Deutsches Schulsystem besonders durchlässig

Das (Arbeitsmarktforschungs-)Institut für die Zukunft der Arbeit (IZA) hat in einer Studie die Durchlässigkeit des deutschen Schulsystems mit der in anderer Staaten verglichen und kommt zu dem Ergebnis, dass es eine besonders hohe Durchlässigkeit hat. Der Vorwurf, Schüler würden in Deutschland zu früh selegiert und ihre Bildungschancen damit verringert, wird von den Verfassern der Studie durch ihre Ergebnisse widerlegt. Sie fanden heraus, dass Realschüler und Gymnasiasten, die leistungsmäßig genau genommen zwischen beiden Schulformen standen, sich im Berufsleben (Abschlüsse, Gehalt) nicht signifikant unterscheiden.

Ergänzend sei von mir angemerkt: In Baden-Württemberg kommen etwa 30% der Abiturienten von den Beruflichen Gymnasien, die meist von Realschülern mit gutem Mittleren Abschluss besucht werden.

Anders als die OECD-Schulforscher/-innen, die seit 40 Jahren das deutsche Schulsystem überwiegend schlecht bewerten, raten die IZA-Forscher davon ab, ständig die Schulstruktur zu verändern.

Wie immer in den Sozialwissenschaften gibt es also unterschiedliche Forschungsergebnisse. Bertelsmann-Stiftung, Vodafone-Stiftung, OECD und das IZA selbst(!) hatten bisher die Chancenungerechtigkeit und die hohe Selektivität des deutschen Schulsystems wissenschaftlich bewiesen. Jetzt geht es einmal andersherum. (Genau genommen veröffentlicht das Institut IZA Studien als Diskussionspapiere, identifiziert sich also nicht mit den jeweiligen Befunden.)

Wer die Schulsysteme Groß-Britanniens und der USA kennt oder die lateinamerikanischer Staaten mit ihrem jeweils hohen Anteil an exklusiven Privatschulen, hat schon immer daran gezweifelt, dass ausgerechnet das dreigliedrige deutsche Schulsystem den höchsten Reformbedarf hätte.

Nachtrag: In einem FAZ-Leserbrief widerspricht ein Professor der Studie und wirft ihr Fehler und Fehlinterpretationen vor. So würde mit mehr Durchlässigkeit am oberen Ende der Sekundarstufe mit hohen Kosten nur das geheilt, was am Anfang durch zu frühe Auslese verhindert worden wäre.

Auch wenn das so wäre, müsste man es m. E. Durchlässigkeit nennen. In meiner Praxis habe ich in Beratungsgesprächen mit Eltern zu Beginn des fünften Schuljahres sehr häufig darauf hingewiesen, dass es günstiger wäre, das Kind mit seinen durchschnittlichen oder gar unterdurchschnittlichen Leistungen nicht auf Biegen und Brechen im Gymnasium anzumelden und es in eine frustrierende Schullaufbahn in der Mittelstufe zu schicken (Blaue Briefe, Nachprüfung, Nichtversetzung), sondern eine erfolgreiche Hauptschul- oder Realschullaufbahn mit einem weiterführenden Abschluss fortzusetzen. Dafür gab es – schon immer und immer besser werdend- eine Reihe von Möglichkeiten.

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