longue durée

Immer wieder nehme ich Anlauf, um mein überbordendes Archiv von Schulbibliotheksdokumenten durchzukämmen und auf das Allerwesentliche zu reduzieren. Es ist ein schwieriges Geschäft. Bei manchen Broschüren, Aufsätzen oder Zitaten konnte ich mich dann doch nicht zum Wegwerfen entschließen, wenn ich sie in der Hand hielt. Manches, was lange Jahre in einem Stehsammler vergilbte, brauchte ich  urplötzlich eine Woche, nachdem ich es entsorgt hatte. Am einfachsten ist das Wegwerfen, wenn man sicher ist, dass der Text inzwischen auch digital auffindbar ist oder es  neuere Texte zum Thema gibt.

Das Durchforsten der Bestände ist aber längst nicht nur frustrierend. Es gibt auch gelegentlich etwas neu oder wieder zu entdecken.

Heute habe ich gerade Materialien zu den Themen Arbeitstechniken, Recherchieren, Referate und Facharbeiten schreiben durchgesehen und ausgemustert. Sie stammen aus dem Zeitraum Ende der 70er, 80er und Anfang der 90er Jahre. Der Begriff „Informationskompetenz“ war damals außerhalb von amerikanischen Universitäten unbekannt. Heute wird das auch in Schule und Kindergarten „Vermittlung von Informationskompetenz“ genannt und Bibliothekare erklären Lehrern, wie man das macht.

Im Papierkorb landen auch Materialien zu „Unterricht in der Schulbibliothek“, z. B. einschlägige Hefte des „Berner Bibliothekars“ von 1978 und 82, beileibe nicht alle! Ich bin dankbar, dass mir jemand die Zeitschrift bis heute zuschickt! Es gab immer mal wieder den Themenschwerpunkt „Unterricht in der Schulbibliothek“. Günther Brée und ich haben in Hessen versucht, auf Lehrgängen der Lehrerfortbildung Kolleg/-innen für die Idee der Schulbibliothek als Lernort zu gewinnen. In der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Schule in Schwalbach genehmigte das Ministerium einen kleinen Modellversuch und es entstand eine Sammlung von Unterrrichtsvorschlägen für viele Fächer, die Schulbibliothek fand Eingang in die Stoffpläne. Das österreichische Unterrichtsministerium gab 1994 eine Broschüre mit Beispielen heraus, aus den 2000er Jahren stammen die hervorragenden Südtiroler Materialsammlungen.

Warum halte ich das für erwähnenwert? 30 Jahre nach meiner „historischen“ Ausgabe des Berner Bibliothekars ist es längst noch nicht Allgemeingut, dass die Schulbibliothek täglich als Unterrichtsort genutzt wird.

Das scheitert nicht nur praktisch an der fehlenden räumlichen und sachlichen Ausstattung. Es ist auch konzeptionell längst nicht selbstverständlich. sonst würde man nicht solche gut gemeinten Ratschläge hören: Dass man sich Bücher doch auch in der Stadtbibliothek ausleihen könne und die Klasse (jährlich) einmal eine Exkursion dorthin machen solle, um sich in die Benutzung einweisen zu lassen.

Das bewirkt das Archiv: Man wird daran erinnert, wie lange es dauert und wie schwer es ist, etwas zu verändern.

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