Lesetipp: In die neue Welt. Eine Familiengeschichte in zwei Jahrhunderten – Ein Sachbilderbuch

Migration ist nicht erst seit Lampedusa aktuell. Beim Gang durch die Geschichte könnte der Eindruck entstehen, dass Wanderung, Einwanderung, Auswanderung oder Flucht wesentliche geschichtliche Konstanten der Menschheitsgeschichte sind. Bedeutsamer jedenfalls als Sesshaftigkeit. Man denke an die Besiedlung Amerikas durch einwandernde indianische Stämme, die germanische Völkerwanderung, die Auswanderung von Deutschen nach Amerika und Russland, die Flüchtlingsströme, die von Kriegen ausgelöst wurden.

Ich bin aus Hessen nach Brandenburg umgezogen, einem Land, in das Schweizer, Niederländer, Franzosen und Pfälzer eingewandert sind und das, als es Teil der DDR war, Tausende verlassen hatten. Es sieht so aus, als ob Migration der Normalfall wäre und nicht Sesshaftigkeit.

Auswanderung ist das Thema des Sachbilderbuches von

Gera Reidt (Illustration) und Christa Holtei (Text),

In die Neue Welt. Eine Familiengeschichte in zwei Jahrhunderten

Es erzählt von einer Kleinbauern- und Weberfamilie, für die es zum Leben nicht mehr reicht. (Durch Realteilung wurden die Ackerflächen in Teilen Deutschlands auf die Erben aufgeteilt und somit immer kleiner.) Sie beschließen 1869, in die Neue Welt auszuwandern. Das Buch enthält ganzseitige Zeichnungen der Stationen der Reise. Eine Fülle liebevoll gezeichneter Details sind zu entdecken: Das Dorf kurz vor dem Wegzug, die Versteigerung von Hab und Gut, das riesige Auswandererschiff im Hamburger Hafen, das überfüllte Zwischendeck, die sternenklare Nacht in der Prärie, das allmähliche Wachsen des Hofes bis zur modernen Farm fünf Generationen später. (Auch der Swimming Pool hinter dem Wohnhaus fehlt nicht.) In die Textseiten eingestreut sind Detailaufnahmen: Im General Store, wo man Saatgut und Werkzeug und Lebensmittel kauft, die jetzt alle englische Namen tragen,  die „Stunde Null“ auf dem leeren Feld in der unendlichen Prärie, die Begegnung mit Indianern…

In der Junior High School beginnt, 150 Jahre nach der Ankunft der Vorfahren, für die ältere der beiden Töchter das Projekt „Die Geschichte der Einwanderer“ und das ist der Auslöser für eine Reise der Familie nach Deutschland, ins Herkunftsland der Vorfahren. Und dort finden sie sogar noch das Häuschen ihrer Vorfahren.

Eine anschaulich gezeichnete und mit – überwiegend – einfachen Worten erzählte Geschichte. (Ich könnte mir vorstellen, dass nicht jeder Grundschüler Wörter wie Saatgut, Südstaaten, Bürgerrechte oder Reibereien kennt.

Man kann sich das Buch alleine erobern oder gemeinsam darin auf Entdeckungsreise gehen. Ich würde ihm auch wünschen, dass sein Potenzial im Sachunterricht genutzt wird: Wenn man sich in die Bilder und den Text vertieft, kommt man zwangsläufig dahin zu fragen: Wie fühlt man sich, wenn man Haus und Hof verlässt? Wenn man woanders von vorne anfängt, wenn man sich fremd fühlt, wenn man neue Freunde gewinnt und erfolgreich ist, wenn man erkennt, dass man Teil einer langen Geschichte ist?

Das könnten sehr philosophische und hochpolitische Gespräche im Unterricht etwa der Klassen 4-6 werden. Angesichts der aktuellen Diskussion um Auswanderung und Asyl ein willkommener Gesprächsauslöser.

Der Ausschnitt aus dem Cover (Zeichnung: Gerda Raith) zeigt, wo die Reise in diesem gelungenen Sachbilderbuch hingeht: Aus der Vergangenheit in die Gegenwart!

migration

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