Meine Sommerlektüre

Zuletzt hatte ich vor etwa einem Dreivierteljahr geschrieben, was ich so lese, wenn mir das Bloggen Zeit lässt. Hier eine neue Lieferung:

John Green, The Fault In Our Stars (dtsch: Das Schicksal ist ein mieser Verräter).

Die Nr. 2 der Bestenliste der Jugendbücher 2012 des US-Bibliothekarsverbandes ALA: Zwei krebskranke Teenager verlieben sich.

Eine – zurückhaltend gesagt – überschwängliche Rezension weckte mein Misstrauen. Jugendbuchrezensionen sind nahezu ausschließlich des Lobes voll, diese war übervoll. Aber dieses Mal stimmte es. Ich habe geweint und gelacht.

William T. Vollmann, Europe Central

Ein gigantisches Werk, über tausend Seiten lang. (Zu lang!)

Das nationalsozialistische Deutschland und das kommunistische Russland sind vielfältig ineinander verwoben. Alles kreuzt sich, alles hängt mit allem zusammen. Für Gegner der Totalitarismustheorie eine Zumutung. Erzählt wird von Käthe Kollwitz, General Paulus und Kurt Gerstein, von General Wlassow, Hilde Benjamin, Lenins Frau Krupskaja, dem Komponisten Schostakowitsch und dem Dokumentarfilmer Roman Karmen. Zahlreiche weitere, teils fiktive Personen kommen vor. Die Belagerung Leningrads, der Kampf um Stalingrad und Kursk, die Todes-KZs der Nazis, die DDR sind Schauplätze.

Das Buch ist eine raffinierte literarische Montage, keinesfalls eine historische Dokumentation, über viele Seiten fantasievoll, aber plausibel erzählt. So könnte es gewesen sein, dabei ist es hervorragend ausgedacht, basiert aber auf profunder Literaturkenntnis Vollmanns und erstaunlichen Funden. Über 80 Seiten Anmerkungen zeugen davon.  Er verdichtet Zitate, legt sie anderen in den Mund, macht das aber transparent. Zwei Erzähler, ein stalinistischer Geheimdienstmann und ein fanatischer Nationalsozialist schildern und beurteilen das Geschehen von ihrem, jeweils durchaus schlüssigen Standpunkt aus. Eine lebenslange Liebe des Komponisten zu Elena, der späteren Frau Karmens nimmt weite Teile des Romans ein. In Wirklichkeit war es nur eine kurze Romanze.

Einem Rezensenten der FAZ, Cord Riechelmann, gelingt es, einen Punktsieg des Stalinismus gegenüber dem Nationalsozialismus herauszulesen. (Ob das für Vollmann ein Anliegen war?) Es gehe darum zu verstehen, was es heißt, ein Stalinist zu sein. Und das scheint ein tausendmal komplizierterer Vorgang zu sein. als der, ein Nazi zu sein. Für Riechelmann stellt sich Frage: Welche Bedeutung hat das Studium des Irrsinns des Stalinismus für den Fortschritt? Nun denn. Ein DDR-Witz bringt es schneller auf den Punkt: Kommunismus ist eine wunderbare Sache. Nur die ersten hundert Jahre sind schrecklich.

Hat sich die Lektüre gelohnt? Bei allem Respekt vor der gigantischen Leistung: eher nicht. Ein Buch für Vollmanniacs, wie es in einem Leserkommentar bei goodreads heißt.

Am beeindruckendsten war für mich die Analyse der Schostakowitsch´schen Kompositionen. In seiner Musik steckt der Stalinismus und der Zweite Weltkrieg: Der Geschützdonner, das Leid der Soldaten, die Ketten der T 34-Panzer. Deutsche Volkslieder und Stalins Lieblingslied werden zitiert. Auch die stalinistische Kritik an „formalistischen“, ideologisch nicht auf Parteilinie liegenden Kompositionen lernt man kennen. Der allwissende Erzähler aus dem sowjetischen Geheimdienstmilieu würde das „Schwein“ Schostakowitsch am liebsten liquidieren. Man müsse bei Intellektuellen aufpassen, sagt der NKWDler.

Dr. Faustus von Thomas Mann kenne er nicht, sagt Vollmann in einem Interview.

Am grünen Strand der Spree, Fernsehfilm in 5 Teilen von Fritz Umgelter (DVD), ARD 1960, nach dem Roman von Hans Scholz.

Die FAZ erinnerte daran und ich bestellte die Kassette, war gespannt auf das Wiedersehen. Ich wurde nicht enttäuscht. Als Bonusmaterial gibt es die erste Folge (Ein Wehrmachtsoffizier wird Zeuge des Holocaust) als Hörspiel. Das fand ich noch eindrucksvoller als den Film.

Es heißt ja immer, die Auseinandersetzung mit der Nazizeit hätte erst 1968 oder noch gar nicht begonnen. Das ist falsch.

Hans Zischler, Berlin ist zu groß für Berlin

Zischler, Schauspieler von Beruf, ist gerne in Berlin unterwegs und hat ein ungemein erhellendes Buch über die Stadtentwicklung geschrieben. Mit seinen Worten: Ausdehnungshunger, Größenwahn und Abrisslust.

Was man schon immer ahnte: Berlin bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück. Es ist keine Metropole in Augenhöhe mit Paris, London oder New York. Hier kann man den Gründen auf die Spur kommen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s