauft wurden? Die Online-Petitions-Plattformen haben da schon ihre Mechanismen, dass zu verhindern. Klar, kann man AUCH anonym abstimmen, viele Stimmen aber mit ihrem vollem Namen ab.

    Antwort
    1. Basedow1764 Autor

      Sie schreiben: „Klar, kann man AUCH anonym abstimmen, viele Stimmen aber mit ihrem vollem Namen ab“. Sie scheinen das zu befürworten. Genau dies ist aber das Problem. Niemand käme auf die Idee, im Wahllokal zu verlangen, anonym (am besten auch noch mehrfach) abstimmen zu dürfen. Online geht das und wird auch noch, wie von Ihnen, für richtig gehalten. Es ist schon schlimm genug, dass man auch bei Wahlen manipulieren kann Z. B. Wahlurnen mit vorfabrizierten Stimmzetteln aus nichtöffentlichen Wahllokalen z. B. in Kasernen. Weil das so ist, muss man aber deswegen Abstimmungen nicht zu Flasmobs verkommen lassen.

    2. Bibliothekswelt

      @Basedow1764: „Anonym“ heißt bei Online-Petitionen, dass der Name nicht öffentlich erscheint. Natürlich braucht man auf jeder Petitions-Website ein persönliches Login und ich kann zu jeder Petition auch nur einmal abstimmen. Und noch kann man auch bei Wahlen anonym abstimmen oder muss man auf dem Wahlzettel jetzt neuerdings unterschreiben? Man kann sich zwar theoretisch mehrere Accounts anlegen, aber diesen Aufwand wird kaum jemand betreiben. Auf konkrete Beweise, dass hier masssenhaft durch Sockenpuppen abgestimmt würde, warte ich aber gespannt.

    1. Basedow1764 Autor

      Wie gut, dass Sie Bescheid wissen. Wie wird bei Online-Petitionen kontrolliert, dass nicht mehrfach mit Decknamen und Pseudonymen unterschrieben wird? Sind die Followerpakete bei Facebook auch eine Ente?

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