Wie sich das Leben verändern wird, wenn unsere Kinder keine Zeitung mehr lesen

So lautet die Überschrift einer Homestory des Spiegel-Journalisten Ralf Hoppe (Nr. 6/2013). Darin erzählt er von seinem Sohn, der keine Zeitung mehr anfasst, sondern sich mit Facebook übers Weltgeschehen informiert: „Nachrichten im Netz haben keinen Anfang, keinen Ursprung. Sie sind einfach da. Erklärungslos, dafür meinungslastig, emotional… Vor allem geht es darum, etwas sehr gut oder grauenvoll zu finden. Dann reagiert man, indem man einen Kommentar dazu stellt oder schnell weiterzappt. Meinungen regnen nieder, endlos.“

Dann erzählt Hoppe eine Geschichte aus Island. Dort gebe es kaum noch Zeitungen, dafür seien alle digital vernetzt und bloggten. Dann kam die Finanzkrise. Da es keine Journalisten mehr gab, die erklären und einordnen konnten, sondern nur noch Blogger, die etwas aufgeschnappt hatten oder Gerüchte streuten, sei es zu einer völlig idiotischen Aktion gekommen…

Manche Sätze gefielen mir, gaben meine Gedanken zu den Fragen „Wie kann man sich heute seriös informieren?“ „Wie verändert das Internet den Journalismus?“ gut wieder. Die Geschichte in Island war für mich nicht das Entscheidende.

Nun hat ein Netzaktivist die Island-Story nachrecherchiert und weder im Netz noch bei isländischen Gewährsleuten etwas davon gefunden. Schon triumphiert die Netzgemeinde: Der Schwarm entlarvt Lügen sofort. Siehe Spiegelblog!

Es wäre schade, wenn Hoppe mit einer erfundenen Geschichte eine digitale Erregungskurve auslöste und seine diskussionswürdigen Befürchtungen aus dem Blick gerieten.

Es ist nicht so, dass ich Zeitungsjournalisten bedingungslos glaube oder meine, was in der Zeitung steht, sei wahr. Ich kann aber auswählen, sowohl zwischen Zeitungen, als auch in einer Zeitung. Es stimmt allerdings: Man liest die Zeitung, die spiegelt, was man sowieso schon denkt. Was mich nicht hindert, auch Konträres zu lesen.

Das ist übrigens nicht der Punkt. Was mir in Zeitungen und TV-Nachrichten oft fehlt, ist nicht Meinung, sondern präzise Information. Z. B. wird seit Jahren gesagt, die FDP hätte die Mehrwertsteuer für Hotelübernachtungen gesenkt. Was nicht gesagt wird, ist, dass das eine Herzensangelegenheit der CSU war und seinerzeit im Wahlprogramm aller(!) bayerischen Parteien stand. Oder die Tagesschau berichtet live(!) am Vorabend aus der leeren Halle, in der am nächsten Tag der SPD-Parteitag stattfindet. Was ich nirgendwo in einer Zeitung finde, sind Berichte über den Umgang von Hamas und Fatah mit der Pressefreiheit, dafür schreiben die Israelexperten Martenstein und Augstein umso lieber Kommentare über die bösen Israelis. „Meine“ Potsdamer Märkische Allgemeine meldet ständig im Aufmacher die angeblich wachsende Armut und Verelendung in Brandenburg: Der höchste Krankenstand Deutschlands, die höchste Burn-out-Rate, wachsende Arbeitslosigkeit, wachsende Altersarmut, kürzere Lebensdauer als im Westen. (Ganz versteckt im Artikel fand ich den Hinweis, dass sich der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen West und Ost seit dem Zusammenbruch der DDR halbiert hat!) Heute nennt der Aufmacher plötzlich die Anzahl der €, die die angblich immer ärmer werdenden „Märker“ auf der hohen Kante haben.

Leider ist Zeitungsjournalismus alarmistischer, flapsiger und krawalliger geworden. Das soziale Netzwerk lässt grüßen.

Wahrscheinlich sitze ich wieder einmal mit meinen Abwägungen zwischen allen Stühlen. So kritisch ich gegenüber Zeitungen bin, bin ich auch gegenüber den angeblichen Segnungen des Internets. Die Begeisterung, die vor allem die ausstrahlen, die sich beruflich dem Internet verschrieben haben, teile ich nicht.

Sicher gibt es im Internet auch journalistische Perlen. Immer hoffe ich sogar, noch bessere zu finden. Ein US-amerikanischer Pädagogikblog, dem ich „folge“, steht im Ranking der besten US-Pädagogikblogs auf Platz 41. Es gibt also anscheinend noch 40 bessere, die mir entgehen. Wenn ich einmal 1-2 Tage meine Feeds bei Bloglines nicht öffne, habe ich da schnell 300 Meldungen (bei ca. 24 Quellen; richtige Nerds haben weitaus mehr.) Dass das der täglichen Lektüre von ein bis zwei Zeitungen überlegen wäre, sehe ich aber noch nicht.

Ein dazu passendes Fundstück aus dem Cicero. Der wird anscheinend nach dem Chefredakteurswechsel wieder lesenswert. Beim vorletzten Chefredakteur Wolfram Weimer war das noch anders, Michael Naumann habe ich – vielleicht unverdient – übersprungen.
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