Beeinträchtigen Bibliothekslobbyisten die Entstehung eines Schulbibliothekswesens?

Der Berliner Karsten Schuldt ist kürzlich, des Arbeitsplatzes wegen, in die Schweiz „emigriert“. Er ist ein produktiver Kopf, der immer wieder zu interessanten Hypothesen kommt und daraus Untersuchungsdesigns entwirft. Wenn ich es richtig sehe, ist er der einzige Bibliothekswissenschaftler, der sich dauerhaft und gründlich mit Geschichte und Gegenwart des Schulbibliothekswesens in Deutschland auseinandersetzt. Dabei schont er die Granden des Bibliothekswesens nicht und belegt, mit reichlichen Quellenangaben und Fußnoten versehen, dass manches, was von diesen verbreitet wird, einer kritischen Analyse nicht standhält. Das macht er, wenn es um die fragwürdigen fachlichen Standards für Schulbibliotheken geht, um die Berufung auf US-amerikanische Wirksamkeitsforschung zu Schulbibliotheken, die sich so gar nicht auf Deutschland übertragen lässt und auch in USA die Wirkungszusammenhänge zwischen guten Schulbibliotheken und Schülerleistungen nicht wirklich erklärt werden können, um die umstrittenen PISA-Schulleistungsstudien, die als Kronzeugen für die Notwendigkeit von Schulbibliotheken bemüht werden, um die Anmaßung, mittels Unterrichtung durch öffentliche Bibliothekare in öffentlichen Bibliotheken Hunderttausenden von Lehrkräften und Millionen von Schüler/-innen Computer- und Recherchekenntnisse zu vermitteln.

Jetzt untersucht er vergangene, vergessene Schulbibliotheksprojekte in Deutschland (Weinheim, Niedersachsen, Hamburg) und fragt, warum sie so sang- und klanglos untergingen. Am meisten hätte mich Berlin interessiert, wo in den 70er Jahren kombinierte Bibliotheken in 14 Schulzentren etabliert wurden, die nach und nach verschwanden. Denn da schien es evident geworden zu sein, dass es nicht das war, was die Schulen wirklich interessierte. Mich brachte 1998 ein Wiesbadener Schulleiter darauf: Als der Kulturdezernent die Kombi-Bibliotheken in vier Schulen schloss, sagte er nämlich trocken: „Wir machen weiter, aber mit einer kleinen Schulbibliothek, die eher unseren Bedürfnissen entspricht“.

Schuldt fällt nämlich auf, dass meist der Anspruch auf Meinungsführerschaft der Bibliothekare, der Anspruch, die Definitionsmacht über Schulbibliotheken zu haben und die Unterstellung unter die Hoheit der öffentlichen Bibliothek es erschwerte, schon vorhandene Schulbibliotheken ins Boot zu holen. fast immer ging es um neue Modellprojekte nach bibliothekarischen Vorstellungen. Das Echo der Schulen auf die geforderte Kooperation war zwiespältig. Schuldt glaubt ein Muster zu erkennen: Schulbibliotheken haben ein größeres Interesse daran sich untereinander zu vernetzen als mit öffentlichen Bibliotheken. Er belegt das u. a. mit der wachsenden Zahl an Schulbibliothekstagen (Der dbv sprang erst mit zwanzigjähriger Verspätung in Bayern auf diesen Zug).

Konrad Kallbach hat schon 1967 in seiner „provocatio“ eine Schlussfolgerung gezogen: Nämlich dass die in Deutschland herrschende Schulbibliotheks-Ideologie revidiert werden müsse: Sofern es überhaupt Schülerbüchereien gäbe, würden sie als Kleinkopien der öffentlichen Büchereien als Ausleihbüchereien geführt, nicht als Lese- und Arbeitsbücherei.

Als Lehrer, dessen Herz an Schulbibliotheken hängt, war mir schon länger schmerzlich bewusst, dass diese Strategie nicht unschuldig an der Stagnation des Schulbibliothekswesens in Deutschland ist. Ich sprach es lieber nicht so deutlich aus. Schon kleinere Äußerungen in diese Richtung führten zu (prädigitalen) Shitstorms. Umso besser, wenn es jetzt ein Bibliothekswissenschaftler ausspricht. Dr. Schuldt hat zwar kürzlich noch an einem Handbuch für Schulbibliotheken mitgearbeitet, das alles in allem nützlich ist, aber auch eine deutliche Schlagseite durch die ständige Betonung der Kooperation der Schule mit der öffentlichen Bibliothek hat. Es sei ihm als Jugendsünde verziehen.

