Was wäre für deutsche Schulbibliotheken zu erforschen?

1997 schlug die Stiftung Lesen vor, zu erforschen, ob Schulbibliotheken von Eltern geführt werden könnten. Ob das ein pragmatischer Vorschlag war oder eine ernstzunehmende Vorstellung von Schulbibliotheken fehlte, weiß ich nicht.

Es gibt inzwischen, das ist erfreulich, einige deutsche Schulbibliotheksliteratur. Da hat sich doch etwas geändert. In den bibliotheksfachlichen Ausbildungsgängen gibt es zwar keine spezifische Ausbildung, aber immerhin Examensarbeiten zum Thema. Meist sind es Zustandbeschreibungen (Etwa „Die Situation der Schulbibliotheken in…“, „Der Aufbau einer Grundschulbibliothek“, „Das Schulbibliothekswesen in Deutschland“), gelegentlich ist es auch der Dauerbrenner „Wie viele Schulbibliotheken gibt es eigentlich?“ Auch diese sind nützlich.

Eine empirische Forschung, die zu konzeptionellen Lösungen beitragen könnte, ist mir nicht bekannt. Nicht zuletzt liegt das natürlich daran, dass die Zahl der Schulbibliotheken, in denen geforscht werden könnte, überschaubar ist. In der Schulforschung findet Schulbibliothek nicht statt. Die Schulbibliothek im organisatorischen und sozialen Gefüge der Schule bleibt eine Black Box. Die angehenden Bibliothekar/-innen schreiben i. d. R. über bibliotheksfachliche Aspekte oder über die Zusammenarbeit mit der öffentlichen Bibliothek. In der bibliothekarischen Rezension eines Handbuches zu Schulbibliotheken las ich einmal den Vorwurf, dass das Buch nicht genügend herausstellen würde, wie wichtig die Diplom-Bibliothekare für Scbhulbibliotheken seien.

Wo bleibt das Positive? Nun, meine Forschungsfragen wären:

Wie nutzen Lehrer/-innen Schulbibliotheken im Unterricht? Kann man eine Typologie entwickeln? Es gibt eine ältere britische Untersuchung dazu.

Was schätzen Schüler an ihren Schulbibliotheken/Wie nutzen Schüler Schulbibliotheken? Das ist sogar für die angelssächsische Wirkungsforschung ein relativ neues Thema!

Schulleiter und Schulbibliotheken: Wie unterstützen sie? Was schätzen sie daran? Oder: Warum haben sie kein Interesse? Welche Vor- und Nachteile sehen sie?

Wie könnten Schulbibliotheken evaluiert werden? Deutschsprachige Literatur, z. B. aus Südtirol ist vorhanden!

Der Entwurf eines Ausbildungscurriculums für Leiter/-innen von Schulbibliotheken. Bekannt sind mir aus den 90er Jahren das Curriculum der ehemaligen Schulbibliothekarsausbildung in Stuttgart (Prof. Papendieck) und ein Entwurf der hessischen LAG Schulbibliotheken und nichtdeutsche Curricula.

Ich habe das jetzt verkürzt dargestellt, ohne viel zu verlinken oder zu bibliographieren. Im Blog thematisiere ich das aber schon lange, man möge es mir daher nachsehen. Dankbar wäre ich für die Nennung weiterer Forschungsvorhaben und noch mehr freuen würde ich mich, wenn zu der einen oder anderen Frage wirklich geforscht würde.

Update: Danke für die Mails und den Kommentar von Frau Ginzel!

Medienpädagogik hatte ich bewusst nicht angesprochen, obwohl ich diese auch als Aufgabe der SB ansehe. (Das habe ich im Buch „Die Schulbibliothek im Zentrum“ beschrieben.) Aber in Deutschland müssen Schulbibliotheken manchmal um Computer kämpfen oder bekommen die alten aus dem FB Informatik. Da kann nur wenig  erforscht werden. Aber aus den „fortgeschrittenen“ Schulbibliotheken und Medienzentren Fallstudien und Erfahrungsberichte zu bekommen, wäre gut.

Berichte und Studien könnten die SB ins Gespräch bringen. Sie wären wichtig, um innerhalb der Schulen ein Bewusstsein für ihr Potential zu schaffen. Sie könnten aber auch dazu beitragen, Politikerinnen und Politiker zum Umdenken zu bewegen. In Brandenburg etwa hatte der Landtag beschlossen, dass bedürftige Schüler/-innen in der Oberstufe hundert € monatlich erhalten, von denen sie ohne Verwendungsnachweis Bücher oder Kinokarten kaufen könnten. Eine ehemalige deutsche Kultusministerin konnte in Schulbibliotheken keine pädagogischen Tätigkeiten erkennen, ein Landtagsabgeordneter fragte, wozu es der Schulbibliotheken bedürfe, wenn es doch öffentliche Bibliotheken gebe.

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Ein Gedanke zu „Was wäre für deutsche Schulbibliotheken zu erforschen?

  1. CG

    Das würde mich auch sehr interessieren, da ich gerade (leider immer noch) auf der Suche nach einem Thema für meine BA-Arbeit bin. Da es ein bildungswissenschaftlicher Studiengang mit einem medienpädagogischen Schwerpunkt ist, liegt das Interesse der Lehrgebiete eindeutig nicht auf typisch bibliothekarischen Fragestellungen. Und ich musste feststellen, dass das genau der schwierige Punkt ist. Schulbibliotheken und Medien? In Deutschland? Oo, wen interessiert’s?!

    Wie wäre es noch hiermit:

    Mit welchen Konzepten reagieren Schulbibliotheken auf die zunehmende Praxis des Mobile Learnings mit Tablets und Smartphones, vor allem im Kontext der Informationsgewinnung?

    Oder: Werden wir in zehn Jahren noch stationäre Rechnerarbeitsplätze in Schulbibliotheken vorfinden?

    Welche Rolle spielen Schulbibliotheken in den Medienbildungskonzepten der Schulen?

    Welche medienpädagogischen Aufgaben können überhaupt für Schulbibliotheken bestehen und wie können sie in der Praxis aussehen?

    Spielen Genderaspekte bei der Mediennutzung in der Schulbibliothek eine Rolle? Wenn ja, wie kann gendergerechtes Lernen mit Medien gefördert werden?

    Vielleicht hat ja der eine oder die andere auch noch ein paar Fragen.

    Antwort

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