Multitasking und innere Einkehr

Nicholas Carr schreibt in seinem sehr lesenswerten Buch „Wer bin ich, wenn ich online bin“ u. a.:

Wann immer wir auf einen Link stoßen, müssen wir wenigstens für den Bruchteil einer Sekunde innehalten, damit unser präfrontaler Kortex entscheiden kann, ob wir ihn wirklich anklicken sollen oder nicht. Die Umleitung unserer geistigen Ressourcen vom Lesen zur Entscheidungsfindung mag sich für uns unmerklich vollziehen, denn unser Gehirn arbeitet schnell, doch es hat sich gezeigt, dass Auffassungskraft und Gedächtnis dadurch beeinträchtigt werden, besonders, wenn sich dieser Prozess regelmäßig wiederholt… Unsere Fähigkeit, jene reichen geistigen Verbindungen zu nutzen, die beim ungestörten und konzentrierten Lesen entstehen, bleibt dabei weitgehend ungenutzt…

Viele Pädagogen nehmen an, dass Multimedialität zu einem besseren Verständnis… führen müsse – je mehr Input, desto besser… Die geteilte Aufmerksamkeit bei der Multimedianutzung beansprucht unsere kognitiven Fähigkeiten nur noch mehr und vermindert dadurch Auffassungsvermögen und Lernergebnis.

… es wäre ein schwerer Fehler, nur die Segnungen des Netzes sehen zu wollen und daraus zu schließen, dass uns diese Technologie intelligenter macht…

Er zitiert andere Neurowissenschaftler:

Jordan Grafman: „Je mehr man sich auf das Multitasking einstellt, desto weniger gelingt es uns, etwas abzuwägen, desto weniger können wir über ein Problem ernsthaft nachdenken und es lösen.“

Clifford Nass: „Wenn wir online Multitasking betreiben, trainieren wir unser Gehirn darauf, jedem Mist Beachtung zu schenken.“

Eine Reihe psychologischer Studien – und der gesunde Menschenverstand; GS – haben gezeigt, dass Menschen, die eine gewisse Zeit in einer naturnahen, ruhigen, ländlichen Umgebung verbracht haben, eine höhere Aufmerksamkeit, ein besseres Gedächtnis und eine allgemein verbesserte Kognition aufweisen. Ihr Gehirn wird ruhiger, ihre Sinne werden schärfer… das menschliche Gehirn kann sich entspannen, wenn es nicht dauernd mit externen Stimuli bombardiert wird… Der Zustand der inneren Einkehr stärkt die Fähigkeit, den eigenen Geist zu beherrschen.

Das wäre doch eine Urlaubsidee für Netzaktivisten und Internetfetischisten.

Update 10.9.14: Zwei empirische Studien zum Multitasking werden in der FAS v. 7.9.14 beschrieben. In beiden kommen die Forscher zum Ergebnis, dass Multitasking ineffizient ist. Bei einer Studie ging es darum, wie effektiv Arbeitsrichter arbeiten. Diejenigen, die viele Verfahren gleichzeitig betrieben, waren langsamer als die Kollegen, die weniger Verfahren gleichzeitig abarbeiteten.

In der anderen Studie wurde zwischen einem Sudoku und einem Wortsuchrätsel gewechselt. Wer die Aufgaben hintereinander abarbeitete, war schneller. Die Autoren meinen, dass die kognitiven Kosten, sich immer wieder in die vorhergehende Aufgabe hineinzdenken, zu hoch seinen. Einen Unterschied in der Fähigkeit zum Multitasking zwischen Männern und Frauen konnten die Forscher nicht feststellen.

Nachtrag: Clay Shirky, Medien-Professor an der New York University verbietet den Gebrauch digitaler Geräte in seinen Seminaren. In einem Interview in der FAZ v. 6.12.14 sagt er: „Multitasking laugt geistig aus.“ Und: „Es istals ob frische Luft in den Raum strömt. Die Diskussionen werden wieder lebhafter.)

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