Marina Weisbands Besinnungsaufsatz

Nachtrag zum Eintrag „Marina Weisband und die Contentindustrie“:

In der „Welt“ steht ein Interview mit Frau Weisband. Nach der Lektüre war mein sowieso schon geringes Interesse an ihrem Buch unter dem Gefrierpunkt. Sie sollte sich doch erst einmal in das Thema direkte Demokratie einlesen, bevor sie ihre Gedanken dazu preisgibt und andauernd ihre Naivität betont: So genau kann ich das nicht sagen, so würde ich das nicht mehr sagen, ich will nur Gedanken anstoßen, es geht mir um schnell umsetzbare Veränderungen, mein Konzept ist Liquid Democracy.

Diese Äußerungen wären als E-Book unter CC-Lizenz tragbar, dafür aber Geld zu verlangen, zeugt von Selbstüberschätzung.

Vielleicht hat Frau Weisband zwischen zwei Talkshowrunden Zeit, in das – wie könnte es anders sein – Buch einer weiteren Ex-Piratin zu schauen: Astrid Geisler, im Hauptberuf Parlamentsjournalistin der taz, erzählt von ihren Liquid Democracy-Erfahrungen.

Nachtrag:

Der Autor der Spiegel-Rezension des Buches von Marina Weisband findet hymnische Worte: Sie sei „die Antwort der digitalen Gegenwart auf Rosa Luxemburg“.

Nun ja, Frau Dr. Luxemburg hielt den Parlamentarismus für ein kleinbürgerliches Relikt, ja sogar für eine Geisteskrankheit (Die Rote Fahne, Nr.5 v. 20. November 1918). Deswegen rief sie zum Boykott der Wahlen zur Nationalversammlung auf.

Frau Weisband spricht in ihrem Buch nur davon, dass man das Parlament „noch“ brauche. Sie will die Parlamentarier, wie auch immer, durch Software mit ihren Wählern vernetzen. Daher ist sie wohl eher eine Florence Nightingale als eine Rosa Luxemburg; vielleicht wird sie einmal eine Jeanne d´Arc der Liquid Democracy.

Update Januar 2016: Marina Weisband hatte als Buchautorin und prominente Piratin einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt. Das war für ihren Einstieg in den Journalismus nicht ungünstig.

Wenn ich aber gedacht habe, dass ihr Buch über den antiquierten Psrlamentarismus und die Offenbarung Liquid Democracy eine Jugendsünde gewesen wären, habe ich mich getäuscht.

Jetzt will Frau Weisband mit Liquid Democracy die Schulen demokratisieren. Schüler sollen lernen, für ihre Entscheidungen Verantwortung zu übernehmen. Das sei ihr das wichtigste.

Die Piraten sind mit ihrer Software krachend gescheitert. Die Berliner Reste der Partei laufen zu den Postkommunisten über. Die würden sich am intensivsten für „freien Zugang zu Wissen und Information“ einsetzen. Man hört es und staunt. Vor lauter Zukunftsorientierung haben die Pirat/-innen und Piraten nicht mitbekommen, dass in hundert Jahren Kommunismus – auf diese Vergangenheit berufen sich die SED-Nachfolger – freier Zugang zu Wissen und Information nie ein Hauptanliegen waren. In der autoritär strukturierten, in sich erbittert bekämpfende Sektionen zersplitterte Partei werden sich die Expiraten bestimmt wohlfühlen.

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Ein Gedanke zu „Marina Weisbands Besinnungsaufsatz

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