Zielgruppenidentifikation für öffentliche Bibliotheken

Der Berliner Verlag BibSpider hat mich hervorragend bei der Publikation von „Die Schulbibliothek im Zentrum“ unterstützt. Es bleibt nicht aus, dass ich einmal das Verlagsverzeichnis durchblättere. Dabei stoße ich auf ein Buch der Bibliothekswissenschaftlerin Andrea Nikolaizig: Kletternde Kunden. Ein Beitrag zur Zielgruppenidentifikation für Öffentliche Bibliotheken. In der Annotation im Verlagsprospekt heißt es u. a.: „Je mehr sich die Öffentlichen Bibliotheken als Schulen … darstellen, um so mehr entfernen sie sich von potenziellen Zielgruppen.“

Frau Prof. Nikolaizig war Leiterin des leider einmalig gebliebenen Projekts „DieSchulbibliothek“ auf der Leipziger Buchmesse 2011.
(post-edit wg ihres Kommentars: Jeder hat das Recht, mich misszuverstehen. Der Satz ist nicht inhaltlich gemeint, als Widerspruch  zum vorhergehenden. (Welcher Widerspruch sollte das sein?). Er ist eine biographische Information, deswegen auch typographisch abgesetzt; eingeschlossen war darin ein Lob für das Projekt.)

Der Satz erinnert mich an die Argumentation der polnischen Kollegen, dass beim Zusammenlegen von öB und SB beide in der Erfüllung ihrer eigentlichen Aufgaben  beeinträchtigt werden.

Die deutsche Strategie der „Bildungspartnerschaft Bibliothek und Schule“ wirkt leider nach, obwohl sich der Strategie-Erfinder Bertelsmann Stiftung längst wieder für Schulbibliotheken ausspricht. Gerade hat die hessische Kultusministerin, wie lange zuvor schon der brandenburgische Ministerpräsident, angesichts von Forderungen nach mehr staatlicher Unterstützung des Schulbibliothekswesens auf die „Kooperationsvereinbarung zur Zusammenarbeit von Bibliothek und Schule“ des Deutschen Bibliotheksverbandes mit ihrer Regierung verwiesen. Gerade hat ein CDU-Landtagsabgeordneter all das, was die LAG in 25 Jahren an bescheidenen Erfolgen erreichen konnte, als Leistung von Landesregierungen aufgezählt. Als Sahnehäubchen verweist er darauf, dass mehr als eine ganze Lehrerstelle aus dem Geschäftsbereich des Kultusministeriums zur Landesbüchereifachstelle gegeben wurde, um von dort das hessische Schulbibliothekswesen voranzubringen.

Das unausgesprochene Motto: „Als Land sind wir fein raus. Wir tun schon mehr, als wir müssten. Haltet Euch an den Bildungspartner!“

Verständlich, dass Bildungspolitiker/-innen die Ambivalenz der Strategie der Bildungspartnerschaft nicht erkennen wollen. Die Geschichte der Irrungen und Wirrungen des deutschen Schulbibliothekswesens hält an.

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3 Gedanken zu „Zielgruppenidentifikation für öffentliche Bibliotheken

  1. Basedow1764 Autor

    Liebe Frau Nikolaizig, es ist mir unverständlich, warum Sie meine mehrfachen – für meine Verhältnisse nahezu hymnischen – Lobesworte in diesem Blog für Ihr damaliges Projekt so missverstehen wollen. Warum ziehen Sie sich diesen Schuh an?
    Schade fand ich und habe das auch so geschrieben, dass weder die Messegesellschaft noch die HTWK ihre tolle Aktion aufgegriffen haben. Im Gegenteil, Ihre Aktion wurde in der HWTK nicht von allen gut geheißen. Es war ja auch die Rede von einer Fortsetzung. Warum es dann eine Sinnesänderung gab, erfuhr ich nie. Sind Sie deswegen sauer auf mich, weil ich – ohne mir dessen bewusst zu sein – den Finger in die Wunde lege und daran erinnere?

    Ich gestehe, dass ich mich gefreut hätte, wenn mein Anteil, vor allem bei der Programmgestaltung nicht ganz unwesentlich, auch einmal öffentlich genannt worden wäre. Die LAG Schulbibliotheken stellte allein drei Referenten. die anderen aus ganz Deutschland habe ganz überwiegend ich Ihnen besorgt. Täglich genannt, durch Aushang und Danksagung, wurden alle anderen Förderer, Unterstützer und Sponsoren, vor allem aber die HTWK. Die von mir vermittelten Referenten und ich selbst mussten sich jedoch anhören, dass sie als Schulbibliotheksengagierte doch bitte dankbar für die Gelegenheit sein sollten. Für Gummibärentütchen, Notizbblöckchen und andere Gadgets für die Standbesucher war aber Geld da..

