Lesetipp: Kaiser Wilhelm II. Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne

Es gibt neben Schulbibliotheken für mich noch andere interessante Themen! Die ausgezeichnet arbeitende Fernleihe der Potsdamer Stadt- und Landesbibliothek hat mir dieses Buch besorgt:

Kaiser Wilhelm II in der Politik seiner Zeit. Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne, von Eberhard Straub.

Da gerät mein Schulwissen über die Kaiserzeit in Unordnung. Waren die Eltern von „Willy“, wie er bei Hofe auch genannt wurde, gar nicht so fortschrittlich und bürgernah, wie es immer heißt? Bei Straub ist seine Mutter eine böse Intrigantin, mit verheerendem Einfluß auf den Gatten und auf den Sohn. Der emanzipierte sich von ihr und verbannte sie nach Kronberg im Taunus.

Hatte der Kaiser womöglich recht, als er Bismarck entließ, der nötigenfalls auch auf Sozialdemokraten und Ultramontane geschossen hätte, während Wilhelm versuchte, die Sozialdemokratie in die Monarchie einzubinden. Was in großen Teilen auch gelang. Die SPD war im Alltag weniger revolutionär als ihr Programm verhieß. Das war einer staatlichen Sozialpolitik zu verdanken, in der die Konservativen die Machtergreifung der Sozialisten sahen. Friedrich Engels hatte schon früh geschrieben, dass das deutsche Proletariat in einem Krieg, der seit den 80er Jahren des vorletzten Jahrhunderts in Europa nicht ausgeschlossen wurde, das Vaterland verteidigen würde.

Straub sieht Wilhelm als modernen, gebildeten, technikbegeisterten volksnahen Kaiser, als in Europa anerkannten Repräsentanten eines industriell und wissenschaftlich hochentwickelten Staates. Wobei Wilhelm dazu beitrug, dass sich das Reich derart entwickelte.

Im Kapitel IV, „Der Demokrat auf dem Thron“, schildert er die Schwierigkeiten eines Monarchen, sich in einem Staat zu behaupten, in dem die Interessen der Beamtenapparate, mächtige Wirtschaftslobbyisten (nicht zuletzt der preußische Landadel, die Junker, die immer mehr zu einer grobschlächtigen Unternehmerlobby wurden), die Parteien im Reichstag und im preußischen Abgeordnetenhaus um Einfluss rangen und alle eifersüchtig den Zugang zum Kaiser suchten und ihn kritisierten, bisweilen auch diffamierten, wenn er nicht ihre spezifische Position unterstützte.

Das erinnert von ferne an Hans Rosenbergs große Studie „Bureaucracy, Aristocracy and Autocracy. The Prussian Experience 1660 – 1815„, in dem die Entstehung des modernen Staates in Brandenburg-Preußen präzise dargestellt wird, die Machtkämpfe zwischen einer von bürgerlichen Beamten beherrschten Verwaltung, einem (anfänglich noch) ungebildeten landständischen Adel, der sich vom aufstrebenden Bürgertum und dem sich absolutisch verstehenden Monarchen bedrängt sieht. (Dank an die Dozenten der Uni Frankfurt, die den Erstsemestern ein englischsprachiges Fachbuch zugemutet haben.) Freilich ist Straub daran gemessen eher feuilletonistisch und belegt nicht viel.

Das Berlin der 80er/90er Jahre muss nicht viel anders als die heutige Bundeshauptstadt gewesen sein: Voller Intrigen, voller Gerüchte, mehr interessiert an Personen als an Themen, mit Journalisten und diversen Netzwerken als Katalysatoren.

Bismarck ging in seinem Hass auf den Kaiser so weit, seine eigene, den Frieden erhaltende europäische Bündnispolitik zu demontieren: Er sorgte mit Fehlinformationen dafür, dass der Kaiser, der eigentlich für die Verlängerung des Rückversicherungsvertrages mit Russland war, diesen nicht verlängerte. Was Bismarck zum Anlass nahm, dem Kaiser fehlendes Augenmaß vorzuwerfen.

Der Flottenbau war nicht des Kaisers Erfindung, ganz Europa war versessen darauf und in Deutschland ging er auf eine Forderung des 1848er Nationalparlaments zurück. Dennoch war es eine unglückliche Sache, kriegstreibend und, so ergänze ich, der Anfang einer Verschuldung durch Rüstung, die zur Inflation nach dem Ersten Weltkrieg führte.

Wilhelm wollte den Krieg nicht, aber er zögerte, seinen Generalstab an die Leine zu legen. (Dazu übrigens ausgezeichnet: „August 1914″ von Barbara Tuchman.) Inzwischen war auch eine ultrakonservative, antidemokratische Rechte entstanden, mit Bismarck als Kultfigur, der den Kaiser nach seiner Entlassung zutiefst hasste und gegen ihn agitierte. In Bismarcks Nachfolge verstanden sich Hindenburg und Ludendorff als Volkstribune, die sich als Führer der Nation sahen und einen Siegfrieden wollten. Wilhelm haben sie nach und nach entmachtet und im Hauptquartier wie einen Internierten behandelt.

Es bleibt genug übrig, um ihn nicht leiden zu können, aber die „schrecklichen Vereinfacher“, die ihn als Vorläufer von Hitler sehen, müssen sich mehr Mühe geben.

Eine einfühlsame Biographie des Kaisers und in weiten Teilen eine Darstellung des Kaiserreichs als zeitgemäße Monarchie und modernen Industriestaat.

  • Ein Essay von Straub, der die Kernaussagen seines Buches enthält.
  • Dr. habil. Straub war Journalist und Feuilletonredakteur, er ist heute Publizist. Die universitäre Historikerzunft ist nicht ganz einverstanden mit seiner Sicht auf Wilhelm.
  • Nachtrag: Der Historiker Frank-Lothar Kroll beschreibt 2013 in „Geburt der Moderne. Politik, Gesellschaft und Kultur vor dem Ersten Weltkrieg„, ebenfalls, dass das Kaiserreich ein moderner Industriestaat wurde, mit regem wissenschaftlichen und kulturellem Leben, und die Monarchie dies keineswegs behinderte. Vor allem ab der Jahrhundertwende gab es Modernisierungsprozesse. In der Gesellschaft und in der Kunst gab es Wandlungen: Die Lebensreformbewegung, die eine alternative, naturgemäße Lebensführung propagierte, die Reformpädagogik, den Deutschen Werkbund als Vorläufer des Bauhauses, die Jugendbewegung, die Heim ats das aufblühen des Zeitungsmarktes. die meisten dieser Bewegungen waren fortschrittlich bis revolutionär. Gleichzeitig enthielten manche Bewegungen auch modernitätskritische bis völkischen Elemente. Letztere entluden sich nach dem verlorenen Weltkrieg und mündeten in die Naziherrschaft.
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