Ross Todd in Berlin

Prof. Ross Todd, einer der führenden US-amerikanischen Schulbibliotheksforscher, war auf einer Konferenz in Berlin. Außerdem promovierte er zusammen mit dem Berliner Bibliotheksprofessor Konrad Umlauf eine Doktorandin, die bei ihm an der Rutgers- Universität in New Jersey den Umgang mit der Vermittlung von Informationskompetenz durch Fach- und Bibliothekslehrer an einer US-Schule untersucht hat. (Dazu demnächst mehr.)

Ich hatte das große Glück, an einem Abendessen mit ihm teilnehmen zu können. Prof. Todd sagte da – eher beiläufig – einen Satz, den ich für ganz wesentlich halte. Er legt ihn seinen (Teacher-Librarian-)Studenten ans Herz. (Ich brauche im Deutschen mehr als einen Satz:) Achtet auf die pädagogischen Themen, die gerade eine Rolle spielen! Hört zu, worüber die Lehrer reden! Bringt Euch und Eure Bibliothek in diese Diskussion ein!

Nun fehlt es in Deutschland an dem geschulten Personal, das es in den USA in den Schulbibliotheken gibt. Daher sagt den Lehrern niemand, was eine Schulbibliothek für sie und ihren Unterricht bringt. Sie nehmen sie, wenn überhaupt, als Blume am Wegrand wahr. Die Schüler können dort ein Buch ausleihen, wenn geöffnet ist, man kann sie hinschicken, damit sie sich Bücher für ein Referat besorgen, eher selten fällt mal der Unterricht aus, weil die Klasse zu einer Dichterlesung in die Schulbibliothek muss.

Auch öffentliche Bibliothekare sehen eher eine Bringschuld der Lehrer. Sie sollen öfter kommen und die schöne, große Bibliothek nutzen, sie sollen Bibliotheksbesuche gut vorbereiten (und der Bibliothekarin darüber Bericht erstatten – habe ich in einem Fall  einmal erfahren). Es geht eher weniger um die Erwartungen der Lehrer. Wenn die Stadtbibliothek vielleicht doch einen „Referate-Coach“ anbietet, der Schüler beraten soll, wenn sie sich rechtzeitig angemeldet haben, dann sehe ich darin kein Gegenbeispiel. Eher hätte ich Bauchschmerzen, ob das gut geht.

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2 Gedanken zu „Ross Todd in Berlin

  1. Lilo Banhardt

    genau so sehe ich das auch: eine Schulbibliothek kann nur dann funktionieren und lebendige Arbeit leisten, wenn die Bibliothek den Unterricht unterstützt, d.h. städnig am Ball bleiben, welche Themen sind Schwerpunkt, wei kann ich als Bibliothek darauf eingehen. Das ist es, was eine „teaching library“ ausmacht.
    Lieselotte Banhardt
    Schulbibliothek des Friedrich-Wöhler-Gymnasiums in Singen/Htwl.

    Antwort
  2. Renate Kirmse

    Wer – vor allem im Sekundarbereich – hinter der Ausleihtheke sitzen bleibt und darauf wartet, dass Lehrer und Schüler die Bibliothek aktiv nutzen, der wird wenig Erfolg haben. Meine Erfahrung: Persönliche Kontakte mit Lehrern und vor allem auch mit der Direktion zu pflegen, sich als Dienstleister der Schüler, Lehrer, ja der gesamten Schulgemeinschaft zu verstehen und konkrete Dienstleistungen auch überzeugend und mit Begeisterung zu verkaufen: das sind die wichtigsten Elemente erfolgreicher Schulbibliotheksarbeit. Das Problem: Wissen kann man sich aneignen persönliche Grundhaltungen sind jedoch nur schwer erlernbar. Wenn hinter der Theke Menschen sitzen, die in die Bibliothek abgeschoben wurden (ja, das soll es geben), oder Menschen, die glauben, darin ein möglichst unbehelligtes Dasein pflegen zu können, oder solche, die als Ein-Euro-Jobber völlig fachfremd in das Umfeld Schule gestolpert sind – wie kann dann mehr als die oben beschriebene „Blume am Wegesrand“ wachsen?
    Es braucht eine Ausbildung für Schulbibliothekare genauso wie die Integration eines Faches „Schulbibliothek“ in die Lehrerausbildung. Unsere britischen und amerikanischen Lehrer halten unsere (für deutsche Verhältnisse sehr gut ausgestattete) Schulbibliothek für selbstverständlich und nutzen sie ebenso selbstverständlich. Sie sind auch nicht verwundert, wenn ich für ihre Klasse Lesungen, Projekte und Schulungen anbiete. Kostenlose Werbung für die Schulbibliothek findet so vor allem in der großen Pause im Lehrerzimmer statt, wenn sich die Kollegen austauschen. Und die Bibliothekarin setzt sich – wann immer es geht – dazu (-:
    Renate Kirmse, Europäische Schule RheinMain

    Antwort

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