Unterricht in der Bibliothek 1922

Eine Ergänzung zum Beitrag „longue durée“: 1922 erschien in der Schweizerischen Pädagogischen Zeitschrift dieser Artikel:

Eine vorbildliche Schulbibliothek

Die Gemeindeschule am La Cour-Vej in Kopenhagen, die in vollstem Masse das Epitheton „Musterschule“ verdient, erfreut sich auch des Besitzes einer ganz besonders wohl geordneten und eingerichteten Schülerbibliothek, deren Organisation und Arbeitsmethode zweifellos das regste Interesse aller für das Schulwesen interessierten Kreise wecken muss. Diese Bibliothek verfügt über einen grossen, lichten Leseraum, mehr als doppelt so gross wie ein gewöhnlicher Lehrsaal, und befindet sich im Untergeschoss des Schulgebäudes. Rund um drei Wände des Lesesaales laufen offene Bücherregale etwa zwei Meter hoch. Möbel, Türen und Wandverkleidung sind aus lichtem Birkenholz, Wände und Decke grauweiss gefärbt. Der ganze Raum macht einen behaglichen Eindruck.

Die Bibliothek wird an den Wochentagen mit Ausnahme des Samstag von 4 – 6 Uhr nachmittags offen gehalten und bietet Platz für sechzig Kinder. Der Zutritt ist gestattet den Schülern der 6., 7. und 8. Klasse der eigentlichen Volksschule oder Hauptschule, der melldn-(Zwischen-)skole und der Realschule. Letztere zwei Schulgattungen sind in Dänemark in den Volksschulgebäuden untergebracht, für sie werden keine eigenen Schulhäuser aufgeführt. Das ausführliche Bücherverzeichnis befindet sich in zwei Schubladen, in der einen nach den alphabetisch geordneten Namen der Verfasser, so dass man leicht nachsehen kann, ob ein bestimmtes Buch in der Bibliothek vorhanden, in der andern sind sie gruppenweise verzeichnet nach der vom staatlichen Bibliotheksausschuss vorgeschlagenen Einteilung.

Die Teilnahme an den Bibliothekstunden ist den Kindern freigestellt. Gewöhnlich finden sich ganze Klassen ein, und sofort entwickelt sich eine vielseitige, fieberhafte Tätigkeit. Einige verwenden die Zeit zum Lektionenlernen, wobei das eine oder andere, nachdem es seine Lektion in Geschichte, Geographie oder Naturkunde gelernt, zum Lehrer geht und um ein Buch bittet, das mehr über den in der Lektion vorkommenden Stoff enthält. Fleissige machen sich auch Notizen, was sie in solchen Büchern gefunden und können dann am nächsten Tage viel erzählen, was nicht „im Buche steht“. Englische, deutsche und französische Wörterbücher werden fleissig in Anspruch genommen von den Schülern der melldn- und real-skole. Dort an einem Tische sitzen zwei, etwa 15 jährige Knaben und spielen Schach, neben ihnen sitzen einige Mädchen, versunken in das Studium von Modeblättern oder Familienjournalen. Andere haben sich vertieft in Kinderzeitungen oder in Sagen und Märchen, um vielleicht dann zu Hause ihren jüngeren Geschwistern etwas erzählen zu können. Hie und da grübelt gar ein Knabe darüber, was Positivismus ist oder was Darwinismus, wer Lloyd George ist oder wer Rousseau war oder wie man in die Stockwerke der Wolkenkratzer New-Yorks Wasser hinaufbringt, und sucht nun aus Büchern oder mit Hilfe des Lehrers seine brennende Wissbegierde zufriedenzustellen.

