Warum müssen Kinder lernen, Information im Netz zu finden und zu bewerten?

Mich haben Lovink, Ullman, Stoll, Carr, Wolf und Turkle in meiner Web-Begeisterung gebremst. Auch mehr als 12 Jahre Internetnutzung im Unterricht ließen mich nicht abheben.

Die Fähigkeit, etwa kompetent Suchbegriffe zu formulieren und die Unparteilichkeit einer Webseite zu evaluieren, ist und bleibt bei Kindern und Jugendlichen begrenzt.  Man braucht schon etwas Allgemeinbildung und Sachkenntnis. Man muss wissen, was man sucht. Dazu muss ich nicht erst Spitzer lesen. Wenn Internetguru Howard Rheingold auf Youtube davon plaudert, dass ein Jugendlicher erst einmal den Namen des Autors der Webseite googeln muss, ihn in Wikipedia sucht und seine Reputation evaluiert, ist das medientechnisch ein hervorragend gemachter Selbstvermarktungsclip; den Inhalt kann man getrost vergessen. Es sei denn, man hat hoch begabte Kinder, die sich mit 16 in Harvard immatrikulieren werden.

Jetzt meldet Twitter: „Thomas Tekster (mekonet) argumentiert, warum Kinder lernen müssen, Infos zu finden und zu bewerten“. Endlich, dachte ich, Argumente.

In Kauf nehmend, dass mekonet keine neutrale Institution ist (Die Staatskanzlei NRW gibt ihren Namen dafür her, zur Freude der Bertelsmann Stiftung), mache ich mich daran, die siebenseitige Ausarbeitung digital zu lesen (wahrscheinlich: oberflächlich). Was ich nicht finde: Argumente! Es ist eine Aufzählung von Studien medienpädagogischer Institute zur Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen, zum Suchverhalten, zur Informationsinkompetenz von Lehrern, und eine Vorstellung noch nicht abgeschlossener oder geplanter Studien und folgender Forschungsfragen, denen unbedingt nachzugehen wäre:

  • Wie ist das Suchmaschinenangebot für Kinder gestaltet und aus medienpädagogischer Perspektive zu bewerten? Können Kindersuchmaschinen die Suchinteressen der Kinder bedienen?
  • Wonach suchen Kinder, wie verhalten sie sich auf Suchmaschinen, wie gehen sie mit den Suchwerkzeugen um?
    Welche Anforderungen stellen Suchmaschinentechnologie und „Suchmaschinenlogik“ an Kinder und welches Wissen benötigen Kinder, um sie erfolgreich nutzen zu können?
  • Wie beurteilen Kinder die Suche auf Kindersuchmaschinen und auf allgemeinen Suchmaschinen? Sind sie in der Lage, dabei auch ihr eigenes Suchverhalten, die Suchergebnisse und deren Informationsgehalt zu reflektieren?
  • Argumente vermag ich nicht zu erkennen. Es sei denn, die massenhafte Verbreitung des Internets ab Kindergarten wäre ein Argument. Es erinnert mich an das Vorhaben des Bundesumweltministers, als Mittel gegen die steigenden Strompreise ein Projekt „Kostenlose Stromsparberatung für einkommensschwache Familien“ zu starten.
  • Siehe auch: Kompetenz oder Wissen
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2 Gedanken zu „Warum müssen Kinder lernen, Information im Netz zu finden und zu bewerten?

  1. Basedow1764 Autor

    Lieber Herr Tekster, herzlichen Dank für die Literaturhinweise.
    Sie stellen sicher auch fest, dass ich das IK-Konzept, wie es von Verbänden an die Schule herangetragen wird, zunehmend problematischer sehe. Das hat mehrere Gründe, die im Blog immer wieder einmal auftauchen:
    Da ist der verschwommene, unpädagogische Kompetenzbegriff. Der dringt nicht nur über die IK in die Schule ein, sondern im Gefolge der PISA-Industrie auch in die Lehrpläne der Schulfächer. (Zu Geschichte habe ich mich geäußert.) Die Folgen treten in ersten Untersuchungen von Abiturarbeiten zu Tage (Dazu auch Einträge im Blog.)
    Die Listen, Pyramiden oder Matrizen voller Teil-, Meta-, Analyse-, überfachlicher Kompetenzen, mit denen Informationswissenschaftler, Informationswirte und Bibliothekare winken, die Forderungen nach einem eigenen Fach, der Anspruch, Lerhern und Schülern IK und jetzt auch Medienkompetenz beizubringen, übersieht, dass Schule nur ein begrenztes Zeitbudget hat. Schüler lernen auch nicht alle so, wie es die konstruktivistische Lerntheorie vermutet. Es gibt Lerntheorien, die in der Schule wesentlich effizienter anzuwenden sind.
    Es ist nicht nötig, alles Wissen, bzw. Informationen aus digitalem Content zusammenzusuchen. Ich habe mich immer gefreut, wenn Schüler nach der Evaluation der siebten Treffermeldung fragten, ob das denn nicht in einem Buch verständlich und kurz nachzulesen wäre.

