Schulbibliotheksbestand vs. Informationskompetenz?

An dem Satz Aufbau eines Buch- und Medienangebotes, das den Unterricht nachhaltig unterstützen kann“ aus dem Beitrag über das Reformprojekt in der Schweizer Schulbibliothek Waldenburgertal bin ich hängengeblieben. Fordern wir da nicht Widersprüchliches?

Auf der einen Seite einen gut organisierten Buch- und Medienbestand, der altersangemessen ist, am Curriculum orientiert, dem Schulprofil entsprechend (Europa, MINT, Naturschutz, antirassistisch, musisch-künstlerisch) und aktuell.

Andererseits sollen die Schüler/-innen informationskompetent sein, womit gemeint ist, dass sie selbst suchen, finden, Quellen bewerten – und eben nicht auf einen geeigneten Handapparat, den ihnen die Bibliothekslehrerin bereitstellt, zurückgreifen sollen. Informationskompetent sein meint vorrangig, Informationstechnologie kompetent nutzen, also Suchmaschinen, nicht nur Google, sondern auch akademische Plattformen, digitale Zeitungsarchive, Online-Datenbanken. Vielleicht auch ein Buch aus der Stadtbibliothek besorgen oder sich im Naturkundemuseum informieren.

Wenn ich das zu Ende denke, heißt das doch, die Schule braucht keinen kenntnisreich zusammengestellten Bestand mehr. Sie braucht Rechercheterminals, Zugang zu online-Datenbanken und eine Recherchebibliothekarin, die den Schülern bei größeren und kleineren Recherchen hilfreich zur Seite steht, wenn es schon die Fachlehrer  – angeblich – nicht können.

Oder gibt es einen Mittelweg? Wie sähe der aus?

Vielleicht sollte die Luft aus den IK-Curricula der Informationswissenschaftler herausgelassen werden. So schlecht waren die alten Tugenden nicht: Bücher an die Hand geben, helfen beim Herausschreiben und mit Wiedergeben mit eigenen Worten, erklären, was ein Referat ist, Vortragstipps geben. Schon vor der Erfindung von Standards zur Informationskompetenzvermittlung K-12 gab es Einführungen in die Bibliotheksnutzung und wurden Handapparate zusammengestellt.

Es gab die Wettbewerbe, bei denen größere Recherchen durchgeführt werden mussten: Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, die Schülerwettbewerbe zur politischen Bildung, im Geschichts- und Politikunterricht wurden Wandzeitungen (heute: Lernplakate) angefertigt, mit Referaten wurden die Klassenfahrten ins geteilte Berlin, ins Anne-Frank-Haus in Amsterdam vorbereitet, heimatkundliche „Forschung“ wurde betrieben, in jedem besseren Geschichtsbuch gab es dazu Anregungen. In Geographie wurden „Länderberichte“ angefertigt. Zugegeben: „flächendeckend“ verbreitet war das sicher nicht. Nicht alle Lehrer fühlten sich verpflichtet, beizubringen, wie man ein Referat anfertigt. Aber da, wo es stattfand: Ohne Kenntnis der Theorien und Modelle der Vermittlung von Informationskompetenz. Kaum zu glauben!

Back to the roots! Das Wichtigste im Rechercheprozess ist nicht das kompetente Googeln. Es ist das Exzerpieren und Organisieren der gefundenen Informationen, ihre Wiedergabe mit eigenen Worten, sowie das Schreiben und Vortragen eines verständlichen, anregenden, übersichtlichen Berichts.

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Ein Gedanke zu „Schulbibliotheksbestand vs. Informationskompetenz?

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