Katastrophales Geschichtswissen: Je weniger ich weiß, desto besser finde ich die DDR

Prof. Klaus Schroeder legt nach. Seine Studie über das mangelhafte Schülerwissen über die DDR sorgte einst für Aufsehen. Damals schnitten die westdeutschen Schüler am besten, Berliner und Brandenburger Schüler am schlechtesten ab. In Brandenburg gab man sich Mühe die Studie zu zerpflücken: Man holte einen Hamburger Professor, der der Studie zwar in ihrem Ergebnis zustimmte, aber methodische Mängel gefunden haben wollte. Ein Potsdamer Geschichtsprofessor konterte, die ostdeutschen Schüler wüssten keineswegs nichts, sie wüssten anderes: Das Gute an der DDR, die Sozialpolitik, die Aufstiegschancen, die Frauenemanzipation usw., das Fortschrittliche an der DDR sei ihnen bekannt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er es nicht ironisch meinte.

Jetzt führt Schroeder den Nachweis, dass Schüler ganz generell in der Zeitgeschichte herumeiern, Hitler und Honecker, Diktatur und Demokratie nicht unterscheiden können. 7000 Neunt- und Zehntklässler wurden befragt.

post-edit 10.08.12:
Gefühlt wissen wir schon lange, dass es mit dem Geschichtswissen nicht weit her ist. Es liegt nicht zuletzt auch daran, wie Geschichte unterrichtet wird. In Hessen z. B. im 5. Schuljahr nicht, im 6. eine Stunde, im 8. keine Stunde, in 7. 9 und 10 zwei Stunden. Hauptschüler in fünf Jahren nur zwei Jahre, das dritte Jahr mit einer Stunde kann man getrost vergessen. In Brandenburg bleiben für Geschichtsunterricht über die DDR nach Stundentafel und Lehrplan gerade einmal ein paar Stunden im 10. Schuljahr. Erschwerend tritt hinzu, dass der Unterricht über die DDR „ausgewogen“ sein muss. In der öffentlichen Diskussion lässt sich das festmachen an der fehlenden Trennung zwischen der jeweils eigenen Biographie und der SED-Herrschaft. Dann wird jede Darstellung der Erscheinungsform einer Diktstur als Angriff auf die eigene Biographie erlebt. Und jene wird gleich mit verteidigt: Ein bisschen Rechtsstaat war sie doch auch, na ja, ein Schuss Willkür, aber das Verkehrsstrafrecht war o.k., wir hatten den besseren Sex und haben mehr gelacht. Ich resümiere das mit der Frage, sollen wir jetzt an der Tafel die Vor- und Nachteile einer Diktatur sammeln?
Weiterhin wird Geschichte von vielen Lehrern, Eltern und Schülern nicht als „Denkfach“ begriffen, sondern als „Paukfach“ gesehen. (Ein Vater: „Ich verstehe nicht, warum mein Kind eine Fünf in Geschi hat. Da muss man doch bloß ein paar Jahreszahlen auswendig lernen“.)
Als Geschichtslehrer und Geschichtslehrerausbilder habe ich auch darunter „gelitten“, dass sich als progressiv verstehende Religionslehrer politisch-historische Themen besetzten und im Jahr zuvor unterrichteten (inklusive Spielfilmen und Gedenkstättenbesuchen!). Auch Religions-Schulbücher lasen sich streckenweise wie historisch-politische Lehrbücher. Wenn ich dann im Jahr darauf mit meinen Arbeitsblättern kam, hieß es: „Nicht schon wieder!“ An einer Schule immerhin war mein Vorschlag erfolgreich, dass sich Religions- und Geschichtslehrer einmal zusammensetzten.

