Aus der Pionierzeit einer Barfußbibliothek

Auf der diesjährigen Klausurtagung der LAG Schulbibliotheken in Hessen drückt mir die Nachfolgerin meiner Nachfolgerin in der Leitung der Schulbibliothek der Friedrich-Ebert-Schule in Schwalbach a. Ts. drei prallvolle Ordner in die Hand: Meine Unterlagen aus zehn Jahren Schulbibliotheksleitung in den 80er und 90er Jahren; Korrespondenz, Bettelbriefe, Rundschreiben, Konferenzprotokolle, Anträge, Projekte, Haushaltsbuch.

Was soll ich damit? Warum habt ihr das nicht weggeworfen? Das musst Du machen!

Mein Versuch, die Ordner im Tagungsraum einfach liegen zu lassen, scheitert. Also verbringe ich den Rest des Wochenendes damit, wieder in die Pionierzeit der „Bibi“ einzutauchen. Zwei Ordner sind inzwischen entsorgt, aber einer, mit Papieren, von denen ich mich dann doch nicht trennen kann, wird (vorerst?) in ein Regal gestellt.

Beim Durchblättern der Papiere – Hand- und Maschinenschriftliches, Thermokopien, frühes Word  – kommen die Erinnerungen. Es war eine spannende Zeit!

  • Zweimal konnten für mehrere Jahre ABM-Kräfte eingesetzt werden
  • Das Bibliotheksrätsel einer „Bibliotheksmutter“ war ein großer Erfolg
  • Beinahe hätten wir die Stadtbibliothek ins Gebäude geholt
  • Beinahe hätte der Schulträger immerhin zwei Planstellen für die Betreuung von Schulbibliotheken im Landkreis ausgeschrieben. Sie standen schon im Haushaltsplan und fielen erst kurz vor der Ausschreibung einem Sparkurs zum Opfer
  • Wir konnten die von den Kommunen ungeliebte, aber über einen modernen Bestand verfügende Kreisbücherei retten, indem sie Ergänzungsbücherei für die Schulen des Kreises wurde. Leider hat später das Gymnasium in der Kreisstadt sie sich als Schulbibliothek einverleibt
  • Das Kollegium war anfänglich sehr zögerlich: Nur eine knappe Mehrheit stimmte für die Einrichtung der Schulbibliothek. Über die Jahre verbesserte sich die Einstellung
  • Elternbeirat und Schulförderverein waren wichtige Verbündete
  • Es gab Betriebsausflüge für das Bibliotheksteam, u. a.  zu Suhrkamp in Frankfurt/M und dem ZDF in Mainz
  • Der Schulträger stellte Zusatzmittel für Schulbibliotheken in seinen Haushalt. (Die dann von den lieben Kollegen in anderen Schulen nicht zu 100% abgerufen und deswegen gekürzt wurden.)
  • Die Schulleiter der Schule waren wohlwollend
  • Zweimal fand der Hessische Schulbibliothekstag in der Schule statt. Dafür bekamen wir einmal sogar kostenlos die Stadthalle!
  • Unser Bücherflohmarktstand auf dem Marktplatz erfreute sich des Zuspruchs von Büchersammlern
  • Die Weihnachtsgeschenktipps („Weihnachtswunschzettel„) an die Schülereltern wurden zusammen mit einem Überweisungsträger ausgegeben und es kam immer ein hübsches Sümmchen zusammen. Bis der Schulleiter eine eigene Spendensammelaktion zur Weihnachtszeit startete…
  • Die Bibliothek erkämpfte sich den Status eines Fachbereichs und sogar einen Sockelbetrag aus dem Schulhaushalt (Den es für die anderen Fachschaften nicht gab!)

Hier ein paar kurze Auszüge aus den Akten:

Elternbrief (1992)

„Sehr geehrte Eltern, Ihr Sohn … hat Mitschüler angestiftet, Hefte in der Bibliothek zu stehlen. Als ich ihn zur Rede stellte, wurde er frech. Ich habe ihm bis zu den Sommerferien das Betreten der Bibliothek ohne Begleitung einer Lehrkraft untersagt…“  (Es handelte sich um Schreibhefte, die in Absprache mit einem örtlichen Papiergeschäft an Schüler verkauft wurden.)

Aktenvermerk an Schulleiter (1990)

„Die Konferenz der Fachschaftssprecher konnte sich über die Verteilung der Deputatstunden, darunter eine Stunde für die Leitung der Bibliothek, nicht einigen. Ich bin bereit, die Bibliotheksleitung aufzugeben und damit den Spielraum für die Fachschaftssprecher zu erhöhen.“

Aus einem Schreiben des Kreisbeigeordneten (1991)

„ Es war leider nicht möglich, Haushaltsmittel für die von Ihnen veranstaltete Autorenlesung bereitzustellen. Ich habe deshalb einen Betrag von DM 250,– aus meinen Verfügungsmitteln überweisen lassen.“

Überschrift auf einem Schulbibliotheks-Newsletter an die lieben Kollegen (1984):

„Bitte vor dem Wegwerfen lesen!“

Der Schulleiter an den Schulbibliotheksleiter (1994)

„… wie für die anderen Fachbereiche auch, werden die Verwaltungskosten für die Schulbibliothek (Telefongebühren, Papier, Kopien) aus dem Schuletat beglichen. Teilen Sie mir doch bitte mit, welche anderen Betriebsnebenkosten für die Bibliothek noch anfallen…“

 Aus einer Schülerumfrage (1989)

