Ist Medienkompetenz Blödsinn?

Ja, wenn man sie so versteht, wie sie in der „Diskussionssendung“ mit Prof. Dr. Spitzer („Neuestes Buch „Digitale Demenz“) und dem Netzaktivisten und Buchautor Johnny Haeusler („Blog „Spreeblick“) des ZDF erklärt wurde.

Die Machart der Sendung belegt die Thesen Spitzers und anderer (u. a. Hertha Sturm über Kinderfernsehen schon in den 70ern): Die Kamera schwappt hin und her, ständige 360-Grad-Karussellfahrten, möglichst alle 15 sec. eine neue Einstellung. Multitasker kommen auf ihre Kosten, auf einer Leiste ziehen Gedankensplitter aus Twitter und E-Mail durchs Bild, Sprechblasen schießen hinein, ein Moderator liest den Buchtitel vom Blatt ab. Bloß nicht nachfragen, lieber schnell mal zur Zuschauerin, die der „Diskussion“ sichtlich nicht gefolgt ist, aber Medienkompetenz erklären darf: Facebook und Tumblr bedienen können.  Der Moderator hat noch weniger Ahnung. Er konfrontiert die netzkompetente Zuschauerin nicht mit dem, was Spitzer gerade eben gesagt hat. Zurück zu einem neuen Einsprengsel von Spitzer. Gefolgt von Polemik („Sie sind das Problem, Herr Spitzer!), eine Prise Überheblichkeit, ständig ins Wort fallen, bloß keinen Gedanken zu Ende… „Verschwendet eure Jugend!“ ist ein köstliches Plädoyer des Netz-Aktivisten Johnny Haeusler für noch mehr Social Media. Prof. Spitzer redet immer schneller, aber gegen so viel Präpotenz kommt er nicht an.

Wer sich in Ruhe mit Spitzers Thesen zu digitalem Lernen bei Kleinkindern, Multitasking, Blödsinn Medienkompetenz und was die Hirnforschung noch herausgefunden hat, auseinandersetzen will: BR alpha.

Was ist nun mit Medienkompetenz? Spitzer ist der Auffassung, dass man schon einiges wissen muss, wenn man etwas mit einer Suchmaschine sucht. Man braucht Allgemeinbildung und über das Thema, zu dem man sucht, sollte man sich auch schon ein paar Gedanken gemacht haben. Wie anders will man Suchworte finden und beurteilen können, was man sucht? Nicht ausgefeilte Kompetenzcurricula von der Kita bis zum M.A. sind nötig, sondern Allgemeinbildung. Medienkompetenz wird leider von den allermeisten ihre Apologeten reduziert auf die Kompetenz, einen Facebookaccount anzulegen, einen Blog zu eröffnen oder die Musik aus einem Youtube-Video downzuloaden. Medienkompetenz ist nicht durch gut gemeinte Elternratgeber von Medienanstalten zu erlangen.

Medienkompetenz wäre, wenn Schüler lernten, die Strategien des medienindustriellen Komplexes und seiner Hilfstruppen zu durchschauen. In den 60er Jahren gab es noch eine kritische Zeitungsanalyse. Schüler/-innen lernten, die human-interest-stories selbst zu schreiben, die den Markenkern der Bildzeitung ausmachen. In den Informationskompetenzcurricula (Viele halten das schon für Medienkompetenzvermittlung) steht keine Kompetenz, die hilft, die Marktmacht von Google und seinem Youtube zu durchschauen. Oder dass Facebook eine Spielwiese bietet und dafür die Spieler gnadenlos einscannt und Informationen sammelt.

Das, was das ZDF für eine Diskussionssendung hält, müsste Gegenstand von Filmanalyse im Unterricht sein. Ich muss kein Neurowissenschaftler sein, um zu erkennen, dass die Zuschauer durch solche Sendungen verblöden.

Anstatt sich mit den Thesen von Spitzer, Turkle, Sturm, Wolf, Lanier, Carr u. a. sachlich auseinanderzusetzen, zelebrieren die „Netzaktivisten“ in den Kommentarspalten ihre Shitstorms („Bist wohl Spitzers Sohn“, „sarrazinös“). Spitzer muss sie arg getroffen haben.

