Der „kompetente Säugling“

Die Bücher und Aufsätze des Politikdiaktikers Prof. Wolfgang Sander (Gießen) waren für mich in meiner Zeit als Politik-Ausbildungsleiter wichtige Seminarmaterialien. Jetzt lese ich in der FAZ v. 26.4.13 einen Text, in dem er die Kompetenzdiskussion vom Kopf auf die Füße stellt. Er erinnert ganz knapp (Endlich wieder einmal keine seitenlange Erörterung, wie sie in der FAZ die Regel ist) daran, dass Kompetenzen nicht fachbezogen gedacht waren, sondern ganz bewusst ein Gegenkonzept gegen die Überbetonung fachlichen Lernens in der Schule. Wir sprachen in den 80ern ganz unschuldig von Skills, Arbeitstechniken, und haben sie in den Politik-Lehrplan eingebaut. (Obwohl es natürlich fächerübergreifende Techniken waren. Aber die Kolleg/-innen der anderen Fächer waren bewusstseinsmäßig noch nicht so weit.;-))

Der Sündenfall begann nach 2000 mit den Nationalen Bildungsstandards, die plötzlich fächerorientiert formuliert wurden. Die Bildungsstandards für die Fächer, die in sensationell kurzer Zeit entstanden waren, lasen sich streckenweise wie lernzielorientierte Lehrpläne. Ich habe seinerzeit irritiert festgestellt, dass das meiste wie herkömmliche Feinziele klang: auswerten, unterscheiden, begründen. (Auch Andreas Gruschka, Verstehen lehren, gibt Beispiele.)

Als ich in einer Versammlung, in der das Kultusministerium 200 Schulleiter/-innen von jungen Damen und Herren Bildungsstandards erklären ließ, danach fragen wollte, übersah die Schulrätin, die die Rednerliste führte, meine Wortmeldung. Sie kannte mich.

Klieme wollte die Notengebung nicht abschaffen, die Bildungsstandards aber mit standardisierten Tests messen. Auch ging er von Mindeststandards aus. Es sollten die Kompetenzen gemessen werden, die alle Schüer erreicht haben sollten. Eine Differenzierung nach Schulstufen war nicht vorgesehen. Entstanden sind jetzt sprachliche Eiertänze: „In Ansätzen begründen können (HS), begründen können (RS), ausführlich begründen können (Gym). Politische Urteilsfähigkeit oder Geschichtsbewusstsein kompetenzorientiert aufzudröseln und mit standardisierten Testverfahren zu messen, lässt sich anscheinend nicht überzeugend realisieren.

Er gibt als Beleg für die uferlose Ausweitung des Kompetenzbegriffs auf alle Bildungsbereiche das Wort vom „kompetenten Säugling“ aus einer bayerischen Kita-Richtlinie zum besten.

Sander fordert dazu auf, zum „kritischen Potenzial der Kompetenzorientierung“ zurückzukehren, der Kritik am herkömmlichern Wissen- und Stoffverständnis der Schule. Dazu bedürfe es einer bildungstheoretischen Wende in der Erziehungswissenschaft.

Sander spricht es aus: „Nicht jede schulische und auch nicht jede fachliche Bildungsaufgabe lässt sich als Kompetenz formulieren.“

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2 Gedanken zu „Der „kompetente Säugling“

  1. Jonas Gerber

    Es bedarf ständiger Änderungen im Bereich Bildung und meiner Meinung könnten sie ruhig schneller stattfinden, da unsere Welt in einem schnellen Wandel ist.

    Antwort

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