Das neue Landesschulamt und die Leseförderung

Das neue, umstrittene hessische Landesschulamt (LSA) kommt nicht aus den Schlagzeilen.

Da gibt es den Vorwurf, dass die FDP Parteifreunde mit Pöstchen versorge. Wobei man weiß, dass SPD und CDU solche Gedankengänge auch nicht fremd sind. (Ich erinnere mich an die Hoch-Zeiten der SPD in Hessen und in Frankfurt. Da gab es die Behauptung, ohne Parteibuch könne man in Frankfurt noch nicht einmal Schulhausmeister werden.) Verwunderlich auch, dass eigens für eine Aktion „Abendsonne“ eine neue Behörde gegründet worden sein soll. Viel unauffälliger wäre es doch gewesen, Parteifreunde in hochdotierte Posten in den Ministerien zu bringen.

Ein heißes Thema ist auch die Leseförderung in der neuen Behörde.

Der volle Name ist schon eine Herausforderung an die Lesekompetenz: „Landesschulamt und Lehrkräfteakademie“. Nach dem Punkt setzt dann das jeweilige Staatliche Schulamt seinen Namen ein:  „Landesschulamt und Lehrkräfteakademie. Staatliches Schulamt für den Rheingau-Taunus-Kreis und die Landeshauptstadt Wiesbaden“.

Die Kultusministerin nannte die Leseförderung eine der wichtigen Aufgaben des neuen Amtes. Bevor uns Muppets von der LAG das Herz darüber aufgehen konnte, dass das Ministerium die Leseförderung in den Schulen stärker unterstützt, mussten wir beobachten, wie der Start in die Hose ging:

Eine der ersten Maßnahmen der Leseförderexperten der neuen Behörde war, Freiwillige für einen Schulleiter-Arbeitskreis zu suchen. Das stieß nicht auf die ungeteilte Zustimmung aus Schulleiterkreisen. Man hat schon zu viele Aufgaben. Außerdem setzen die meisten Schulleiter die gerade erst in ihren Kollegien neu erarbeiteten Lesekonzepte um.

Jetzt wurde vom LSA eine Arbeitsgruppe konstituiert, die an einem Konzept zur Leseförderung arbeiten soll. Der Einladung zur neuen Kommission lag ein Bestellzettel für den Kauf eines Handbuchs bei, das als Arbeitsgrundlage vorgesehen war. Die Autorin ist die Leiterin der Kommission.(Laut Bericht der Frankfurter Rundschau. Die kurze Nachricht ist über die Webseite der Grünen-Landtagsfraktion ereichbar.)

Tucholsky hat das Prinzip einmal am Beispiel militärischer Führungsstäbe beschrieben: Während an der Front geschossen und gestorben wird, trinkt man „oben“ Champagner, plant seine nächste Beförderung und schickt neue Befehle an die Truppe.

Es war wohl in den 90ern, im Bildungsplanungsinstitut HIBS. Auch in diesem, inzwischen nicht mehr existenten Institut zerbrach man sich den Kopf über Leseförderung. Flugs schickte man zwei Expertinnen auf eine Studienreise nach Kalifornien. Sie brachten eine Idee mit. Es gab in der Folge zwei Hefte der pädagogischen Broschürenreihe des Instituts mit dem Ertrag der Studienreise, mehrere Zeitschriftenaufsätze und Seminare der Expertinnen. (Ich müsste danach suchen. Die Methode ist mir nicht im Gedächtnis geblieben, obwohl ich seit den 90ern Fortbildung zum Thema Leseförderung mache. Sie fand wohl auch keine massenhafte Verbreitung an der Schulfront.)

Die fangen wirklich immer bei Null an. Vorher gab es anscheinend keine Steuer-, Arbeits- oder Lenkungsgruppen zum Thema. Was ist mit deren Arbeitsergebnissen?

Genauso läuft es in den pädagogischen Führungsstäben bei der Inklusion. Da gibt es Experten, die starten Schulversuche ohne zu wissen, dass es seit 40 Jahren erfolgreiche Beispiele für integrativen Unterricht in Hessen gibt.

Die Freude über die scheinbare Aufwertung von Leseförderung weicht auch der Erkenntnis, dass in den Amtsstuben der neuen Behörde unter Leseförderung alles subsumiert wird, das Erstlesen, der Erwerb der Lesefähigkeit, das Training des Lesens, die Erfassung und Messung von Leseleistung bis hin zur Teilnahme an Aktionen am Tag des Buches oder der „Besuch von Buchhandlungen und öffentlichen Bibliotheken“ (Der Zitatteil steht auf der Webseite des SSA Wiesbaden/Rheingau-Taunus).

Ein früherer Beitrag zum LSA
Wie das Kultusministerium das Lesen fördert
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