Ein Bibliothekar hinterfragt Informationskompetenz

Seit Jahren schreibe ich in diesem Blog gegen den Hype um Informationskompetenzvermittlung in der Schule an. Aber was aus Hessen kommt und dann auch noch von einem Schulpraktiker, wird ungern zur Kenntnis genommen.

Es sind vor allem Bibliotheksverbände, die für sich und ihre Bibliotheken reklamieren, den Schülern und Lehrern Informationskompetenzen beizubringen. Sie entwerfen detaillierte Curricula vom Kindergarten bis zum Abitur, lassen in Bibliotheksgesetze ihre Zuständigkeit für die Vermittlung von Informations- und gar auch Medienkompetenz hineinschreiben, fordern bisweilen ein neues Schulfach und vergessen auch nicht, nachzuweisen, dass die Zielgruppe bisher keine Ahnung hätte, wie man sich Informationen beschafft und kritisch beurteilt.

Die Schule hat die Flut der bibliotheksfachlichen Studien, Konzepte, Tagungen und Manifeste nicht zur Kenntnis genommen. Dabei ist unbestreitbar, dass das Anfertigen von Referaten und Facharbeiten, das saubere Zitieren, hilfreiche Lesetechniken, auch das Vortragen oder Präsentieren der Ergebnisse nicht immer zufriedenstellend vermittelt wurde. Aber die Curricula, Kompetenzrahmen und Standards sind von Bibliothekaren geschrieben worden. In den Expertenkommissionen saßen keine Lehrer.

Seit den 90ern, noch im vordigitalen Zeitalter der Schule sprach man von Arbeitstechniken und Skills, den schwammigen Begriff „Kompetenz“ kannten wir noch nicht. In den Sprachbüchern gab es nach und nach gute Kapitel dazu. Nicht zuletzt der Schulbibliothek wiesen wir – die LAG Schulbibliotheken in Hessen mit Lehrgängen, Publikationen, Tagungen – dabei eine wichtige Rolle zu.

(Aus dem Ruder lief das Thema in der Schule erst, als ein Pädagogikprofessor daraus ein umfassendes pädagogisches Konzept machte, die „Klippert-Schule“. Das ist heute zum Glück vergessen, aber Tonnen von Kopierpapier und Zehntausende von Trainingsstunden wurden aufgewandt.)

Jetzt fühle ich mich nicht mehr als einsamer Rufer in der Wüste: Der Bibliothekswissenschaftler Karsten Schuldt, der gerne einen unverkrampften Blick auf seine Zunft wirft, schreibt jetzt in seinem Blog über „Das Unbehagen mit der Informationskompetenz“ und stellt sogar für den universitären Raum die Frage, „ob die Fähigkeiten, die als Informationskompetenz umschrieben werden, wirklich für die Studierenden oder jungen Forschenden notwendig wäre(n).“ Er hat nicht den Eindruck, dass der Gebrauch von Google und die Vernachlässigung bibliotheksfachlicher Informationsangebote, die Noten und die Qualität der Arbeiten erkennbar beeinträchtige.

„Kann es wirklich sein, dass Bibliotheken im deutschsprachigen Raum seit Jahren quasi im Blindflug agieren und auf einer These aufbauen, die nicht belegt ist?“ fragt er.

Um das zu illustrieren: im hessischen Bibliotheksgesetz steht z. B. dieser präpotente Satz: „Öffentliche Bibliotheken dienen der schulischen, beruflichen und allgemeinen Bildung und Information, der Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz sowie der Pflege von Sprache und Literatur.“ (§ 5_2)

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2 Gedanken zu „Ein Bibliothekar hinterfragt Informationskompetenz

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