Wolf/Schuldt, Praxisbuch Schulbibliotheken

Von Dipl. Bibliothekarin Sabine Wolf, unter Mitwirkung von Dr. Karsten Schuldt, Bibliothekswissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität, ist ein „Praxisbuch Schulbibliotheken“ erschienen. Frau Wolf hält auf den Berlin-Brandenburger Schulbibliothekstagen gut besuchte Workshops zu den „Basics für Schulbibliotheken“ ab. Der Wochenschau-Verlag ist ein angesehener Verlag für politikwissenschaftliche und -didaktische Literatur.

Deutschsprachige Literatur in Buchform zu Schulbibliotheken gibt es nicht, wenn man von 2, 3 Büchern aus den 70ern und 80ern absieht. Es existiert immerhin eine Reihe nützlicher, aber leider verstreut vorkommender Publikationen in Österreich (u. a. „Die multimediale Schulbibliothek“), der Schweiz (u. a., sehr empfehlenswert, „Richtlinien für Schulbibliotheken“) und Südtirol (u. a. „lernwelten.net“). Nennen wir noch der Vollständigkeit halber das Luchterhand-Schulleitungshandbuch und das Lexikon der Pädagogik (Bd. 4: Schulbücherei – Zypern) und verweisen auf das Schulbibliotheks-Wiki.

Das „Praxisbuch Schulbibliotheken“ von Sabine Wolf und Karsten Schuldt füllt daher eine Lücke.

Es wertet das Thema auf. Endlich ein richtiges Buch und keine Flyer mehr, keine im Copyshop hergestellten Broschüren mit Ringbindung!

Man findet darin nicht nur die üblichen „Basics“, sondern eine Reihe von Informationen, die über Regaltiefe, Bestandsaufbauformeln und Checklisten für Software hinausgehen.Zur Anschaulichkeit tragen kurze Berichte zu Schulbibliotheken (5 Grundschulen und ein Gymnasium in Berlin sowie eine Schule in Schleswig-Holstein) bei.

Es gibt ein „Marketing“- Kapitel: Die Schulbibliothek muss, betriebswirtschaftlich formuliert, Bedürfnisse von Kunden befriedigen. Aber warum erst als 5. Kapitel und nicht bei den Grundlagen am Anfang?

Die Schulbibliothekshomepage wird angesprochen. Aber warum nicht die Schulbibliothek auf der Schulhomepage? Da gehört sie doch hin, als Teil der Schule, mindestens mit einem Link, falls sie eine eigene Adresse, aus welchen Gründen auch immer, hat. Eine Abbildung oder ein paar Links wären hilfreich gewesen.

Die Zusammenarbeit mit anderen Schulbibliotheken wird vorgeschlagen. Ein bisher völlig vernachlässigter Aspekt, der es in der Tat verdient hat, beachtet zu werden.

Gut, dass auch ein Kapitel „Recht“ vorhanden ist und eine Fülle wichtiger Rechtsfragen genannt wird. Als einziges Unterkapitel folgt dann aber „Die Bibliothekssatzung“, u. a. mit den Paragraphen Gemeinnützigkeit, Gebühren, Haftung, Ausschluss. Reicht denn nicht die an anderer Stelle erwähnte Bibliotheksordnung? Interessant für Anfänger wäre auch gewesen, unter „Grundlagen“ die fehlende Institutionalisierung im Schulrecht und in den Haushalten von Schulen und Gebietskörperschaften aufzuzeigen.

Sehr lang ist die Kooperation mit der öffentlichen Bibliothek geraten. Diese Zusammenarbeit wird auch zwischendurch immer wieder angesprochen, z. B. werden „Interessenkreise“ zur Bestandspräsentation vorgeschlagen und dabei wird auf die öB verwiesen. Nicht erwähnt werden die vielen Grundschulbibliotheken, die „Interessenkreise“ auch schon lange nutzen und obendrein sehr schön visualisieren.

Können sich Diplom-Bibliothekare vorstellen, dass die Zusammenarbeit mit der öffentlichen Bibliothek meist ganz pragmatisch geregelt ist, ohne dass man davon viel Aufhebens macht oder feierlich „Verträge“ schließt? Vorausgesetzt allerdings, es gibt eine öffentliche Bibliothek im Umkreis und die hat Ressourcen für eine Kooperation. Das ist leider in der Fläche, bei Schulen auf der grünen Wiese, so gut wie nie der Fall. Schulbibliothekspraktiker haben nichts gegen Zusammenarbeit, im Gegenteil. Sie hat aber nicht die überragende Bedeutung, die sie auf Bibliothekartagen und in bibliotheksfachlichen Kommissionen zu haben scheint.

