Kerncurriculum Geschichte: Narrative statt Wissen?

Spötter in den Reihen der Lehrerschaft sagen seit Alters her: „Egal, welcher Lehrplan gerade aktuell ist, was in meinem Unterricht passiert, entscheide ich.“ Wenn ich noch im Dienst wäre, würde ich gerade den achten Geschichtslehrplan über mich ergehen lassen müssen. Alle fünf Jahre ein neuer. Manchmal kam der neue, obwohl der alte noch in der Erprobungsphase war. Der seit 2011 gültige heißt „Hessisches Kerncurriculum Geschichte“. Und die Kultusbürokratie meint es diesmal ernst. Soll doch der Unterricht zu kompetenzorientierten Prüfungen passen.

Der hessische Bildungsserver ist angefüllt mit Hinweisen auf Kompetenzorientierungslehrgänge und Kontaktadressen zu Kompetenzorientierungsberater/-innen, die Schulen aufsuchen sollen. Die Schulen müssen auf der Basis der Kerncurricula schuleigene Curricula erarbeiten.

Ich versuche schon seit Jahren zu verstehen, was eigentlich mit Bildungsstandards und Kompetenzen gemeint ist. Was mich beruhigt: Es geht vielen so. Was mich beunruhigt: Obwohl es ein unklarer Begriff ist, ist die Kompetenzorientierung zur Vorschrift geworden.

Meine Suche auf dem hessischen Bildungsserver führt zu gleich drei Kerncurricula Geschichte für die Mittelstufe. Das alte System hat also überlebt, jede Schulform kriegt ihr Kerncurriculum. Was ist aber mit den Mittelstufen- und den integrierten Gesamtschulen?

Die Rahmenrichtlinien von 1972 waren weiter gewesen, sie unterschieden Fundamentum und Additum und ersparten sich getrennte Lehrpläne für Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Wo kämen wir hin, wenn es nur ein „core curriculum“ für das Schulwesen gäbe? Amerikanische Zustände!

34 Seiten, auf denen das Wort Kompetenz in zusammengesetzten Variationen ca. 140mal vorkommt (im Kerncurriculum Realschule; das Inhaltsverzeichnis wurde nicht mitgezählt): Urteils-, Orientierungs-, Analyse-, Meta-, Wahrnehmungs-, Handlungs-,  narrative, überfachliche, personale, Sprach-, Lern-, Sozialkompetenz.  Dazu Wörter wie Komptenzerwartung, -entwicklung, -bereich, -erwerb.

Dann sind noch Basisnarrative wichtig und es gibt den Epochenbezug. Die konkreten Inhalte sind also noch nicht ganz verschwunden. Aber sie sind volatiler geworden, sie werden verbindlichen Kompetenzen zugeordnet, z. B. der Urteilskompetenz: „Weitgehend selbstständig Eckpunkte von Entwicklungen kennzeichnen durch Ursprünge, Wendepunkte und Schlusspunkte“. Dieser Kompetenz kann dann z. B. die Antike als Epoche zugeordnet werden: Freiheit und Mitbestimmung in der griechischen Polis/Entwicklung zum Imperium Romanum/Griechische und römische Ursprünge der europäischen Kultur. „Inhalte dienen nur noch als Spielmaterial zur Einübung in die Methode.“ (Andreas Gruschka)

Boden unter die Füße bekomme ich, wenn ich, einmal unter Bildungsstandard, dann unter Kompetenzerwartung diese Lernziele (Den Begriff gibt es nicht mehr) finde:

  • „anhand formaler Merkmale verschiedene Textgattungen im Hinblick auf ihren Erkenntniswert unterscheiden“, (Die Teilkompetenzen hätte ich gerne mal gelesen!)
  • „ihre eigenen Einstellungen, Vorurteile, Haltungen, Deutungsmuster und Wertmaßstäbe in den Geschichtsunterricht einbringen und kritisch hinterfragen und bewerten“, (Es liegt kein Irrtum vor: Mittelstufe/Realschule!)
  • „selbstständig die für eine Problemlösung erforderlichen Informationen beschaffen. (Dies ist eine „lernzeitbezogene Kompetenzerwartung“.)