    Ich sehe mit Genugtuung, dass die Informationswissenschaftler auf einmal von „deep thinking“, von „knowledge building“, von „critical thinking“, „seeking meaning“ reden und von „nachhaltigen“ Kompetenzen. Sie haben anscheindend gemerkt, dass die Informationskompetenzen äußerlich und oberflächlich bleiben. Das Wesentliche von Schule und Unterricht ist etwas anderes. Das, was die süffigen englischen Vokabeln ausdrücken, ist das Kerngeschäft von Lehrern. (Ich behaupte nicht, dass das immer erfolgreich betrieben wird.) Kritisch an Quellen herangehen, mit der Kategorie „Interesse“ das politische Geschehen zu analysieren, wurde auch schon vor dem digitalen Zeitalter praktiziert. Wer das kann, braucht keinen IK-Lehrgang K-12. Der wird Internetquellen genauso kritisch betrachten, wie er Zeitung liest. Wann haben die Experten, die Lehren und Schülern IK und Medienkompetenzen beibringen wollen, einmal mit Lehrern, Schulpädagogen und Lernpsychologen geredet? Stattdessen wird über die digitale Unfähigkeit von L und Schü doziert. Es geht wohl nicht zuletzt um Interessen einer jungen Berufsgruppe.

    Ich will das Kind nicht mit dem Bad ausschütten: Recherchieren muss auch in der Schule geübt werden. Wir haben als Schulbibliothekare in Hessen die Webquestmethode favorisiert. Damit werden digitale Quellen einbezogen, aber die Such- und Evaluationszeit wird stark verkürzt. Nichts spricht dagegen, den Rechercheweg zunehmend den Schülern zu überlassen. (Auch das gab es in Form der Projektmethode schon vorher.) Ich habe positive Beispiele in Vorträgen und Publikationen gegeben. IK sollte Schule nicht dominieren. Den Eindruck gewinnt man aber, weil von Computer, Software und Internet das Heil erwartet wird. Da sollte man einfach kleinere Brötschen backen. Das aber will die Medienindustrie nicht (Siehe Acer und EU).

    Die wesentliche Rolle spielen immer die Menschen, die mit den Schülern arbeiten, nicht die Maschinen oder die Software. Nichts habe ich aber gegen die Autovervollständigenfunktion von Google. Sie erspart Schülern den Erwerb einiger überfachlicher Teilkompetenzen.

    Jetzt habe ich nur aus der Sicht des Schulmeisters geantwortet und es ist schon ziemlich lang geworden. Der Blick auf die digitale Sozialisierung von Kindern und Jugendlichen ist noch viel interessanter und mindestens so kontrovers zu sehen. Sie warten nicht gerade darauf, dass Lehrer, Erzieher, Sozialpädagogen oder Eltern ihnen Facebook oder das Smartphone erklären. Deswegen muss man nicht auf Aufklärung und Gefahrenabwehr verzichten. Bei der gesunden Ernährung und der heißen Herdplatte tun wir es ja auch.

    Herzlichen Gruß
    GS

    Antwort
  2. Thomas Tekster

    Lieber Herr Schlamp,
    ich lese immer wieder gerne Ihre Blog-Beiträge, insbesondere Ihre kritischen zur Informationskompetenz, und deshalb antworte ich Ihnen auch gerne.

    Das Dossier liefert durchaus Argumente, warum Kinder den Umgang mit Online-Informationen lernen sollten. Das Hauptargument ist: Wenn sie sich schon im Internet aufhalten, mit Google für die Schule arbeiten oder auf Facebook unterwegs sind, dann sollten sie dies unter Anleitung von Erziehenden, Lehrkräften und (Schul)bibliothekaren Schritt für Schritt richtig lernen. Der Einwand, dass Kinder dafür noch zu jung sind, verfängt nicht, weil sie bereits online sind. Es stellt sich nur noch die Frage, wie sie es lernen – nicht mehr, dass sie es (irgendwie und zufällig) lernen.
    Ein schönes Bsp., wie dies in der Praxis aussehen kann, liefern Rindi und Mark Baildon: Baildon, Rindi; Baildon, Mark (2008): Guiding Independence. Developing a Research Tool to Support Student Decision Making in Selecting Online Information Sources. In: The Reading Teacher, Jg. 61, Nr. 8 (Mai), S. 636-647. Online erreichbar unter: http://www.readingrockets.org/article/27428/ und Baildon, Mark; Baildon, Rindi (2012): Evaluating Online Sources. Helping Students Determine Trustworthiness, Readability, and Usefulness. In: Social Studies and the Young Learner, Jg. 24, (März/April), S. 11-14.
    Übrigens, weitere Argumente finden Sie auf der Ihnen sicher bekannten und von mir sehr geschätzten Seite infokompetenz.de des Vereins INFOKOS – Informationskompetenz für Schüler e.V.
    Dass bereits Kitas mit Rechnern und Internetanschlüssen überschüttet werden könnten, sehe ich auch kritisch, aber angesichts der Haushaltslage der öffentlichen Träger mache ich mir da eher keine großen Sorgen.

    Viele Grüße

    Thomas Tekster

    Antwort

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