Die Netzgemeinde im Altneuland

„Das Internet ist für uns alle Neuland“, sagte die Bundeskanzlerin aus Anlass der NSA-Datensammelwut.

Wie reagieren die pubertär-präpotente Horde der Gurus, Nerds und Aktivisten, die (noch) glauben, das Internet gehörte ihnen und sie hätten das Monopol auf den Durchblick? Wenn es überhaupt eines Beweises bedarf, dass das Internet ein neues Medium, in seiner WWW-Version ein sehr neues Medium ist, dann sind es die die Twitter- und Facebook-Absonderungen in diesem „Fall“.

Das Internet ist kein besetztes Haus, in dem alternative Demokratiemodelle realisierbar scheinen. Am digitalen Lagerfeuer kann man sich zum Terroranschlag, zum Mobben einer Klassenkameradin oder zum Sandsackfüllen an der Elbe verabreden. Die Machtkonzentration bei den Internetkonzernen, die Veränderungen in der Medienlandschaft, im Handel, alles kein Neuland?

Es ist wohl unstreitig, dass im Netz rechtsfreie Räume herrschen, Sitte und Anstand Wünsche offen lassen, Big Data bisher noch nicht einmal bei den Piraten ein großes Thema war.

(Die Piratenfraktion in der Berlin-Friedrichshainer Bezirksverordnetenversammlung sorgte aber dafür, dass in den öffentlichen Gebäuden des Bezirks die Toiletten um eine dritte bereichert werden müssen, für geschlechtlich nicht festgelegte Menschen, von denen es in Deutschland ca. 17.000 geben soll.)

Nachtrag Februar 2014: Noch ein Beispiel, womit sich Piratenpolitiker beschäftigen: Die für das Europaparlament kandidierende Aktivistin Anne Helm posierte am Gedenktag des britischen Bombardements von Dresden im Femen-Stil. Auf ihren Oberkörper hatte sie aufgemalt: „Danke, Bomber Harris!“. Bei dem Luftangriff waren 20.000 Dresdner getötet worden. Frau Helm wollte die ebenfalls an diesem Tag demonstrierenden Nazis provozieren, Opfer verhöhnen wollte sie nicht, sagt sie. Eine Mit-Demonstrantin hatte sich „Antifa Action“ aufgepinselt. In der Partei gibt es nun Irritationen. Nicht alle verstehen sich als linksextreme Partei. In Berlin sind SPD, Grüne und Piraten ein bisschen linker als anderswo. Natürlich sagt Frau Helm, dass sie nicht als Piratin, sondern in ihrer Freizeit demonstriert hätte. Nun gibt es einen bundesweiten innerparteilichen Shitstorm.

Ein Armutszeugnis auch, dass sich Zeitungen und Fernsehen überwiegend auf die unkritische Wiedergabe des Shitstorms beschränken. Sie sind die großen Verlierer im Internetzeitalter. Es ist rührend, dass ausgerechnet sie ihre noch verbliebenen Nutzer/-innen ständig auffordern, zu twittern, zu posten, zu liken und in ihren Nachrichtensendungen verlesen sie Tweets, Postings und E-Mails. Dann lieber gleich die Huffington Post.

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7 Gedanken zu „Die Netzgemeinde im Altneuland

  1. Basedow1764 Autor

    Ich hatte meine Enttäuschung über die Piratenpartei formuliert, die angetreten war als Partei der Internetfachleute, die uns digitalen Einwanderern erklärt, wie das Internet die wahre Demokratie bringe. Von ihnen war in der ganzen Diskussion um die Geheimdienste bis vorgestern nichts zu hören gewesen. Hatten sie in ihren Programm-Wikis noch nichts stehen über Datenschutz und Geheimdienste? Unverständlich ist mir auch der neue Shitstorm, der den Innenminister nach seiner Washingtonreise traf. Die grünen Spitzenpolitiker Trittin und Özdemir werfen ihm Versagen vor. Sie hätten in Washington sicher machtvoll auf den Putz gehauen. Wie verträgt sich das mit der Forderung nahezu aller rot-grün regierten Länder in der Justizministerkonferenz, die anlasslose Vorratsdatenspeicherung so schnell wie möglich wieder einzuführen? Die FDP-Justizministerin blockiert die Übernahme der entsprechenden EU-Vorschrift. Die wird in Brüssel gerade überarbeitet.

    Antwort
  2. Herr Rau

    Um, ich war auch ein wenig überrascht über diesen Blogeintrag. Die Twitter-Reaktion gefällt Ihnen nicht, und die Sache mit den dritten Toiletten auch nicht, sonst bleibt nicht viel übrig. Internet ist tatsächlich noch Neuland, in Deustchland, bei der Regierung, und das ist traurig und beklagenswert und müsste längst nicht so sein. Was würde geschehen, wenn der Präsident dser USA das sagen würde? Nicht auszudenken, das Gelächter. Und sich geradezu damit brüsten, und die Unerfahrenheit damit als Ausrede für Abhören heranzuziehen? Geht nicht. Mit mehr Berechtigung könnte Merkel sich hinstellen und sagen, das mit dem Euro, das ist für uns alle Neuland. Wird sie kaum tun, oder?