Noch nicht kapiert habe ich die Basisnarrative. Der Erklärungsversuch ist ein Kompetenzfeuerwerk: Alle o.a. Kompetenzen werden erworben in Inhaltsfeldern wie Alltagskultur, Eigenes und Fremdes, Herrschaft, Wirtschaft oder Bewältigung des Raumes. Diesen Inhaltsfeldern wird ein Epochenbezug zugeordnet, etwa Mittelalter oder Neuzeit. Es geht aber nicht um Geschichtswissen, sondern um narrative Kompetenz. Das ist die „Fähigkeit, vorliegende Geschichte(n) zu verstehen, auf sinnvolle Art und Weise eigene zu bilden und diese auch selbst erzählen zu können. Insofern ist dies eine Metakompetenz von Kompetenzbereichen des Unterrichtsfaches Geschichte.“

Es soll Lehrer geben, die inzwischen sagen: „Ich bereite euch nicht auf das Abitur vor – ich möchte, dass ihr später im Grundstudium klarkommt.“

Zum  „Hessischen Kerncurriculum Geschichte – Realschule“.

Zum Wikipedia-Artikel Narrativ (Geschichte)

Die Geschichtslehrer sollen sich jetzt um Narrative kümmern, die in den Schülerköpfen entstehen? Geht es nicht eine Nummer kleiner? Die Vermittlung von Sachwissen gelingt ja noch nicht einmal, wie immer wieder Umfragen beweisen. Jetzt soll im kompetenzorientierten Unterricht etwas im Mittelpunkt stehen, das doch wahrlich nur schwer in standardisierten Tests, wie sie die OECD liebt, evaluiert werden kann: Das Narrativ, nicht das Wissen. Welche Maßstäbe gibt es für gute Narrative? (Falls es das gibt.) Kann das Narrativ benotet werden? Jedem sein eigenes Narrativ? Wie komme ich als Lehrer an die Geschichtsbilder und Einstellungen in den Köpfen der Schüler heran?

Noch weniger fachlicher Anteil als im Bachelorstudium geht kaum noch.

Mehr Psychologie, um sich in die Narrative einfühlen zu können?

Mehr Kommunikationswissenschaft, um Narrative aushandeln zu können?

Dass man durch Schule Einstellungen kaum beeinflussen kann, war eigentlich schon länger klar. Dass Schüler in den Geschichtsunterricht Einstellungen, Vorurteile, Meinungen, Geschichtsbilder der Eltern oder des Fernsehens mitbringen, ist bekannt. Das scheint heute die Begründung dafür zu sein, jeden, der von Geschichtswissen oder von Epochenüberblick redet, als Ewiggestrigen zu bezeichnen.

Die Qualität einer pädagogischen Theorie liegt in ihrer Bewährung in der Praxis. (John Dewey)

Update: Jetzt habe bei der Bundeszentrale für politische Bildung den Aufsatz eines ehemaligen Geschichtslehrers und jetzigen Geschichtsdidaktikers gefunden, der Literatur zu dieser sozialpsychologischen Didaktik referiert: „Subjektorientierte historische Bildung“ von Dr. Johannes Meyer-Hamme.  (Er wartet darauf, gelesen zu werden.)

Nachtrag Februar 2015: Lange habe ich gebraucht, um zu verstehen, was mit Narrativ gemeint ist, einem Wort, das in der gehobenen Konversation des Feuilletons inflationär verwendet wird. Durch die Berichterstattung über die russische Besetzung der Krim und der Ostukraine habe ich es verstanden: Alles ist wahr, alles ist richtig, alles ist gleich gültig. Wer Putins Propagandanarrative (Keine russischen Waffenlieferungen, keine russischen Soldaten, die NATO kreist uns ein, in Kiew regieren Faschisten usw.) nicht 1:1 meldet, gilt als Lügenpresse und bekommt es mit der Linkspartei, Horst Teltschik und Antje Vollmer zu tun und wird mit den Narrativen der Putin-Trolle überschüttet.

Zu den Fehlentwicklungen Narrativ und Konstruktivismus siehe auch Science Files. (27. April 2015)
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Ein Gedanke zu „Kerncurriculum Geschichte: Narrative statt Wissen?

  1. Pingback: Das Unfassbare der unendlichen Kompetenzbegriffe | Basedow1764's Weblog

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