Endlich: Eine Zahl der hessischen Schulbibliotheken festgestellt!

Eine Doktorandin, die in ihrer Dissertation u. a. die Schulbibliotheken in Deutschland zählt, hat vorab die Zahlen aus einer Umfrage der Landesfachstelle für öffentliche Bibliotheken in der Bibliothek der Fachhochschule Rhein-Main in einem kleinen Aufsatz veröffentlicht (Marisa Richter, Die Situation der Schulbibliotheken in Hessen – Erste Ergebnisse einer landesweiten Befragung zu Rahmenbedingungen und Nutzung von Schulbibliotheken, SchulVerwaltung Hessen/Rheinland-Pfalz, 17/2012, pp 186-187).

1.408 Schulen hatten an der Umfrage teilgenommen, das sind zwei Drittel der hessischen Schulen. 1.218 davon melden eine Schulbibliothek. Das wären 58% aller hessischen Schulen. In dem Drittel der Schulen, die nicht geantwortet haben, wird es sicher weitere geben.

Es ist schön, dass es jetzt eine gesicherte Zahl gibt und nicht nur die Schätzung. In der LAG sind wir in den letzten Jahren vorsichtig von etwa der Hälfte der Schulen der Schulen ausgegangen. Die Zahl der LITTERA-Anwender liegt inzwischen bei  ca. 1.500. (Wobei es Schulen gibt, die LITTERA nur bei der Lernmittelverwaltung einsetzen, die Mehrzahl aber in Schulbibliotheken.)

Die Doktorandin Marisa Richter forscht weiter. Wetten, dass das Bundesergebnis ebenfalls in der Nähe unserer Schätzung – ca. die Hälfte der Schulen – liegen wird?

Die LAG hat Frau Richter im Gespräch und per Mail mit bundesweiten Ansprechpartnern und Informationen unterstützt. Frau Richter erforscht in ihrer Dissertation die Schulbibliotheksnutzung. Das klingt vielversprechend. Nicht nur die Raumgröße und die Zahl der Medien und Mitarbeiter und die Kooperation mit der öffentlichen Bibliothek, sondern eine qualitative Erhebung!
Mir sind die Kriterien der Fachstellenumfrage nicht bekannt. Anhänger bibliotheksfachlicher Standards für Schulbibliotheken werden sicher die Frage nach einer Schulbibliotheksdefinition stellen.

Viel ändern wird sich in der hessischen Schulbibliothekspolitik jetzt aber nicht.

Die Anstrengungen der Vertreter des öffentlichen Bibliothekswesens richten sich – unter dem Beifall der hessischen Landtagsparteien – auf die kombinierten Stadt- und Schulbibliotheken. Der Rest ist „Wildwuchs“ (Niels Hoebbel, Leiter der Arbeitsstelle Schulbibliotheken im ehemaligen Deutschen Bibliotheksinstitut).

Die Zahl der Kombibibliotheken zu erfahren, ist seit 30 Jahren schwierig. Ich habe erst jüngst wieder vergeblich gefragt. Laut Fachstellenumfrage müssten es 87,7 sein. Da es zu Beginn der 90er Jahre ca. 8 waren, sind in 30 Jahren 80 dazu gekommen, vorausgesetzt, die Zahlen sind belastbar, also 2,7 im Jahr. (Die Zahl ist m. E. zu hoch. Realistisch wären 30 bis 40.) Dass das kein dauerhaftes Konzept sein kann, zeigt das Beispiel der Kombibibliothek der Clemens-Brentano-Schule in Lollar. Dort kooperieren zwei Kommunen. Die können von Glück sagen, dass es diese hervorragende Gesamtschule mit Oberstufe gibt und nicht noch eine Realschule und ein Gymnasium. Denn die finanziellen Kräfte der Kommunen sind schon bei einem Kombiprojekt erschöpft. Von den Grundschulen soll gar nicht erst die Rede sein.

Die weiteren Ergebnissen der Umfrage:

  • Die Finanzierung der Schulbibliotheken ist unbefriedigend und heterogen.
  • Bibliothekare arbeiten nur zum geringen Teil (immerhin 10%!) in ihnen.
  • In Gesamtschulen und Gymnasien ist die „Schulbibliotheks-Abdeckung“ mit um die 90% am höchsten, in Grund- und H/R-Schulen 80%, in Berufsschulen sind es immerhin fast 60%.
  • Die Hälfte erhält den Medienetat vom Schulträger.
Wäre es da nicht sinnvoll, statt u. a. IMeNS im Lahn-Dill-Kreis 24.000€ Landeszuschuss für eine Lizenz des Munzinger-Archivs zu geben, das Schulen kaum nutzen, die 200.000€ aus dem kommunalen Finanzausgleich für Kombi-Bibliotheken gleich an die Schulträger zu geben?
  • In weit über 60% der Gesamtschul- und Gymnasialbibliotheken findet Unterricht statt
  • Zu Leseförderung und Veranstaltungen werden keine detaillierten Ergebnisse bekannt gegeben.

Alles in allem also nichts Neues.

Das Fazit des Artikels verstehe ich nicht ganz: „Bereits die ersten Ergebnisse der landesweiten Befragung machen deutlich, dass das Fehlen eines Schulbibliotheksgesetzes zu einer vielfältigen, jedoch auch verbesserungsbedürftigen Schulbibliothekslandschaft in Hessen geführt hat. So spiegeln sich die vielerorts noch ungünstigen Rahmenbedingungen in der unterschiedlichen Nutzung der Schulbibliotheken in den einzelnen Schulformen wieder. Um die Bedeutung der Schulbibliothek für den Schulalltag innerhalb und außerhalb des Unterrichts – insbesondere auch vor dem Hintergrund des Ganztagsschulbetriebs – herauszustellen, ist eine stärkere Vernetzung der Schulen über die Schulbibliotheken erforderlich. Dies kann erreicht werden über einen Eintrag in der Datenbank des Fachportals für Schulbibliotheken des Deutschen Bibliotheksverbands und des DIPF.“

Es ist anzuerkennen, dass Frau Richter von einem Schulbibliotheksgesetz spricht und nicht von einem Bibliotheksgesetz. Aber wie hat sie es gemeint? Auch dass sich Schulbibliotheken untereinander vernetzen sollen, klingt erfrischend, da sonst immer nur von Vernetzung mit dem Netz der öffentlichen Bibliotheken geredet wird. Der Vorschlag, die Vernetzung über ein Portal des dbv anzustreben, klingt aber wie die Geschichte vom kreißenden Berg.

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Ein Gedanke zu „Endlich: Eine Zahl der hessischen Schulbibliotheken festgestellt!

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