Zentralbibliotheksträume in Berlin. Mit einem Schwenk zu Schulbibliotheken

Auf dem Gelände des ehemaligen Flugplatzes Tempelhof sollte eine Zentralbibliothek für ganz Berlin gebaut werden. Das war einer der zahlreichen Vorschläge für die Nachnutzung des Geländes. Die Idee ist wohl gestorben.

Sehr überzeugend fand ich das nie. Mir hat nicht eingeleuchtet, warum der Bundesnachrichtendienst BND in der Stadtmitte ein Fußballstadion großes Gebäude errichten darf, aber nicht die Zentral- und Landesbibliothek ZLB. Die hat einen Neubau gewiss auch verdient. Aber das Tempelhofer Feld ist für mich I b-Lage. Das Stadtschloss, in dem eine Art Zweigstelle vorgesehen ist (Für Touristen?), wäre aber auch nicht optimal. Schon gar nicht für eine attraktive Kinder- und Jugendbibliothek.

In dem unten verlinkten Zeitungsartikel wird vor allem die fehlende Bürgerbeteiligung im Berliner Städtebau moniert. Das wäre für mich nicht das Hauptproblem. Wie Bürgerbeteiligung funktioniert, erlebe ich gerade in Potsdam beim Schwimmbadbau.

Dass Berlin, zurückhaltend formuliert, städtebaulich stagniert, ist allerdings richtig beobachtet. Der BND-Gigant gehört dazu, die dunkle Hochhausmasse „Spreedreieck“, der Hauptbahnhof mit seinem von Mehdorn gekürzten östlichen Dachstummel, die fehlende zündende Idee für den Inhalt des wieder errichteten Stadtschlosses, die fragwürdigen Entwürfe zum Einheitsdenkmal.

Dass Chipperfield auf der Museumsinsel grandios gebaut hat und bauen darf, wäre beinahe an Bürger/-inneniniativen gescheitert (Hallo, Herr Jauch!).

Noch mehr Bürgerbeteiligung: In Kreuzberg wurde das geplante Städtebau-Laboratorium von Guggenheim, gesponsert von BMW, von „linksalternativen“ Mitbürger/-innen für unerwünscht erklärt. Dort sollte eine Zeitlang über Städtebau diskutiert werden. Die New Yorker Veranstalter zogen ihren Plan zurück, als ihnen Störungen, zerbrochene Fensterscheiben und andere Handgreiflichkeiten angedroht wurden. Die Berliner Grünen können den Rückzug des Projekts aus der Metropole nicht verstehen: Die seien ja so empfindlich, in Berlin sei der Ton eben etwas rauer. Die FAZ beobachtet süffisant, dass gerade in Kreuzberg auffallend viele BMW-Cabrios zugelassen seien. Man hätte daher eher eine Affinität zum Sponsor erwartet.

Zurück zur ZLB:

Die Piraten haben mit konventionellen Bibliotheken nichts am Hut, die Grünen sind skeptisch, der Senat will vorrangig das Congresscenter ICC sanieren und die Schuldenstadt Berlin überlebt eh vor allem wegen des Länderfinanzausgleichs und der Hauptstadtförderung des Bundes.

Wir Schulbibliotheksenthusiasten dürfen uns aber vielleicht Hoffnungen machen. Zur Landtagswahl im letzten Jahr hatte die AG der Schulbibliotheken in Berlin- und Brandenburg (AGSBB) ein Schulbibliotheksförderkonzept entwickelt, das – soll ich sagen natürlich? – weitestgehend unbeachtet blieb. Darin hatten wir auch vorgeschlagen, dass die ZLB eine zentrale Dienstleistungseinrichtung für die Berliner Schulbibliotheken bekommen sollte.

Auch wenn´s die Parteien nicht besonders interessiert hat, die ZLB findet die Idee charmant. Dort will man schon lange in dieselbe Richtung gedacht haben und man hat sich jetzt sogar intensiv auf das Projekt eingelassen.

Wowereit hat doch recht: Arm, aber sexy ist Berlin. Wäre es sehr naiv, zu hoffen, dass statt des schon fast sicher geglaubten Neubaus von 300 Mio € die ZLB wenigstens eine SBA für 800 Berliner Schulen und zzt. ca. 350 Schulbibliotheken bekommt? Von einem Prozent der Bausumme könnte diese SBA 10 Jahre arbeiten.

Der erwähnte Zeitungsartikel zur Baukultur in Berlin
Basedow1764 hatte vor drei Jahren schon einmal über den Plan eines Neubaus geschrieben.
Siehe auch meine Bemerkung nach dem Besuch in Bogotás öffentlichen Bibliotheken.

Update September 2015: Der Tagesspiegel schreibt, dass eine abgespeckte Version eines ZLB-Neubaus angestrebt wird. Als Standorte kommen der Blücherplatz (Anbau zur Amerika-Gedenkbibliothek) oder Teile des Gebäudes des ehemaligen Zentralflughafens Tempelhof in Frage.

Nicht zu vergessen: die Dependance im Nachbau des Berliner Stadtschlosses.

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2 Gedanken zu „Zentralbibliotheksträume in Berlin. Mit einem Schwenk zu Schulbibliotheken

  1. Karsten Schuldt

    Nur müsste man vielleicht, ohne Ihren Enthusiasmus bremsen zu wollen, erwähnen, dass die Vorstellung einer zentralen Schulbibliothekarischen Arbeitsstelle in der ZLB auch schon in den 1980ern und 1990ern durch die Berliner (erst die Westberliner) Bibliothekswelt geisterte, ohne richtig Gestalt anzunehmen. Noch im Bibliotheksplan 1989 stand diese Stelle als zu schaffend im Text. Dennoch wurde die Stelle nie geschaffen.
    Allerdings: Damals gab es auch keine AGSBB, die Druck machen konnte. Und falsch ist die Idee selbstverständlich auch nicht. Schauen wir mal, ob der Wechsel an der Spitze der ZLB mit einem letztlich erfolgreichen Engagement in dieser Sache enden wird.

    Antwort
    1. Basedow1764 Autor

      Seit 1764 gibt es die Forderung nach Schulbibliotheken. Da ist die Idee einer SBA vergleichsweise jung. Auch wenn es da, wie sie sagen, 20 Jahre keine Bewegung gab.
      Nett gesagt: Druck der AGSBB. Ein laues Lüftchen nach 20 Jahren Flaute!

      Herzliche Grüße
      GS

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