Schulbibliotheken in der Schweiz machen von sich reden

Das ist Anlass, einmal nachzulesen, wie es war, als 1996 in einer Studienreise des Hessischen Lehrerfortbildungsinstituts 21 Bibliothekslehrer/innen und 2 Bibliothekarinnen schulbibliothekarische Einrichtungen in den Schweizer Kantonen Bern, Luzern, Zürich und Zug besuchten.

Die – finanzkräftigen – Kantone hatten in ihren Schulen gut ausgestattete Schulbibliotheken geschaffen. Zum Teil waren diese sogar in die W-LAN-Netzwerke der Schulen eingeschlossen. Die – teuren – EDV- Lösungen stammten aus den USA oder von Siemens-Nixdorf. Zum Vergleich: Ich erhielt 1997 von Schulen ans Netz den ersten Computer für die Schulbibliothek und der Förderverein bezahlte die Internetkosten.

Beeindruckend war auch die gesetzliche Absicherung im kantonalen und kommunalen Recht. Es gibt in den besuchten Kantonen Gesetze und Richtlinien über Bibliotheken und Schulbibliotheken. Im Kanton Luzern etwa eine Verordnung über Schulbibliotheken aus dem Jahr 1995. Es gibt Einrichtungs-, Ausstattungs- und Finanzierungsrichtlinien. Als Aufsichts- und Beratungsorgane bestehen die Kommission für Schul- und Gemeindebibliotheken und die Beauftragten für Schul- und Gemeindebibliotheken. Die Schweizer Richtlinien-Broschüre für Schulbibliotheken ist bis heute in Hessen sehr geschätzte Grundlagenlektüre bei Beratungsgesprächen. (Sie wird gerade überarbeitet.)

Auf nationaler Ebene gibt es eine Einrichtung, die ergänzende Aufgaben wahrnimmt: die Schweizer Volksbibliothek. Als Ergänzungsbücherei versorgt sie gegen geringe Beträge die Bibliotheken mit wechselnden Buchkollektionen, gewährt Starthilfen bei Neugründungen und leiht jährlich 20.000 Klassensätze aus ihrer Zentrale für Klassenlektüre an Schulen aus.

Zwiespältig waren aber unsere Eindrücke von der pädagogischen Nutzung der besichtigten Schulbibliotheken. „Die Bibliothek ist Informations- und Lernzentrum der Schule“, erfuhren wir im Kanton Luzern. Da wir die Bibliotheken nicht „in Betrieb“ gesehen haben, waren wir, was die tatsächliche Nutzung angeht, auf Vermutungen bzw. Gespräche mit den Schweizer Kolleginnen und Kollegen angewiesen. Die Integration der Bibliothek in die schulische Arbeit wurde anscheinend nicht von allen Bibliothekarinnen als Aufgabe gesehen.

Nun liegt vor mir eine Broschüre aus dem Jahr 2013 (Danke an Simone Frübing!): Lesezentrum an der Sekundarschule Waldenburgertal in Oberdorf. Evaluationsbericht zum Pilotprojekt Oktober 2009 bis Dezember 2012“.

Darin wird von einem Konzept berichtet, das drei Jahre erfolgreich erprobt wurde und als Vorbild für alle 19 Sekundarschulen des Kantons Basel-Landschaft dienen soll. Bis 2020 sollen 7 weitere Lesezentren eingerichtet werden, wenn Schulen dies wollen. Es ging darum, ein Konzept für zeitgemäße Schulbibliotheken der S I zu entwickeln. Die Ziele sind:

  • Stärkung der Lese-, Informations- und Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler
  • Aufbau eines Buch- und Medienangebotes, das den Unterricht nachhaltig unterstützen kann
  • Ein Raum- und Infrastrukturangebot zu schaffen, das Arbeiten in Gruppen und im Klassenverband ermöglicht
  • Schaffung eines leicht zugänglichen Ortes im Schulhaus, wo Schülerinnen und Schüler frei und betreut lesen und arbeiten können
  • Schaffung eines attraktiven Ortes, wo Schülerinnen und Schüler sich gerne aufhalten und sich entspannen können
  • Eine professionelle Betreuung des Lesezentrums sicherstellen

Das war es, was wir 1996 als Defizite mehr ahnten als wussten und als dankbare Besucher nicht aussprachen! Auch in der Einleitung der Broschüre wird klar gesagt, dass die Schulbibliotheken, mit wenigen Ausnahmen, konzeptionell in den 80er Jahren stehen geblieben sind und zusehends an Attraktivität und Nutzung verloren haben.

Das, was eigentlich der Normalfall einer Schulbibliothek sein sollte, es aber – auch in Deutschland – leider nicht ist, wurde jetzt erprobt und evaluiert. (PISA mag ein wenig mitgeholfen haben. auch Schweizer Schüler/-innen kommen nicht an die finnische Lesekompetenzstufenverteilung heran.)

Man hat bei der Gelegenheit auch gleich den Begriff „Schulbibliothek“ entsorgt und dafür „Lesezentrum“ eingeführt. (Was m. E. auch nicht optimal ist.)

Nicht zuletzt durch die Einstellung einer Medienpägogin als Leiterin, die sich mit Jugendmedien und Informationstechnologien auskennt, wurde ein reichhaltiges Programm lesefördernder und unterrichtlicher Aktivitäten möglich. Das Kollegium ist hochzufrieden mit der medienpädagogischen Betreuung und nutzt das Zentrum jetzt intensiver für den Unterricht.

Wäre da nicht wieder eine Studienreise angebracht?

Advertisements

Ein Gedanke zu „Schulbibliotheken in der Schweiz machen von sich reden

  1. Simone Frübing

    Ich habe die Präsentation des Pilotprojektes als Vortrag von Dr. Gerhard Matter, Direktor der Kantonsbibliothek Baselland und Theres Schlienger (Projektleiterin, Leiterin der Fachstelle Schulbibliotheken) auf dem BibliotheksLeiterTag 2013 am 10. Oktober in der Deutschen Nationalbibliothek gehört, war begeistert und sofort im Gespräch mit Herrn Matter. Gern können wir die Reise gemeinsam planen!

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s