Neues Handbuch: Renate Kirmse, Schulbibliothek

Wer sich vom etwas betulich wirkenden Titelbild nicht abschrecken lässt, den erwartet eine „Reise“ in zwanzig Kapiteln durch die Praxis der schulbibliothekarischen Arbeit.

Es ist eine umfassende, höchst lehrreiche Darstellung schulbibliothekarischer Tätigkeiten. Die Autorin bezeichnet sich als „privilegierte Schulbibliothekarin“, da sie an einer Europäischen Schule arbeitet, einer Einrichtung der Europäischen Union, die sich am angelsächsischen Schulsystem orientiert. Gut ausgestattete Schulbibliotheken sind dort selbstverständlich. Frau Kirmse hat das nötige Praxiswissen und gibt es in diesem Arbeitsbuch weiter. Das ist unterhaltsam erzählt, ohne ein Übermaß an Fachchinesisch. Ein Glossar „übersetzt“ unverzichtbare Begriffe. Zu jeder Etappe der Reise gibt es eine Zusammenfassung, oft auch Argumentationshilfen, Checklisten und die Aufforderung an die Leser/-innen, die jeweils eigene Schulbibliothekssituation zu reflektieren. Nichts scheint zu fehlen: Aufsichtspflicht, Crowdfunding, E-Books, Leseförderung, Rollenregale, Verbrauchsmaterial, die Vitrine vor der Eingangstür und das Web 2.0. Selbstverständlich ist eine umfangreiche Literatur- und Adressenliste vorhanden. Die Internetadressen muss man allerdings von Hand eintippen oder ergooglen. (Es gibt aber auch eine genauso teure E-Book-Ausgabe.)

Die Autorin macht deutlich, dass die Schulbibliothek Teil der Schule ist, dass die Bibliothekarin mit den schulischen Gremien, Lehrerkonferenzen, Elternbeiräten, Kommissionen und Schulleitungen zusammenarbeiten muss. Sie sollte Lehrer/-innen Fortbildungsangebote machen, muss Informations-, Medien- und Lesekompetenzen vermitteln, nicht zuletzt Sozialkompetenz im Umgang mit schwierigen Schülern beweisen. Nur noch die engste und anspruchsvollste Art der Zusammenarbeit von Bibliothekar und Lehrer, die gemeinsame Unterrichtsplanung, hätte eine Erwähnung verdient. Frau Kirmse denkt hier bibliotheksbezogen, nicht unterrichtsbezogen: Die Bibliothekarin entwirft Fragebögen zu Sachkundethemen, die zur Benutzung der Bücher der Bibliothek auffordern. Die Rede ist von Bibliothekspädagogik und bibliothekarischen Spiralcurricula, nicht von schulischen Lernzielen oder Bildungsstandards. Wer den Klassenraum verlässt und den Lesesaal betritt, begibt sich auf fremdes Territorium. Die Kapitelüberschrift verleitet zum Schmunzeln: „Umgang mit fremden Kulturen: Lehrer und Schüler als Kunden“.

Im Klappentext heißt es, dass schulbibliothekarischen Laien – Eltern, Lehrern, Ehrenamtlern – Grundlagenkenntnisse fehlten, um eine Schulbibliothek aufzubauen und zu leiten. Aber auch Bibliothekaren fehle oft das Wissen oder das Verständnis für die spezifischen Anforderungen einer Schulbibliothek, ergänzt sie. Es gibt in Deutschland keinen Ausbildungsgang, der das alles vermitteln würde, was hier beschrieben wird. Das Buch eignet sich demnach für beide Gruppen.

Es ist eine anspruchsvolle Arbeitsplatzbeschreibung, informativ nicht zuletzt wegen des Blicks in die internationale Welt des Schulbibliothekswesens. Der Satzspiegel ist lesefreundlich, auf dem breiten Rand stehen kurz gefasste Tipps und gelegentlich die persönliche Meinung der Autorin. Falls man den nicht ganz billigen Band selbst kauft, kann man auch den Platz für Notizen nutzen. Als Handbuch sollte er in jeder Schulbibliothek vorhanden sein.

Von einem Praxisbuch muss man keine Strategien zur Schaffung eines deutschen Schulbibliothekswesens erwarten. Aber auch daran wagt sich die Autorin. Allerdings macht sie in ihrem Resümee nur einen Vorschlag und den gleich zweimal: Die beiden schulbibliothekarischen Landesarbeitsgemeinschaften (Sie nennt Hessen und NRW) in den Deutschen Bibliotheksverband integrieren. Nur so könne es eine grundsätzliche Veränderung geben. Da möchte ich doch widersprechen. Der Bibliotheksverband dbv hat mit der Mehrzahl der Länderregierungen Vereinbarungen zur Zusammenarbeit von öffentlicher Bibliothek und Schule abgeschlossen, in denen eine „Bildungspartnerschaft“ zwischen beiden beschworen wird. Schulbibliotheken kommen in diesen Vereinbarungen, wenn überhaupt, nur am Rande vor. Dasselbe gilt für  Bibliotheksgesetze, für die sich der dbv einsetzt. Seine Einstellung zu Schulbibliotheken ist, das merkt auch Frau Kirmse an, als schwankend zu bezeichnen.

Wichtiger wäre eine Kulturrevolution in den berufsständischen Interessenvertretungen der Bibliothekare: Die Bedeutung der Schulbibliothek als Fundament für lebenslange Bibliotheksbenutzung anerkennen, sie als Teil der Schule und nicht als Außenstelle der öffentlichen Bibliothek anerkennen, als pädagogische und nicht rein bibliotheksfachliche Einrichtung. In einer noch sehr fernen Zukunft wäre dann durchaus vorstellbar, dass der dbv auch die Interessen der zu Schulbibliothekaren weitergebildeten Lehrkräfte wahrnimmt.

Der unzureichende Vorschlag im Resümee schmälert nicht den Nutzen des Buches für Schulbibliothekar/-innen.

Renate Kirmse, Schulbibliothek, Berlin: De Gruyter 2014 (!), Reihe Praxiswissen, 49,95 €

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