    Antwort
  2. Andrea Nikolaizig

    Lieber Herr Schlamp,
    Sie produzieren einen Scheinwiderspruch mit ihrem Kommentar.
    Sie zitieren diesen, meinen Satz „Je mehr sich die Öffentlichen Bibliotheken als Schulen … darstellen, um so mehr entfernen sie sich von potenziellen Zielgruppen.“ verkürzt aus einem Verkaufsprospekt (…) und stellen meine Projektleiterstelle Messestand Schulbibliothek dagegen….. Ich schreibe nicht, es soll keine Schulbibliotheken geben und ich schreibe auch nicht, Öffentliche Bibliotheken sollen nicht ihre Bildungsfunktion wahrnehmen oder Kinder und Jugendliche (auch in ihrer Eigenschaft als Schüler) als bedeutende Zielgruppe behandeln. Mein Buch (noch nicht erschienen) sagt wie der text oben nix anderes, das es als Zielgruppen außer Schülern weit mehr gibt, die wir vernachlässigen oder verschrecken… Sie werden z.B. nachlesen können, was Menschen mit dem Begriff „Lernort Bibliothek“ spontan assoziieren und zu welchen Reflexen der Begriff im Zusammenhang mit Bibliotheksbenutzung führt… mit unserer eigenen Bildungs-Vermarktungsstrategie schaffen wir jedenfalls nicht, Menschen von der Sinnhaftigkeit moderner Bibliotheksdienstleistungen zu überzeugen, wenn wir auf alles, sei es Angeln, Stricken, einfach gern Lesen… ein Bildungslabel kleben…
    A. Nikolaizig

    Antwort
  3. Andrea Nikolaizig

    Lieber Herr Schlamp,
    da Sie mich namentlich erwähnen, will ich gern namentlich antworten. Ich tue dies in zwei getrennten Kommentaren. Zwar gehören beide Themen unmittelbar zusammen, aber zu lange Einträge werden unübersichtlich.
    Zunächst zum Messestand Schulbibliothek, zu dem Sie schon mehrfach in diesem Forum äußerten, dass er nur eine „Eintagsfliege“ (Zitat) war. Das muss nicht so sein, Jedermann ist frei, einen Messestand Schulbibliothek zu organisieren. Warum geschieht das nicht und war bis zu unserem Stand noch nicht da? Und warum können wir, zwei Professoren und 12 Studierende der HTWK, ein solches Projekt nicht jährlich anbieten?
    Der Stand hat 23.000 Euro gekostet, die meine Hochschule fast komplett über Aktions- und Messemittel bezahlt hat. Nicht sofort natürlich, das Budget ist klein, dafür waren Anträge zu schreiben und permanent zu argumentieren. Aus dem Budget wurden neben dem Stand / Standbetrieb Honorare für Referenten bezahlt, die zugegebener Maßen nur den niedrigen Größen des öffentlichen Dienstes entsprachen. Sie werden sich erinnern, denn Sie hatten sich über Ihr Honorar beklagt. Manches wurde über Sponsoring als Sach- oder Personalsponsoring beigetragen: der Medienbestand von den Verlagen, die OPAC-Software einschließlich Arbeitsleistung dafür von der Firma Fleischmann, die gesamte IT-Ausstattung und ihr Betrieb von Saturn Leipzig. Nicht bezahlt wurden die Arbeitsstunden meiner Studierenden, die weit über das Maß ihrer Projektstundenverpflichtung hinausgingen. Aber alle waren am Ende des Projektes dankbar für die Erfahrungen und stolz auf Geleistetes. Nicht bezahlt wurden die freiwilligen Helfer des Aufbaus, des Abbaus und während des Betriebes. Nicht bezahlt wurden die weit über Dienstverpflichtungen hinausgehenden geleisteten Arbeitsstunden, die parallel zum 18Wochen-Stunden-Lehrbetrieb von meinem Kollegen Prof. Scherzer-Heidenberger und mir gern aufgebracht wurden. Uns geht es wie unseren Studierenden: Die Erinnerung an ein sehr spezielles Projekt mit hohem Erfahrungswert, unsere zufriedenen, noch heute über den enormen Lernerfolg sprechenden Studierenden und die an drei Fingern zählbaren dankenden Worten der Praxis sind uns Lohn genug.
    Dass nicht in jedem Semester diese notwendigen personellen und finanziellen Kapazitäten von uns, den zwei Professoren, Studierenden und dem Kanzler der HTWK vorgehalten werden können, erklärt sich von selbst.
    Außerdem, und nun komm ich zu dem Aufhänger Ihres Eintrages: Ich bin ausschließlich der Wissenschaft verpflichtet, die in meiner Lehre u.a. Bibliothekspraxis spiegelt. Diese besteht nicht nur aus Schulbibliotheken.
    Bis gleich Andrea Nikolaizig

    Antwort

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