Die Bibliothek wird als Unterrichtsort angesprochen. Das ist noch nicht selbstverständlich. Allerdings wird im Buch unterschieden zwischen Unterricht mit der Bibliothek (ausführlich) und Unterricht in der Bibliothek (sehr kurz). Didaktische und methodische Fragen des Bibliotheksunterrichts werden im Abschnitt „Unterricht mit der Bibliothek“ angesprochen. Sie gelten m. E. gleichermaßen und eher noch mehr für den Unterricht in der Bibliothek.

Zu Systematik, Software, Einrichtung, Bestand gibt es viele nützliche Hinweise. Erfreut nimmt der Leser Notiz davon, dass die abgebildeten Raummodelle aus dem Katalog der Fa. Wehrfritz stammen. Es gibt anscheinend nicht nur die Fa. ekz, auf die man sonst meist in bibliotheksfachlichen Broschüren und Webseiten trifft.

Beim Thema Bestand wäre es sinnvoll gewesen, einmal Unterschiede zwischen Schulbibliothek und öffentlicher Bibliothek herauszuarbeiten. Zu verdeutlichen, was für Konsequenzen es haben müsste, wenn sich 27 Schüler/-innen gleichzeitig auf Jugendkrimis stürzen bzw. Material über Wikinger oder Schmetterlinge suchen. Stattdessen heißt es an einer Stelle, dass die Schulbibliothek auf teure und auf Spezialliteratur verzichten könne. Die gäbe es ja in der öB.

Eine Stärke des Buches sind die vielen weiterführenden, z. T. kommentierten Literatur- und Linkhinweise.

Mit einigen Begriffen und Definitionen tue ich mich aber schwer. Warum ist der Idealfall des Schulbibliotheksleiters ein Lehrer, der ein Studium der Bibliothekwissenschaften absolviert hat? Erwähnt wird doch der „teaching librarian“. (Geläufiger ist in der angelsächsischen Welt „teacher librarian“. Den „teaching librarian“ gibt es an den Hochschulen, eher seltener wird der Begriff auf Schulbibliothekare angewandt.) Die Ausbildung zum Schulbibliothekar enthält weltweit IT-, eLearning-, medienpädagogische, lerntheoretische und unterrichtsdidaktische Inhalte. Schon im vordigitalen Zeitalter, als es noch eine Ausbildung zum Dipl. Bibliothekar mit Schwerpunkt Schulbibliothek gab, umfasste deren Lehrplan mehrheitlich (ca. 60% an der früheren FH Stuttgart) pädagogische Fragestellungen.

Natürlich darf man auch Schulbibliotheken typisieren: Die Schulbibliothek als Ort des Guten (sic!) Unterrichts, als Lern-Lese-Raum, als Selbstlernzentrum, als Sozialraum, als schulfreier Raum. Ich würde aber nicht von Schulbibliotheksformen sprechen, sondern von der multimedialen (Der Begriff fehlt) und multifunktionalen Schulbibliothek, die mehreren Aufgaben gerecht werden muss (Marketing!).

Für Schulbibliotheken soll die Unterteilung in einen unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Bereich relevant sein, schreiben Wolf/Schuldt. Es sei denn, man habe genügend Platz. Beides zugleich zu realisieren, würde aber hohe Personal- und Sachkosten verursachen (p 109). Auch wenn man sich für einen Schwerpunkt schweren Herzens entschiede, wäre m. E. die Finanzierung nicht einfacher.

Das handliche Taschenbuch hinterlässt zwiespältige Gefühle.

Es gibt jetzt ein Buch, das man den Lehrkräften und Ehrenamtlichen geben kann, die loslegen wollen. Sie müssen nicht an verschiedenen Orten nach Broschüren und Internetadressen suchen. Andererseits gerät das Buch an Grenzen. Es soll praxisorientiert sein. Dann brauchte es mehr Beispiele, Fotos, Anleitungen, Vorlagen. Die setzt Frau Wolf in ihren gut besuchten Workshops auch ein.

Wenn das Buch darüber hinaus Grundlagen schaffen will, darf es sich nicht auf die Schilderung bekannter Probleme beschränken. Die Gliederung sollte stringenter sein, ein Stichwortverzeichnis wäre nützlich. Auf alle Fälle ist es ein weiterer Beleg dafür, dass das Thema „Schulbibliotheken“ im Aufwind ist.

Alles in allem: Für Anfänger hilfreich.

Ein Gedanke zu „Wolf/Schuldt, Praxisbuch Schulbibliotheken

  1. Peter Jobmann

    Ich hätte das Buch tatsächlich fast auf die gleiche Weise besprochen. Als Einstieg ein sehr schönes Buch – als fortgeschrittener Interessierter fehlen aber sehr interessante Teile – z.B. der pädagogische, der gar nicht genug zu beachten ist – und ja, auch mir fehlen praktische Beispiele… Aber es ist ein Anfang – ein guter.

    Antwort

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