Projekt Landesschulamt Hessen

Die Staatlichen Schulämter, das Amt für Lehrerbildung und das Institut für Qualitätsentwicklung werden in dieser Behörde zusammengefasst, neu hinzu kommen eine „Führungsakademie im Landesschulamt und Lehrkräfteakademie“.

Die Strategie ist, das Kultusministerium (KM) zu einem Think Tank zu machen und das „operative“ Geschäft in das neue Landesschulamt (LSA) auszulagern. Die Leiterin oder der Leiter der neuen Behörde erhält den Titel Präsidentin oder Präsident.

Das entsprechende Schulverwaltungsorganisationsstrukturreformgesetz, SchVwOrgRG(!) wurde im Herbst 2012 gegen die Stimmen der Opposition, auch mit Enthaltungen in der CDU verabschiedet. (Das LSA ist ein Anliegen des Koalitionspartners FDP.) In einer Anhörung hatten Experten, aber auch Kommunen, Unternehmerverband und Beamtenbund sowie der Landesrechnungshof Bedenken angemeldet. Natürlich waren auch die 15 Schulämter dagegen. Sie leben damit, dass sie alle paar Jahre neu strukturiert werden. Wie die Schulaufsicht in den Regionen besser werden soll, wenn sie zentralisiert und eine neue Hierarchiestufe eingezogen wird, erschließt sich den Schulamtsleitern noch nicht.

Die Vorbereitung war sehr professionell: Aufbaustab, Kernteam, Steuerungsgruppe, Gesamtkoordination, Mitarbeiterportal, Arbeitstagungen. Jetzt bleibt abzuwarten, ob die erhofften Effekte eintreten. Das Amt existiert seit 1.1.13.

Das KM wird verschlankt, aus fünf Abteilungen werden vier, einige Referate wandern zum LSA. Bei neuen Konzepten, Maßnahmen und Vorhaben werden jetzt Grundsatz- und Fachabteilungen des KM mit den entsprechenden Abteilungen im LSA  zusammenarbeiten.

Das neue System erhöht sicher den Koordinationsaufwand. Abzuwarten bleibt, ob es personell ein Nullsummenspiel ist oder – was wahrscheinlicher ist – zu erhöhtem Personalbedarf führt. Es scheint die Regel zu sein, dass Reformen, Verschlankungen, Synergie- und Effizienzgewinne mehr Personal als zuvor benötigen. Interessierte Parteifreunde finden sich immer. Organisationssoziologen wissen es schon länger: Je dezentraler die Organisation (z. B. die Selbstständige Schule), desto stärker die Kontrolle durch die Zentrale.

Neu ist u. a., dass den Staatlichen Schulämtern direkte Pressekontakte und eigene Publikationen nicht mehr erlaubt sein sollen, das macht zukünftig das KM. Eine größere PR-Abteilung im KM wird die Folge sein müssen, da es Rückfragen bei Staatlichen Schulämtern geben muss, die als „Niederlassungen“ des LSA weiterhin in der Region bleiben und von der Presse nachgefragte Sachverhalte der Pressestelle des KM erläutern können, bevor diese den örtlichen Journalisten antwortet.

Positiv könnte sich immerhin auswirken, dass die Lehrerfortbildung jetzt im LSA zentral organisiert wird, nicht mehr von den einzelnen Schulämtern. Bei der letzten Verwaltungsreform hatte man das zentrale Lehrerfortbildungsinstitut aufgelöst und den Schulämtern die Zuständigkeit dafür gegeben. (Wenn ich mich richtig erinnere, waren es damals die Grünen, die das durchsetzten.)

Beruhigend wäre es zu wissen, dass die zarten Pflänzchen des institutionalisierten hessischen Schulbibliothekswesens, das Projektbüro Schulbibliotheken und Leseförderung und die Servicestelle EDV für Schulbibliotheken nicht unter die Räder geraten.

In einem Dreivierteljahr wird in Hessen gewählt. Sicher hat eine Unternehmensberatung schon das Konzept für eine erneute Organisationsänderung  – effiziente dezentrale Organisation der Schulaufsicht – in der Tasche.

Eine Beobachtung am Rande, die der neuen Zeit entsprechen könnte: Die Telefonzentrale im KM stellt nicht mehr durch oder nennt die Nebenstellennummer. Da könnte ja jeder kommen. „Wer sind Sie?“, „Was wollen Sie?“, „Wenden Sie sich schriftlich an das Ministerium!“ Vielleicht hatte der Pförtner auch nur einen schlechten Tag gehabt, aber das ist mir in fast vierzig Dienstjahren vorher nie passiert. Aus dem öffentlich zugänglichen Organigramm sind die Durchwahlnummern verschwunden.

Als ich vor Jahren nach Brandenburg umzog, war das für mich eine neue Erfahrung: Die Rathausmitarbeiter standen nicht mit Telefonnummer auf der Webseite, auch im Bildungsministerium war es nicht einfach, an Zuständige heranzukommen. Im Finanzamt, anders als in dem viel geschmähten Hofheimer, kam man nur bis zur Pförtnerin, Kontakt zum Sachbearbeiter war nicht möglich. Ich dachte, das wäre ein Erbe der obrigkeitsstaatlichen DDR. Aber siehe da, es war wohl nicht alles schlecht im SED-Staat. Manches kann der Westen übernehmen.

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Ein Gedanke zu „Projekt Landesschulamt Hessen

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