Jene Kinder, die aus dem einen oder andern Grunde des Lesens überdrüssig geworden sind, finden angenehme und lehrreiche Abwechslung durch das Studium der reichhaltigen Sammlung der Bibliothek an geographischen und historischen Bildern. Auch Stereoskopbilder werden fleissig benützt. Mancher der jungen Bibliotheksbesucher zeichnet gern die Abbildungen von Schiffen und Flugmaschinen aus Büchern ab. Man lässt ihn gewähren; denn mit der Zeit wird er auch Geschmack am Lesen von Büchern finden, gereizt zur Nachahmung von dem Vorbilde, das die still lesenden andern Kinder geben. Schöne Literatur darf von den Kindern nach Hause entlehnt werden. Diese Bücher sind in den Kindern erreichbarer Höhe in den Regalen aufgestellt. Das Verzeichnis über solche Bücher nebst einem systematisch geordneten Katalog der Bücher des Lesezimmers ist den Kindern zugänglich. Die eigentlichen Kinderbücher sind in vier Gruppen eingeteilt für die acht Jahrgänge der Hauptschule und sind bezeichnet mit 1, 2, 3, 4. Diese Ziffern sind auch auf der ersten Innenseite des Buchdeckels angegeben, so dass es den Kindern leicht ist, ein für sie passendes Buch zu finden. Aus dem Katalog notieren sich die Kinder jene Bücher, die sie nach Hause zu entlehnen beabsichtigen im Laufe des Semesters.

Der Leseraum wird häufig auch während der Schulzeit selbst für sogen. „Bibliothekstunden“ zur Verfügung gestellt, die ausserordentlich praktisch verwendet werden, und deren Nutzen von den Kindern selbst eingesehen wird. Gegenwärtig muss fast jeder erwachsene Mensch einen Telephonkatalog, ein Adressenbuch oder sonstiges Nachschlagebuch anwenden können, was anfangs freilich manchem recht schwer fällt. Während der „Bibliothekstunden“ erhalten nun die Kinder Gelegenheit, sich systematisch im raschen Aufsuchen und Finden von Namen, Adressen und dgl. zu üben. Dabei müssen sie erst die Namen in der Buchstabenfolge ordnen. anfangs nur nach den ersten Buchstaben, nach und nach aber immer weiter. Dann werden die Kataloge und Adressbücher vorgenommen. Ein Name wird genannt, und die Kinder wetteifern nun miteinander, denselben zuerst zu finden und anzugeben, auf welcher Seite, in welcher Spalte, auf der wievielten Zeile er vorkommt. Nachdem die Kinder sich geübt, die Zunamen unter Berücksichtigung der Vornamen zu ordnen, müssen sie die betreffende Telephonnummer aufsuchen.

Schüler höherer Klassen dürfen während dieser Stunden mit Hilfe der in der Bibliothek vorhandenen Bücher verschiedene Fragen schriftlich beantworten. Um dem Lehrer manche Arbeit zu ersparen, hat der derzeitige, äusserst umsichtige Leiter der Bibliothek, Chr. Clausen, eigene Fragekarten drucken lassen, die zwei bis zehn Fragen enthalten, und auf denen der Titel des Buches bzw. der Bücher an¬gegeben ist, in welchen die Schüler die Beantwortung der Fragen finden können, und die sie nun selbst in der Bibliothek sich heraussuchen müssen mit Hilfe des Bibliothekverzeichnisses. Die betreffenden Fragen sind meist so gewählt, dass die Kinder durch Beantwortung derselben eine kurze Rekapitulation des in der Schule Gelernten erhalten. Bisweilen verlegt ein Lehrer das Aufsatzschreiben in den Lesesaal, insbesonders wenn Themen behandelt werden sollen, die sich die Kinder selbst gewählt, damit die Kinder die Bücher der Bibliothek zu Rate ziehen können. Das Arbeiten wird für die Kinder auf diese Weise viel interessanter als ein gewöhnliches Aufsatzschreiben, auch werden so viel bessere Resultate erreicht. Auch die Eisenbahntabellen mit den Abfahrt- und Ankunftszeiten und den Fahrpreisen werden als Unterrichtsmittel herangezogen, sowie das Lesen, insbesondere der Generalstabskarten, und der Leiter der Bibliothek hat zu diesem Zweck in seine Fragekarten recht viel diesbezügliche Fragen aufgenommen.

Frisches, reges Leben ist in diesen Bibliotheksstunden“. Grabesstille und Schweigen herrscht natürlich nicht während dieser Zeit unter den Kindern; dafür aber wird gearbeitet mit Lust und Liebe, mit Interesse, Ernst und Erfolg.

Quelle
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