Ich nehme ihn in den Hain der von mir hoch geachteten, unerschrockenen Bibliothekare auf!

Dazu gehören neben ihm:

  • Reinhold Heckmann. Er berichtete 1993 von einer Weltschulbibliothekskonferenz: „… fällt immer wieder auf, dass international die pädagogi­schen Aspekte schul­biblio­thekarischer Arbeit stark betont werden. Die Schul­biblio­thek ist keine Aus­leih­biblio­thek mit traditionellen bibliothekari­schen Funktionen. … Dement­spre­chend stehen nicht Katalogisierungsfra­gen und andere bibliothekstech­nische Fragen im Vorder­grund der Diskus­sion. Aus diesem Ver­ständnis von Schulbiblio­thek als pädagogi­scher Ein­richtung ergibt sich, auch hier besteht international große Einigkeit, dass der Schul­bibliothekar in erster Linie Lehrer sein muss, der zwar biblio­the­karische Kenntnisse, aber keine Vollausbildung benötigt. … Wie jeder weiß, wird demgegen­über bei uns die bibliothekarische Komponente der Schul­bibliotheksarbeit stark be­tont. Ein Weg, der nicht sehr erfolgreich war, …“
  • Hans-Christoph Hobohm. Der Potsdamer Bibliothekswissenschaftler Prof. Dr. Hans-Christoph Hobohm hat gefordert: „Schulbibliotheken statt Bibliotheksgesetze!“
  • Helga Neumann. Sie überlegt 1988, ob es nicht sinnvoller wäre, Länder und Bund förderten das Schulbibliothekswesen auf Kosten der Förderung des kommunalen öffentlichen Bibliothekswesens. Das sei Angelegenheit der Kommunen. (Sie kam auf einige Millionen D-Mark.) Für sie stand außer Frage, dass die Schulbibliothek von Pädagogen geleitet werden muss.
  • Gertrud Weißer. Die stv. Leiterin der Büchereifachstelle Darmstadt hat außerhalb der Dienstzeit und ohne zuständig zu sein, meinem Schulbibliotheksteam und mir das bibliothekarische Einmaleins beigebracht.

Gerne nehme ich begründete Vorschläge entgegen.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich habe verschiedentlich im Blog und in Vorträgen meine Vorstellungen vom Schulbibliothekslehrer oder teacher-librarian dargelegt. Ob diese Vorstellungen nun von einem weitergebildeten Lehrer oder einem pädagogisch, vor allem medienpädagogisch kompetenten Bibliothekar eingelöst werden, ist für mich zweitrangig. Dass im weiten Feld des Schulbibliothekswesens Diplombibliothekare mit ihren spezifischen Kenntnissen gebraucht werden, sage ich seit Beginn meines Engagements in den 80er Jahren.

8 Gedanken zu „Beeinträchtigen Bibliothekslobbyisten die Entstehung eines Schulbibliothekswesens?

  1. Pingback: Die falschen Prämissen führen nicht weiter | Basedow1764's Weblog

  2. FHP'ler

    Leider wurde die soziale Bibliotheksarbeit, egal ob Gefängnis- oder Schulbibliothek in der Lehre der FHP bis zu meinem jetzigen vierten Semester, wenn überhaupt, nur erwähnt. Es fand aber definitiv keine Beschäftigung mit Inhalten statt.
    Umso erfreulicher war es, dass wir im Rahmen eines Wahlpflichtkurses im letzten Semester helfen konnten, an zwei Berliner Privatschulen Schulbibliotheken auf- bzw. auszubauen.
    Ich hoffe dass der Artikel von Herrn Schuldt eine möglichst umfassende Beachtung im Bibliothekswesen erfährt und warte auf eine angeregte Diskussion. Vielleicht auch bei Herrn Hobohm im Seminar 🙂

    Antwort
    1. Basedow1764 Autor

      Immer die Privatschulen 😉
      In Potsdam, ganz in der Nähe der neuen FHP, soll die Bibliothek der Grundschule im Bornstedter Feld entstehen…

