Erneut in Bogotá!

Eliteschule Gimnasio Moderno Bogotá

Unverhofft durfte ich ein zweites Mal nach Kolumbien reisen. Im letzten Jahr war es die Schulbibliothekskonferenz von Biblored, dem hervorragenden Stadtbibliothekssystem  der Hauptstadt Bogotá, auf der ich vortragen durfte. (Thema: „Lehrer, Schulbibliothekar, Schulbibliothek und Schule. Wie geht das zusammen?“) Jetzt lud Fundalectura – ungefähr vergleichbar mit der Stiftung Lesen – zur ersten nationalen Schulbibliothekskonferenz ein. Knapp 900 Bibliothekarinnen und Bibliothekare reisten an, die Referenten kamen aus Spanien, den USA und aus ganz Lateinamerika.  Neben den Hauptvorträgen im großen Auditorium auf dem Messegelände – es war wieder Buchmesse – gab es praxisorientierte Seminare, Expertengespräche und Erfahrungsberichte.

Eine Vielfalt an Themen wurde angeboten: Gedichte und Comics  in der Schulbibliothek, Vernetzung ländlicher Schulbibliotheken, Bestandsaufbau, Schulbibliothekar oder Bibliothekslehrer?, der Beitrag von Lesen und Schreiben zur Qualitätssteigerung in der Schule u. a. Daneben gab es Praxisberichte aus einzelnen Schulbibliotheken oder Schulbibliotheksnetzen im Land.

Mehrfach kamen Themen aus dem Bereich der Kinder- und Jugendliteratur, vor allem unter ethnographischen und interkulturellen Aspekten, vor. Sie sind für Kolumbien von besonderer Bedeutung, da die Bevölkerungsstruktur heterogen ist: Nachfahren der indigenen indianischen Bevölkerung, Nachfahren der als Sklaven importierten Afrikaner, Nachfahren der spanischen Kolonisten und vor allem die verschiedenen Mischungen daraus – Mestizen, Mulatten, Kreolen. Es gibt ein wachsendes Bewusstsein vor allem unter Studenten für diese Verschiedenheit. Das kommt in der Wiederentdeckung und Weiterentwicklung von Musikstilen zum Ausdruck, aber auch darin, dass die offizielle  Geschichtsschreibung, die die antikolonalistischen Befreiungskämpfe einer großbürgerlichen Grundbesitzer- und Kaufleuteschicht in den Vordergrund stellt, entmystifiziert wird. Die Geschichte der Schwarzen und der indigenen Völker wird erforscht.

Bei den Hauptreferaten der Konferenz ging es um neue Schulbibliothekskonzepte, um die Schulbibliothek als Lernort und Kulturzentrum. In meinem Beitrag war „Leseförderung in der ganzen Schule“ das Thema. Meiner Ansprechpartnerin bei Fundalectura gefiel im Vorfeld die „Drop everything and read“-Aktion britischer Schulen, die ich u. a. vorstellen wollte. Sie schlug vor, den gesamten Vortrag unter diesen Titel zu stellen, was mir außerordentlich gut gefiel. Ich zeigte Beispiele, wie die Schulbibliothekarin/der Schulbibliothekar in die ganze Schule hineinwirken kann, zum Teil mit einfachen, aber pfiffigen Aktionen. Die Zahl der Teilnehmer/innen, die hinterher auf die Bühne kamen und sich mit mir fotografieren lassen wollten, gilt als Gradmesser eines erfolgreichen Vortrags, so wurde mir gesagt. Da habe ich nicht schlecht abgeschnitten.

In einer der Eliteschulen Bogotás, dem Gimnasio Moderno, war ich zum Vortrag über die „Schulbibliothek der Zukunft“ eingeladen. Mit einer Ausnahme war jeder kolumbianische Staatspräsident Zögling dieser Schule. Der Campus ist eine grüne Oase mitten in der Stadt. Die Bibliothek könnte auch die einer britischen Public School sein. Sie wird demnächst kräftig modernisiert. Da ich u. a. auf die wichtige Rolle des Schulleiters für die Schulbibliotheksentwicklung hinwies, lud mich eine der anwesenden Bibliothekarinnen ein, ihre Bibliothek im Colegio Montana zu besuchen und mit dem Schulleiter zu reden.

