Eine neue Studie kommt zu dem Ergebnis dass, …

Arbeiterkinder in unserem Schulsystem klar benachteiligt sind.

Ich habe den Eindruck, dass Studien über unser „katastrophales“ Schulsystem in kürzeren Abständen publiziert werden als Tweets bei Twitter.

Das Arbeiterkind war schon während meines Studiums in den 60er Jahren Seminarthema. Ich frage mich, wie man es 50 Jahre später definiert. Der Anteil von Arbeitern und ihren Familien an der Gesamtbevölkerung ist seither weiter geschrumpft. Vor über 100 Jahren stellten sie noch den größten Teil der Bevölkerung.

In der DDR hat man das Schrumpfen der Arbeiterklasse dadurch verlangsamt, dass man alle NVA-Offiziere und alle SED-Kader dazu zählte, obwohl die die Sphäre der Produktion nur von Ferne kannten. Dennoch war die SED ratlos, weil der Anteil der Arbeiterkinder an den Universitäten immer niedriger wurde. Da half es auch nicht, den Kindern von Pfarrern und Unternehmern das Studium zu verweigern. 

Ich gebe gerne zu, dass ich die Studie nur überflogen habe und damit meinem Grundsatz, immer erst intensiv in die Originalquelle zu schauen, untreu werde. Ich verlasse mich darauf, dass die FAZ am 15.12.2011 korrekt berichtet hat.

Es sind anscheinend die Lehrer/-innen, die Arbeiterkinder schlechter benoten. Der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Benotung durch Lehrer/-innen läge bei 25%. (In ihr Urteil fließt z. B. der sozioökonomische Hintergrund [17,2%] und der Bildungshintergrund [19,4%] der Schüler/-innen ein.)

Erfreulich: Kinder mit Migrationshintergrund werden dagegen kaum schlechter beurteilt (4,7 % Einfluss des Migrationshintergrunds auf die Notengebung bei Migranten). Pech nur, wenn das Kind mit Migrationshintergrund auch noch Arbeiterkind ist, da sind es dann wohl 29,7% sachfremder Einfluss auf die Note.

Die Forscher geben auch Empfehlungen: Eine „Fördergarantie“ in den ersten beiden Schuljahren könne die Lehrer entlasten.

Einen Unterschied in der Übergangsquote von Arbeiterkindern nach vier- oder sechsjähriger Grundschule konnten die Forscher (in der Schweiz) nicht feststellen. Das kann man so lesen, dass der Einfluss der sozialen Herkunft auf das Lehrerurteil gleich geblieben ist.

Dass Motivation, Gewissenhaftigkeit oder Anstrengungsbereitschaft, also Faktoren, die beim einzelnen Schüler liegen, Einfluss auf die Notengebung hatten, konnten die Forscher/-innen nicht feststellen. Das verwundert mich. War ich der einzige Lehrer, der häufig eine 4 statt einer 5, eine 2 statt einer 3 gab, mit der Begründung, es wäre zwar noch nicht alles ausreichend bzw. gut gewesen, aber er/sie habe sich sichtlich bemüht und solle ermutigt werden, nicht nachzulassen?

Kann es sein, dass es für manches, was im Klassenzimmer passiert, keine passenden Indikatoren gibt und die Software, die die Korrelationen zwischen den Daten bis auf die Stelle hinterm Komma ausrechnet, unter dem Powerpoint-Syndrom leidet: Was nicht auf fünf Spiegelstriche auf einer Folie passt, existiert nicht? Selbstkritisch weisen die Forscher/-innen darauf hin, dass sie nicht alle Fächer untersucht haben und möglicherweise die Dimensionen, für die sie keine Indikatoren verwendet haben, vielleicht doch eine Rolle spielen.

Noch etwas wurde erfragt: Schüler aus ungebildeteren Familien, so steht es im Zeitungsbericht, trauen sich deutlich weniger zu, was nicht ohne Effekt auf ihre Leistung bliebe.  Sollte man da einmal ansetzen? Nicht wieder an den „Stellschrauben“ des Schulsystems zu drehen (Erziehungswissenschaftler Bos in einer anderen Studie). Nicht die Lehrer/-innen in Kurse schicken, in denen sie die 25% Einfluss der Herkunft auf die Notengebung von Arbeiterkindern eliminieren lernen, keine Fördergarantie mit Stütz- und Liftkursen und noch längerer Anwesenheit lernschwacher Kinder in der Schule. Sondern das Selbstwertgefühl stärken. Die Stärken und Begabungen der Kinder erkennen, die Schulzeit für künstlerische, sportliche, musische Aktivitäten nutzen. Auch das wird Grenzen haben, aber die sind noch nicht erreicht. Letztlich gilt, was hunderte von Schulstudien nahelegen:

Der Einfluss der Familie, der häuslichen Erziehung ist der größte Einflussfaktor für Schulerfolg. da helfen alle Stellschrauben und die  vielen Schulstudien nicht.

Vielleicht sollte die Vodafone-Stiftung, die sicher 120.000 € für die Studie bezahlt hat, mit dem Geld einmal eine Schulbibliothek einrichten und ein paar Jahre evaluieren. Es gibt eine hübsche Geschichte, über die der Spiegel einmal berichtet hat: In einem afrikanischen Dorf hat ein Junge ein Windrad konstruiert, mit dem er Strom erzeugen konnte. Woher hatte er sein Wissen? Aus der Schulbibliothek, sagt er.

Siehe auch

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