Das Neueste über alarmierende neue Studien

Wenn die rbb-Nachrichtensprecherin beim Frühstück bekannt gibt, dass eine neue Studie …, unterbreche ich die Zeitungslektüre. Jetzt wird es nämlich meist amüsant, dümmlich oder dreist. Das neueste Elaborat: „Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland.“ Als dann noch der Name Prof. Dr. Elmar Brähler fiel, war mir klar, dass es ärgerlich werden würde. Ärgerlich, weil mir schon einmal eine Studie von ihm aufgefallen war und die Medien nichts lieber tun, als alarmistische Studien zu verbreiten, anstatt die Informationskompetenz ihrer Nutzer zu steigern.

Die Otto-Brenner-Stiftung der IG-Metall hatte mir eine Studie aus der Feder dieses Medizinsoziologen zugeschickt: „Mit Ostdeutschland gehe es von Jahr zu Jahr schneller bergab“ fand er in einer jährlichen Paneluntersuchung heraus.

Jetzt wollen er und seine Mitstreiter/-innen, finanziert von der Rosa-Luxemburg- und der Friedrich-Ebert-Stiftung, herausgefunden haben, was der Titel der Studie suggeriert.

Die Stichprobe umfasst ca. 2.500 Probanden, davon ca. 200 Ausländer. Interessant, dass weniger als die Hälfte die 18 Fragen beantwortet hat. So kommt man zu repräsentativen Aussagen über DIE Deutschen! Nur am Rande: Unter den befragten Ausländern ist der Antisemitismus doppelt so hoch wie unter den deutschen Befragten. Wurden die beim Gesamtergebnis heraus gerechnet? Peinlich für die Auftraggeber: die hohe Quote der Antisemiten unter ostdeutschen SPD- und Die Linke-Anhängern. Trotz der klaren Ja- oder Nein-Fragen gab es das Kästchen „teils/teils“. Da die Wissenschaftler vermuten, dass manche Befragte ihre rechtsextreme Einstellung hinter einem „teils/teils“-Häkchen zu verbergen suchten, wurden die einfach mitgezählt.

Man sehnt sich zur SINUS-Studie zurück. Seit den 60er Jahren liegt der Anteil der Westdeutschen mit einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild bei 6-8%. Brähler will jetzt den Rückgang seines Wertes von 2009 auf 7,6% errechnet haben. Dafür gibt die Friedrich-Ebert-Stiftung Geld aus! Das hätte sie besser Schulbibliotheken in Friedrich-Ebert-Schulen spendieren sollen.

In Ostdeutschland wollen die Wissenschaftler dagegen eine Verdreifachung des Wertes von 2006 erfragt haben: 18% der Ostdeutschen hätten ein geschlossen rechtsextremistisches Weltbild. Wohl eher 18% von 200 Befragten, davon ca. 20 Ausländer.

Es ist mehr als ärgerlich, wenn eine von weltanschaulich festgelegten Institutionen (letztlich vom Steuerzahler) finanzierte Studie ein in der Tat gravierendes Problem erkennbar interessegeleitet und handwerklich unsolide angeht.

Es gibt in Ostdeutschland eine „Generation Nazi“. In einigen Gebieten der neuen Länder wachsen Jugendliche heran, die rechtsextrem sozialisiert werden, vom Kindergarten bis zum Fußballverein und Jugendclub. Als Frau Honecker das unter umgekehrten Vorzeichen versuchte, war es wenig erfolgreich. Die Rechten machen es anscheinend nachhaltiger als die Linken.

(via „Kritische Wissenschaft“)

Update 21.12.12: Bei den Armutsstudien, die jetzt vor Weihnachten Konjunktur haben, denke ich schon lange so, wie eine schon einmal zitierte Bekannte: Es wird sicher eine Studie geben, die das Gegenteil herausgefunden hat. Die ist mir leider nicht bekannt, aber mir reicht schon, was kritisch über Studien der Armutsforscher zur wachsenden Kinder-, Jugend- oder Altersarmut eingewandt wird. Da bin ich für kompetente Information darüber, wer warum etwas nicht berechnet, rauslässt, das Referenzjahr ändert usw. dankbar. Eine Schlagzeile wie „95% der Deutschen sind nicht arm“ ist halt nicht sexy.

Ein aufschlussreiches Interview dazu gibt es mit Prof. Klaus Schroeder. Die Märkische Allgemeine v. 22.12.12 zitiert daraus: Seit 1991 habe sich die Vermögensverteilung in Deutschland wenig verändert. Nicht berücksichtigt würde die niedrige Ausgangsbasis in Ostdeutschland nach dem Bankrott der DDR. Während die Rücklagen von Selbständigen für ihre Alterssicherung zum Vermögen gezählt würden, blieben die Rentenanwartschaften von Arbeitnehmern unberücksichtigt. Wo die Armutsgrenze beginne, bei 50 oder 40% der Haushaltsnettoeinkommen, sei in der Wissenschaft strittig, Mit diesen Werten liege die tatsächliche Armutsgrenze bei 2 bis 6 % der Bevölkerung. Wenn armutsgefährdete oder arme Familien zusätzliche Leistungen erhielten, z. B. Schülerhilfe, würde das nicht auf das Einkommen angerechnet, in den anderen Familien verringerten diese Ausgaben das zur Verfügung stehende Einkommen. Nicht erfasst sei Einkommen durch Schwarzarbeit. Die wachsende Zahl von Alleinerziehenden, Älteren und bedürftigen Immigranten würde sich auf die Errechnung des Durchschnittseinkommens auswirken, regionale Unterschiede blieben unberücksichtigt. Mit 950 € sei man in Anklam nicht arm, in München schon. Deutschland rangiere in der internationalen Ungleichheitsskala, dem Gini-Koeffizienten, gleich nach den skandinavischen Ländern, weit vor Griechenland, Italien und Spanien. Bedauerlich sei aber vor allem die politische Instrumentalisierung der Armutsforschung.

Wie die Tagesschau mit Studien umgeht, hat Science Files untersucht.

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2 Gedanken zu „Das Neueste über alarmierende neue Studien

  1. Informiert

    in der Studie selbst steht: insgesamt 2500 durchgeführte Interviews, bei ca. 4800 Interviewversuchen (Ausschöpfungsquote 56% ist besser als bei den meisten Befragungen, z.B. ALLBUS). Die 95 Probanden ohne deutsche Staatsbürgerschaft sind nicht mitenthalten. Von den 2500 befragten Deutschen haben 200 einen Migrationshintergrund – sie sind allerdings Deutsche und nicht wie der Autor abfällig urteilt „Ausländer“. Das diese die Werte für den Rechtsextremismus für die Deutschen nach unten drücken zeigt das Kapitel zu den Befragten mit Migrationshintergrund. Anstelle der Hetze hier dann doch lieber öffentlich-rechtlicher Rundfunk.

    Antwort
    1. Basedow1764 Autor

      Nach diesen, alle Fragen beantwortenden Ausführungen habe ich echt wieder Vertrauen in die Qualität der Umfragen Prof. Dr. Brählrs, sehr geehrter Anonymus/geehrte Anonyma.

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