Das Colegio liegt, wie fast alle großen Privatschulen der Stadt, außerhalb, im Grünen. Der Campus ist riesig, mit Sportplätzen, Turnhalle, Verwaltungsbau, Busparkplatz, Mensagebäude und Heerscharen an Personal. Kindergarten (mit Bibliothek), Grundschule, Mittel- und Oberstufe haben jeweils eigene Gebäude. Die gemeinsame Bibliothek der Schulstufen erstreckt sich über zwei Stockwerke, im Erdgeschoss ein einladender Leseraum für die Grundschule, im Obergeschoss die Sekundarstufenbibliothek. Entlang einer Wand befinden sich verglaste Gruppenarbeitsräume. In einer Ecke stehen mobile Raumteiler. Die Bibliothekarin war erfreut über meine Rückmeldung, ihre Bibliothek könne sich sehen lassen, ich würde gerne deutsche Bildungspolitiker herschicken. Der Schulleiter hatte leider keine Zeit für ein Gespräch, so etwas kommt auch in Mitteleuropa vor.

Zum Schluss konnte ich noch einen Abstecher an die karibische Küste Kolumbiens machen, nach Cartagena de las Indias. Die Stadt war eine der ersten, die die Spanier gründeten und wurde zur wichtigsten. Das Zentrum ist eine wunderschön erhaltene Kolonialstadt mit Palästen, Kirchen und einer riesigen Stadtmauer. Dass Cartagena ein legendäres Nachtleben hat, erfahre ich erst hinterher in Wikipedia. Angesichts der Bettenburgen am Bocagrande-Strand kein Wunder. Gesehen habe ich stattdessen das Wohnhaus von Gabriel Garcia Marquez. Er setzt der Stadt in „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ ein Denkmal. Die Zeit reichte auch für ein Bad in der Karibik.

In einem nördlichen, nicht sehr wohlhabenden Barrio ist ein moderner Campus mit Schule, Universität und Oberstufenkolleg errichtet worden. In der hochmodernen Bibliothek des technisch-naturwissenschaftlichen Kollegs führte ich ein ganztägiges Planspiel „Wir planen ein Lesefest“ mit Schulbibliothekar/-innen aus der Region durch. In den Arbeitsgruppen wurden verschiedene Lesefest-Themen gefunden und Abläufe skizziert. Darunter war das bemerkenswerte Thema „Werte“.

Es fällt mir leicht zu sagen, dass ich Schulgebäude und Schulbibliotheken gesehen habe, die sich deutsche Bildungspolitiker/-innen auch einmal ansehen sollten. Literatur, nicht zuletzt Gedichte, gehören zur kolumbianischen Kultur, auch wenn die Pro-Kopf-Raten des Buchbesitzes niedrig sein mögen. Die öffentlichen Bibliotheken sind bis in die Nacht hinein gut besucht. Die jährliche Buchmesse in Bogotá dauert vierzehn Tage. Sie wird von Schüler/-innen aller Altersklassen besucht, es gibt eine Halle nur für Leseaktionen. Rundfunk- und Fernsehstationen haben Studios auf dem Messegelände. (Zweimal wurde sogar ich interviewt, davon einmal mit sehr präzisen, sachkundigen Fragen.) Schulbibliotheken sind in ganz Lateinamerika Thema von Kongressen. Aber auch hier ist der Fortschritt eine Schnecke.

Meine Woche war wieder vom Goethe-Institut in Bogotá hervorragend organisiert worden. Intensiver als im Vorjahr lernte ich Kolumbien kennen, nicht zuletzt dank des profunden Geschichtswissens der Direktorin der Casa Colombiano-Alemana in Cartegena, Anita Thirkettle. Ich verstehe die hier lebenden Deutschen, die das Land und die Menschen – trotz aller offenkundigen sozialen und politischen Probleme – lieben.

Der Rückflug verlief diesmal ohne Ärgernisse, auch der Koffer kam zeitgleich in Berlin an.

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