    Antwort
    1. Basedow1764 Autor

      In der Tat: Die Twitter-Reaktion gefällt mir nicht und die dritten Toiletten gefallen mir auch nicht. Daran nehme ich Anstoß: Dass die digitalen Aktivisten ausgerechnet am „Neuland“ Anstoß nehmen, aber zur Sache selbst nichts beitragen und noch nicht einmal ernsthaft Frau Merkel kritisieren – wie Sie das machen – sondern sich bloß lustig machen. Stellvertretend dafür die Piratenpartei. Die Verkehrsformen des „sozialen“ Internets sind verführerisch: Schnelle Erregungskurven, Shitstorm usw. Dabei ist es doch die digitale Vorhut, die für sich in Anspruch nimmt, dass mit dem Hochfahren von Laptops und Tablets auf Versammlungen und dem Twittern von Gedanken, bevor sie richtig formuliert sind, die Demokratie begänne.

      Meine Urlaubslektüre war zufällig John Le Carrés „The Mission Song“. In dem Buch von 2006 werden aus Anlass einer Kongo/Kivu-Konferenz Konferenzräume und Besprechungsräume, sogar der Garten verwanzt. Abgehört wurde immer und wird immer, auch bei politschen Freunden. Die Naivität, die Frau Merkel wohl mit Recht als geheuchelt unterstellt wird, ist wohl eher bei den digitalen Gutmenschen zu finden, die überrascht sind, dass ihr Glaube an die Segnungen des Internets wieder einmal erschüttert wurde. Das Internet ist für die Geheimdienste kein Neuland.

      Um vom US-Präsidenten nicht ausgelacht zu werden und um im Tanz mit den großen Abhörnationen mitmachen zu können, muss Frau Merkel den BND aufrüsten. Dabei sind „unsere“ digitalen Geheimdienstler gar nicht so erfolglos, wie man hört. Sie haben anscheinend Methoden entwickelt, ohne die amerikanische Gigantonomie Treffer zu erzielen. (Bei einer Professorin, die in einem Tweet aufforderte, in einer kommenden öffentlichen Veranstaltung der bayerischen Justizministerin Fragen zum Fall Mollath zu stellen, erschien die Polizei.)
      Was den Rechtsschutz, den Datenschutz und die Verhinderung der neuen technologischen Möglichkeiten der Geheimdienste angeht, befinden wir uns allerdings im Neuland.

  3. DonBib

    Ach Herr Schlamp,

    da ist wohl die BILD mit Ihnen durchgegangen. War das ein Einblick in die Welt eines so ausgesprochen wissenden und medienkompetenten Exlehrers?

    Ihre Fähigkeit sich ausschließlich auf die Stammtischargumentationen im Netz zu berufen ist schon erstaunlich. Allein der wiederkehrende Verweis auf den angeblich „rechtsfreien Raum“, den es so schlicht nicht gibt, zeugt von blankem Populismus. Den sind wir von Ihnen aber ja gewohnt. Sie sind was das angeht ein klassisches Exemplar Potsdamer Abgehobenheit.

    Für die große Mehrheit von uns ist und bleibt vieles im Internet Neuland. Im Rahmen der in den letzten Jahren verabschiedeten Gesetze, die allesamt auf die Einschränkung von Freiheit abzielten, bleibt die Aussage der Bundeskanzlerin schlicht ein Armutszeugnis.

    Antwort
  4. Sebastian Wolf (@Bibliothekswelt)

    Nun ja, die „Absonderungen“ bei Twitter und Facebook zum „Neuland“ sind sicherlich nicht schlechter als dieses „Randale“-Blogpost. Neuland ist etwas, das vielleicht erst seit 2-3 Jahren existiert – nicht etwas, dass seit 20-30 Jahren existiert und dass seit gut 15 Jahren der Allgemeinheit zugänglich und bekannt ist. Oder ist der Katalysator, bleifreies Benzin, FCKW-freie Spraydosen, nach Feierabend einkaufen, das Handy oder ein DVD-Player für uns alle „Neuland“? Das sind alles Dinge, die kaum älter, teils sogar jünger als das „Neuland“ WWW sind. Und nur weil längst bekanntes (Machtkonzentration, Überwachung etc.) nun auf ein neues Medium übertragen wird, ist das doch kein Neuland! „Rechtsfreie Räume“, Mangel an „Sitte und Anstand“ – es wäre für mich Neuland, wenn das nun im Web etwas neues wäre. Das gibt es doch seit Jahrtausenden – und es ist im Übrigen auch ganz stark vom Zeitgeist abhängig, was nun rechtsfrei, unanständig oder unmoralisch ist.

    Antwort
    1. Basedow1764 Autor

      Eine erschreckend naive Weltsicht, den Begriff „Neuland“ nur auf die jeweils letzten zwei bis drei Jahre zuzulassen. Beim Vergleich des Internets mit der FCKW-freien Spraydose fehlt mir vor Lachen die Kraft, weiter zu randalieren.

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