Nochmal Piratenpartei: Nie haben wir den Gratisdownload gewollt

Vorweg ein Nachtrag (2.6.12) : Sechs Jahre nach Gründung der Partei versucht ein führender Pirat „Missverständnisse“ auszuräumen: „Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen. Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen. Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen“. Er sagt es gleich dreimal hintereinander, für den Fall, dass es jemand nicht gleich versteht.

Wie konnte es bloß zu diesem Missverständnis kommen? Und warum brauchte man so lange, um es klarzustellen? Heißt das, Bundesvorstandspiratin Schramm zieht ihren Diskussionsbeitrag – „Geistiges Eigentum ist ekelhaft“ – zurück? War wohl aus dem Zusammenhang gerissen. Ein bisschen Geschichtsklitterung: War es wirklich die Sorge um die Verbesserung des Urheberrechts, die die Piraten von Anfang an umtreibt? Oder nicht doch die Gewöhnung an den Gratisdownload. Einer der Piratenpartei nahestehender Jurist schlussfolgertzwingend: Den gebe es nunmal. Da müsse er auch legalisiert werden. 

Seit Wochen nerve ich meine Umgebung mit Bemerkungen wie: „Die Piraten sind wie Piraten. Sie nehmen sich, was sie wollen. Sie sind knallhart egoistisch, auf ihren Vorteil bedacht und präpotent. Sie allein haben den Durchblick, was technisch geht und was nicht“. Ich solle nicht so miesepetrig sein. Viele freuen sich, dass die „verkrustete“ Politik, „rückgratlose“ und intellektuell dürftige Politiker (Constanze Kurz im Spiegel 15/2012) jetzt einmal aufgemischt werden.

Bei Richard Herzinger lese ich, was ich eigentlich sagen wollte: „Die wachsende Rigidität, mit der Teile dieser Bewegung ungläubige Gegner im politisch-intellektuellen “Establishment” als Fossilien einer vergangenen Epoche verhöhnen – und nicht selten per Shitstorm und Hacken von Computerseiten terrorisieren -, ebenso wie ihre unreflektierte Technikgläubigkeit, die sie zu der Vorstellung verführt, die neuen Kommunikationstechnologien machten auf “revolutionäre” Weise alle bisher entwickelten institutionalisierten checks and balances der Demokratie (wie auch bestehende Eigentumsrechte) obsolet, erinnert an den verhängnisvollen Absolutheitsanspruch utopischer, ins Totalitäre kippender “Erweckungsbewegungen” früherer Epochen.“

Der komplette Artikel von Richard Herzinger

Update 23.5.12: Es lohnt sich doch noch, gelegentlich einen Blick in die taz zu werfen, trotz der widerlichen Entgleisung im Falle Joachim Gaucks. Johannes Thumfart rückt in der taz zurecht, was längst fällig war: Das Gerede von der „Internetgemeinde“, der wisdom of the crowds usw., passe besser ins Portfolio einer kalifornischen Werbeagentur als in unseren Alltag: „Kalifornien ist die falsche Richtung“.

Wieso schafft das die FAZ nicht, wo man dem Zeitgeist dadurch Reverenz zu erweisen glaubt, dass Marina Weisband eine Reportage über ihre Heimatstadt Kiew schreiben darf? Ausgerechnet in der FAZ, die am striktesten auf Vergütung für ihre Texte achtet und gegebenenfalls einklagt.

Update: Könnte ein Schlusswort sein: Matthias Matussek über die Piratenpartei im Spiegel 23/2012, p 136f: Der neue Mensch. Über die alberne Hoffnung auf eine Jugendrevolte im Netz: „Es ist das rote Glühen einer neuen Religiosität, einer Selbstgerechtigkeit, die mit Zauderern nicht viel Federlesens machen wird. Auch das Begeisterungsfeuer von Halbwüchsigen kann, wie wir von den totalitären Jugendkohorten des vergangenen Jahrhunderts wissen, zu Verheerungen führen.“

Herrlich dazu eine Art Auseinandersetzung mit Matussek unter dem Pseudonym David Gray: Rhetorische Kniffe wie Argumente zur Person, Wertungen ohne Begründung: „Da übertreibt er maßlos“, aber dann ständig: „Da liegt er ´womöglich` gar nicht so weit daneben.“ Um ihn am Schluss doch in den metaphorisch geschmückten feuilletonistischen Orkus hinabzustoßen: „Mir jagen Absätze wie dieser jedenfalls Schauer des Grauens über den Rücken.“ Man liest´s, ergötzt sich an der Formulierungskunst (Es soll sich ein Schriftsteller hinter dem Pseudonym verbergen) und fragt sich hinterher: „Was hat er eigentlich gesagt?“

  • Die Zeit über spießige Piratenmänner: „Der Piraten-Politiker, der (im Parlament; GS) immer weiter als Computernerd auftritt, zeigt damit, dass er keine Verantwortung übernehmen will, sondern sich nur als Führer einer Pressuregroup von chipsknuspernden Raubkopierern versteht, die im Parlament mit etwas klotzen möchten, womit sie an der heimischen Tastatur sonst nur kleckern und krümeln können.“
  • Popcornpiraten. Eine unverkrampfte Newssammlung

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