Ein neues Phänomen kommt hinzu: Der Einfluss von konstruktivistischer Lerntheorie, komptenzorientierter Curriculumplanung und „subjektorientierter Geschichtsdidaktik“. Wenn schon Elfjährige sich das Imperium Romanum aus Internetfundstellen konstruieren müssen, statt sich Orientierungswissen durch Schulbuchtexte und Lehrervortrag anzueignen, fehlt die Unterrichtszeit für die Ausbildung eines Gerüsts an Geschichtswissen. Letztlich gäbe es keinen objektiven Epochenüberblick. Wer an die Vermittlung von Geschichtswissen glaube, sei naiv. Jeder Schüler habe sein Vorwissen, seine Einstellungen, seine Vorurteile. Daraus konstruiere jeder sein Geschichtsnarrativ. Das mit den mitgebrachten Einstellungen ist ein ganz alter Hut. Aber daraus muss kein Verzicht auf Geschichtswissen resultieren.

Eine noch nicht einmal unintelligente Schülerantwort aus einem Politiktest ist mir in Erinnerung: Was ist Gewaltenteilung? Antwort: Die Mauer in Berlin.

Man soll Umfragen nicht überbewerten. Ein hervorragendes Faktenwissen hatten in meinen Klassen immer die Neonazis. Mir ist jemand, der Adenauer nicht einordnen kann, aber demokratisch denkt und handelt, lieber, als ein Stalinist, der jedes Hitler-Quiz gewinnen könnte. Gefährlich wird es, wenn sich demokratiefeindliche Einstellungen verfestigen würden. In einigen Landkreisen Sachsens, Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns sind Neonazis in der sog. gesellschaftlichen Mitte angekommen.

In Prof. Schroeders Studie zum DDR-Schülerwissen kam heraus, dass mit den Neonazis sympathisierende Jugendliche eine besonders positive Einstellung zur DDR hatten: Starker Staat, Militarismus, Zucht und Ordnung, das gefiel ihnen. Für Kinder der SED-Nomenklatura war die höchste Form der Abgrenzung vom Elternhaus die Sympathie mit den Nazis (Siehe etwa ein Mitglied der Zwickauer Terrorzelle).

post-edit 22.8.12:

Die Kernaussagen der Studie:

  • Viele Jugendliche können nicht zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden. Rund 40 Prozent sehen kaum Unterschiede zwischen Nationalsozialismus, der DDR sowie der Bundesrepublik vor und nach der Vereinigung.
  • Je besser das Wissen, desto häufiger werden Nationalsozialismus und DDR als Diktaturen eingestuft, alte und neue Bundesrepublik als Demokratien. 90% der Schüler mit hohem Kenntnisstand beurteilen DDR und NS-Staat negativ, aber nur 40% der Schüler mit einem niedrigen Kenntnisstand.
  • Den Nationalsozialismus beurteilen 16-18% der Jugendlichen mit türkisch-nahöstlichem Migrationshintergrund positiv, 8,4 % der Jugendlichen mit DDR-Eltern und 5 % derjenigen mit westdeutschen Eltern.
  • Bayerische Schüler liegen knapp vor Thüringen beim Wissensstand. Sie haben die höchste Ablehnungsquote von NS und DDR und die höchste Wertschätzung der Bundesrepublik. (In Bayern haben keine Gymnasiasten teilgenommen!)
  • Immerhin halten zwei Drittel „soziale Gerechtigkeit“ am besten in der neuen Bundesrepublik  verwirklicht. (Wussten die Probanden, was gemeint ist?) Auch wird für eine Fortsetzung der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der DDR gestimmt.

Prof. Schroeder hält eine grundlegende Orientierung an Werten wie Freiheit, Rechtsstaat, Demokratie für unverzichtbar.

Schüler aus Berlin und Brandenburg, die bei der Teilstudie über das DDR-Wissen schlecht abgeschnitten hatten, durften nicht mitmachen.

FU-Mitteilung zur Studie
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Ein Gedanke zu „Katastrophales Geschichtswissen: Je weniger ich weiß, desto besser finde ich die DDR

  1. Pingback: Brandenburg daily – Blick auf Blogs am 27.06.2012 | world wide Brandenburg

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