  3. Monika Grosche

    Hobohms Ausspruch bringt die immer wiederkehrenden, von einer Seite ausgehenden Zwistigkeiten/Missverständnisse zwischen ÖB und SB auf den Punkt. Sehr bedauerlich, weil beide besser an einem Strang ziehen sollten, da ein wichtiges Ziel – Schüler in ihrer Ausbildung zu unterstützen – ähnlich, wenn nicht identisch ist. Um die Besonderheiten und Möglichkeiten einer Schulbibliothek besser auszuschöpfen, finde ich mich häufig auf den Seiten dieses Blogs wieder. Die Lage der Schulbibliotheken in Deutschland kann ich nicht von einem Podest aus beobachten, sondern bin direkt durch die unmittelbare Arbeit in einer solchen involviert. Da kann ich Emotionen nicht immer ausschalten.
    Vor ca. 2 Jahren wurden zwei Diplomarbeiten an der FH Potsdam zum Thema Schulbibliotheken verteidigt. Ich habe sie im Präsenzbestand und werde nach den Ferien nachsehen, ob sich Hobohms Anregung nicht doch finden lässt. Mein Interesse ist geweckt.
    Zur „Emigration“ von Dr.Schuldt: Warum bin ich nicht erstaunt, dass die Schweiz einem SB-Experten bessere Arbeitsmöglichkeiten als Deutschland bietet?

    Antwort
    1. Basedow1764 Autor

      Ich erinnere mich an gute Diplomarbeiten über Schulbibliotheken von der FHP. Vielleicht meinen wir diesselben. Im Lehrbetrieb scheinen mir Schulbibliotheken aber keine so große Rolle zu spielen. Wie auch, da es keinen Arbeitsmarkt für Absolventen gibt. Immerhin machen Studenten Praktika in Schulbibliotheken und arbeiten in der AGSBB mit.
      Herrn Hobohm bin ich dankbar, dass er uns einen Schulbibliothekstag in der FHP ermöglichte. (Sicher ist das dann auch Ausweis einer einschlägigen Aktivität der Hochschule.) Die Potsdamer Schulen hatten entweder kein Interesse oder keine geeigneten Räume und die Stadt wollte Miete für jedes Klassenzimmer, das wir benutzten. Daher hat mich das Angebot sehr gefreut.

  4. Basedow1764 Autor

    Über diesen plötzlichen Einfall „Ehrenhain“ bin ich selbst etwas überrascht. Hoffentlich fühlt sich niemand zurückgesetzt. Ich denke angestrengt nach, ob ich jemanden vergessen habe. Die erste Auswahl bezieht sich auf Personen, die ich persönlich kenne bzw. kennengelernt hatte.
    Herzliche Grüße nach Bamberg!

    Antwort
  5. DonBib

    Naja in der Lehre an der FH Potsdam war von Hobohms Ausspruch inhaltlich nichts zu sehen, hören oder lesen… Insofern hilft der tolle Ausspruch auch gar nichts, wenn er nicht zur Diskussion führt.

    Antwort
  6. Ilona Munique

    Ein feiner, sehr interessanter Beitrag, der nachdenklich stimmt, so als „Nicht-Lehrerin“, jedoch durchaus Pädagogin der EWB. Meine bibliothekarischen Wurzeln sorgen für ein Verständnis der Sichtweise der Bibliotheks“wesen“, doch meine intensiven Seminarerfahrungen im Südtiroler Schulbibliothekswesen haben mich dazumals eine neue Sichtweise gelehrt, für die ich heute noch sehr dankbar bin.
    Zunächst war mir die Konstellation in Südtirol – Bibliotheksleitung durch Pädagogen und einer „beigeordneten“ bibliothekarischen Kraft nebst Schulbibliotheksrat, bestehend aus Lehrkräften – merkwürdig erschienen. „Merk-würdig“ ist sie mir geblieben, im Sinne des Wortes Merken und Würdig, also aus einer beipflichtenden Einsicht heraus. Ich nahm jedenfalls mehr Weiterführendes im Schulbibliothekssektor aus Südtirol mit nach Deutschland, als es umgekehrt der Fall war. Wie es in Deutschland in Sachen Schule und Bibliothek und Schulbibliothek weiter geht, das beobachte ich mit Interesse.
    Ich bin gespannt auf deine Erweiterung des „Ehrenhains“, Günter, und werde mir hier ein „Häkchen“ setzen.

    Antwort

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