„Mehr Preisrätsel, noch einen Mülleimer, härter gegen Störer durchgreifen, Leseecke mit Vorhängen…

Ein Dankschreiben 1994

„…für die Unterstützung, die uns Ihre Firma in den vergangenen Jahren zukommen ließ, bedanke ich mich sehr herzlich…“

Oberfinanzdirektion (1998)

„… Ihre Eingabe (Zuweisung von Bußgeldern, GS) habe ich der für Ihren Bereich zuständigen Bußgeld- und Strafsachenstelle … zugeleitet.“

Dankschreiben an Amtsgericht (1992)

„Die Bibliothek konnte dank der Zuwendungen aus dem Bußgeldverfahren auch in diesem Jahr den Betrieb aufrecht erhalten.“

Schreiben des hessischen Wirtschaftsministers (1990)

„Die Zuwendung (1.000,- DM) ist zweckgebunden als Zuschuss zu den Ausgaben für historische Jugend- und Jugendsachbücher bestimmt…“

An die Filiale der Deutschen Bank (1986)

„Im Namen der Schulgemeinde bedanke ich mich…. (Unterschrift Schulleiter)“

Elterninformation 1992

„… hat die Gesamtkonferenz einstimmig beschlossen, im Gegenzug zur Abtretung eines Teils des Schulhofes für einen Stadtbüchereineubau, von der Stadt zu fordern, eine Schulbibliothek in dieser Stadtbibliothek einzuplanen…

Warum keine Weiterführung der bisherigen Schulbibliothek? …. Ich hoffe, ausreichend erläutert zu haben, dass eine Schulbibliothek mit nur 1.000 DM Etat und ohne ausreichende Elternmitarbeit zum Scheitern verurteilt ist.“

(Das Projekt wurde nicht realisiert.)

Aktennotiz an Schulleiter

Betr.: Stromsparmaßnahmen des Schulträgers, hier: Schulbibliothek

Nach der Halbierung der Zahl der Leuchtstoffröhren … Das natürliche Tageslicht reicht weder im Sommer noch im Winter…

(Wurde tatsächlich nahezu rückgängig gemacht!)

Antrag „Halbe Stelle Schulassistent für die Schulbibliothek“ an Schulträger (1989 )

(Abgelehnt)

Aus dem Lehrbuchetat, Liste II (1987)

Mehrbedarf (bei Einzeltiteln) wegen Modellversuchs „Bibliotheksunterricht“: 1.000 DM

Das Kultusministerium hatte für zwei Jahre diesen Modellversuch genehmigt und dafür vier Deputatstunden gewährt. Es entstand ein Ordner mit Unterrichtsmaterialien.

Aktennotiz

„Der technische Assistent hat wegen völliger Überlastung abgelehnt, auf seiner Fahrt zum Medienzentrum des Kreises eine Bücherkiste in der Kreisbücherei abzugeben. Während des Zeitpunktes der `völligen Überlastung´ war seit Wochen der tägliche Offsetdruck für das Kollegium wegen Geräteschadens entfallen.“

Die Gesamtkonferenz…

beschließt, der Schulbibliothek eine Mitgliedschaft in der Büchergilde Gutenberg aus dem Schuletat zu finanzieren.

Beschluss der Stadtverordnetenversammlung

„Leseförderung für Kinder und Jugendliche“: Eine Honorarkraft und Veranstaltungsetat (1991)

(Das Konzept wurde von mir angestoßen. Daraus wurden in den nächsten 15 Jahren u. a. Lesungen in den Schulen der Stadt finanziert.)

Ein Schreiben des Landrats (1987)

„Im Etat der Kreisverwaltung besteht keinerlei Möglichkeit, Mittel für Schulbibliotheken bereitzustellen.“

Anfrage an den Juristen des Staatlichen Schulamtes (1984)

„Bestehen rechtliche Bedenken gegen eine Schulbibliothekslotterie?“

(Es bestanden, nach mehrfachem Nachfragen, keine. Die Idee wurde dennoch nicht realisiert.)

Bitte an das Kaufhaus Horten um ausgemusterte Ausstellungsvitrinen (1987)

„Auch im Alphabet kommt Schulbibliothek vor Sperrmüll.“

Schreiben an den Chef der Staatskanzlei (1987)

Ehrung für ehrenamtlich arbeitende Eltern

(Mehrfach erinnert, bevor die Antwort kam: Der Bürgermeister ist zuständig.)

Unterstützung aus dem Kollegium:

Lehrer 1: Geo-Hefte

Lehrerin 2: Schachspiel

Lehrerin 3: Plakate mit dem Kunstkurs entworfen

Lehrer 4: Polytechnikkurs baut Buchstützen

Lehrer 6: Geldspende für Asterixhefte

Lehrer 7: Litfaßsäule aus einem Schultheaterstück abgegeben

Probleme mit dem Raumklima

Zu geringe Luftfeuchtigkeit, Gebläse der Klimaanlage nach Reparatur zu laut, Luftstrom zu kalt

Fischer Verlag…

schickt einen Klassensatz „Weltalmanach“ für die Erarbeitung von Unterrichtsmaterial.

Nach dem Inserat im Anzeigenblättchen…

geben uns Mitbürger ihre antiquarischen Bücher. Wir verkaufen sie auf dem städtischen Flohmarkt, um Geld für Neuanschaffungen zu bekommen. U. a. holen wir bei einer Abiturientin eine Wanne voller Klassikerliteratur aus dem Unterricht der Oberstufe.

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