Ein beliebtes „Gegenargument“, das ich auch in Gesprächen immer höre: „Ach, da gibt es doch längst Untersuchungen, die zum gegenteiligen Ergebnis kommen.“ Damit ist die Diskussion gestorben. Ich war gespannt auf die Belege, die Netzaktivisten gegen die von Spitzer zitierten Untersuchungen ins Feld führen. Ein Blogger namens gibro macht sich die Mühe. Darunter solche Untersuchungen:

  • Die Stiftung Lesen will in Zukunft stärker auf digitales Lesen setzen
  • Lehrer meinen in einer Umfrage, dass sich Internetnutzung positiv auf den Unterricht auswirke und
  • IGLU-Forscher glauben, dass der verstärkte Einsatz von Computern zur Steigerung von Lesefähigkeit deutscher Grundschüler/-innen geführt hätte.
gibro meint, dass wenn sich im Vergleichszeitraum die Lesekompetenz und die Computerausstattung der Schulen erhöht hätten, es ja wohl einen Zusammenhang geben müsste. Nach meiner Erinnerung haben die IGLU-Forscher weder Items zur Schulbibliotheksnutzung noch zur Computernutzung benutzt (Ich habe nicht nachgeprüft, ob richtig zitiert wurde. Aber da die IGLU-Experten auch meinen, dass Schulbibliotheken der Grund für bessere Lesekompetenz sind und das schon anhand ihrer eigenen Tabellen schwer nachzuvollziehen ist, bleibe ich skeptisch. Spitzer rät dazu, sich die Designs von empirischer Forschung genau anzusehen, bevor man ihre Ergebnisse für zuverlässig hält.)
post-edit:  Noch ein Fundstück: Der Blogger Martin Lindner hat dankenswerter Weise Stellen bei Spitzer markiert und zusammengestellt. Die kommentiert er oder andere Netzaktivisten. Z. B. so:
Spitzer: „Gemäß einer amerikanischen Studie unterbricht der moderne Mensch seine Arbeit im Durchschnitt alle elf Minuten. Das Telefon klingelt, während in der Tasche noch das Handy klemmt; Kurznachrichten und E-Mails werden durch Klingelzeichen angekündigt und – ganz egal, woran man gerade arbeitet – natürlich sofort beantwortet. Unser Leben im »digitalen Zeitalter« zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass wir beständig alles Mögliche gleichzeitig tun.“
Blogger-Kommentar: „ganz zu schweigen von den privaten Momenten, bei denen wir uns am Kopf kratzen, in der Nase bohren oder einer durchs Büro gehenden Kollegin auf den Hintern/Busen zu schauen. …. Ich bin platt ob der Plattheit von manchen Studien!“ Dieser Netzaktivist verwechselt sequentiell und parallel.
Noch eine „platte Studie„, die Prof. Spitzer referiert, über den Zusammenhang von TV-Konsum im Kindesalter und dem späteren Bildungsabschluss.
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4 Gedanken zu „Ist Medienkompetenz Blödsinn?

  1. Pingback: Shirley Turkle, Alone Together. Why We Expect More from Technology and Less from Each Other | Basedow1764's Weblog

  2. Pingback: Spitzer zum zweiten | digithek blog

  3. Pingback: blogthek - Spitzer zum zweiten

  4. FN

    Den Zauber der eigenen Kinderbibliothek aus Wundern und Abenteuern im vorigen Jahrhundert hattest du verlassen, als du in der Bibliothek deiner Eltern die verborgene Aufstellung hinter der ersten Reihe entdecktest und die verschlossenen Türen geknackt hattest. Die Annahme, du hättest damit bereits die Systematik des Suchens & Findens einer Universitätsbibliothek mit Millionenbestand erobert, wurde in früheren Dekaden spätestens beim ersten Referat als Frischling im Proseminar entzaubert.

    Wer glaubt, nur mal eben den Grund für eben diese banale Frischlingsenttäuschung einem 13-Jährigen als „Medienkompetenz“ mit Google, dem Ozean aus Müll mit kleinen Inseln der Perlenfischerei, die nicht mal immer von einem erwachsenen Akademiker angesegelt werden können, vermittelt zu haben, kann selber davon keine Ahnung haben; wieso sollte ein Lehrplanbürokrat wissen, wovon er redet, wenn er „Medienkompetenz“ per C&P in seinen Erlass hineinstülpt?

    Das Fernsehen bevölkert das Thema lediglich mediengerecht, das heißt, im Sinne der eigenen Aufmerksamkeitsökonomie. Dafür muss man es nicht schelten. Gedankengänge nachzuvollziehen und zu bewerten, ist seine Aufgabe nicht. Von Lehrern sollte man dies indes erwarten können, ganz gleich, ob auf Papier gedruckt oder im Internet vertwittert und vergoogelt. Gedruckte Literatur dazu liegt seit Dieter E. Zimmers „Bibliothek der Zukunft“ (2000) über Carsten Görigs „Gemeinsam einsam“ (2011) vor bis heute; jeder online-Katalog einer Unibibliothek schmeißt z.B. um 150 Titel allein zum Schlagworet „Google“ aus; Spitzer ist nicht der erste.

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