Es gibt Wichtigeres als… G. sei Dank!

Das wird bleiben: Der Satz „Es gibt Wichtigeres als die Aufregung über eine mit Hilfe des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages zusammenkopierte Dissertation.“ Der gerade zurückgetretene brandenburgische Bildungsminister denkt gewiss auch, dass es Wichtigeres gibt als eine dreiwöchige Testfahrt mit einem Luxusauto, für die er keinen Pfennig zahlen sollte.

Wie geht Schule mit dem Guttenberg-Syndrom um?

Ich selbst muss zugeben, dass es Wichtigeres gibt als Schulbibliotheken, auch wenn es mir schwerfällt. Daher einmal wieder eine Abschweifung vom Thema des Blogs. So weit weg von Schule ist es aber dann doch nicht. Wie hätte ich damals reagiert? Eine Schülerin lieferte mir ein Referat über Migration ab, das ihr Freund schon an einer anderen Schule gehalten hatte. (Der Titel wich ein wenig von meiner Fragestellung ab, daher fiel es mir auf.) Wenn ihr Vater in die Sprechstunde gekommen wäre, ein einflussreicher, angesehener Architekt, und den Satz gesagt hätte? Oder bei dem Schüler, der eine im Internet gefundene Lobhudelei auf den großen Atatürk vorgetragen hatte? Ich hätte mir ein zerkratztes Auto erspart, wenn ich, statt Kritik zu üben, den Satz beherzigt hätte.

Glashaus Bundestag

Vielleicht wäre es einfacher, wenn der Freiherr zu Guttenberg trotz seines feudalen Schlawinertums nicht vom gutbürgerlichen Kelkheimer Publikum als Ikone des Anstands und der Ehrlichkeit gefeiert würde. (Ich habe einige Jahre in Kelkheim gearbeitet. Der Eindruck, den ich von der dortigen tonangebenden Gesellschaft gewinnen konnte, wurde durch das Vorkommnis bestätigt.)

Bei den Pharisäern im Bundestag ist das Thema auch nicht sonderlich gut aufgehoben: In der Fragestunde zur Dissertation bestand Frau Dr. Dagmar Enkelmann von der Partei „Die Linke“ darauf, mit ihrem Doktortitel angeredet zu werden, da sie ihn schließlich redlich verdient hätte. (So berichtet Stephan Löwenstein in der FAZ v. 24.2.11, S. 2: „Dick aufgetragene Demut“.)

Nun ja…

Dazu fällt mir ein: Frau Dr. Enkelmann war Dozentin an einer FDJ-Schulungsstätte. Sie wurde 1989 von der Akademie der Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED promoviert.

Auf einer öffentlichen Veranstaltung der Berliner Grünen/Bündnis 90 zu „Alltag und Unrecht in der DDR“ im Jahr 2008 stellte sie ihre Dissertation mit dem Vokabular westlicher Sozialisationsforschung dar. Das klang so harmlos, als ob sie empirische Sozialforschung in Mannheim oder Princeton betrieben hätte. Ihre Arbeit hätte den Titel „Identitätskrise der Jugend der DDR“ gehabt. Sie sei nicht für die Veröffentlichung vorgesehen gewesen, sondern nur für einen kleinen Kreis gedacht.

Auf eine kritische Bemerkung aus dem Publikum antwortete sie, keinesfalls wäre es ihr um eine Untersuchung gegangen, wie man DDR-Jugendliche erfolgreicher als bisher systemkonform erziehe.

Was Frau Enkelmann den ganzen Abend über nicht verriet, war der wörtliche, vollständige Titel ihrer Dissertation: Analyse und Kritik des Konzepts bürgerlicher Ideologen der BRD „Identitätskrise der Jugend der DDR“.

Ich nehme die Gelegenheit wahr, an die großartige Veranstaltungsreihe der Berliner Grünen zu erinnern. Es gibt bei der Fraktion im Abgeordnetenhaus einen lesenswerten kleinen Tagungsband.

Update 2.3.11: Als ob es Gedankenübertragung gewesen wäre: Die FAZ schaut sich heute einmal die Dissertation des Dr. Gysi an. In seiner Biographie hatte er sie glatt vergessen. Er weiß warum.

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6 Gedanken zu „Es gibt Wichtigeres als… G. sei Dank!

  1. Basedow1764 Autor

    Eine Nachbemerkung: Dass dieser Blender zurücktritt, war überfällig. Dass große Teile der konservativen Schwarmintelligenz sich von Guttenberg beeindrucken ließen, ist schlimm. Ich möchte aber mit meiner Empörung nicht neben einem Gutmenschen stehen, der alles Böse immer nur rechts sieht und es für peinlich hält, so Wendehälse wie Dr. Enkelmann und Dr. Gysi, die auch in dieser Sache trotz eigener dubioser Doktorarbeiten als Saubermann und Sauberfrau auftreten, zu kritisieren.

    Antwort
  2. Peter Jobmann

    Normalerweise würde ich Herrn Graf eher nicht beipflichten – aber als Antwort auf die „Taten“ des Herrn zu G. und einer noch viel mehr zu kritisierenden Frau Schavan (aufgrund ihrer verharmlosenden Aussagen bezüglich Herrn zu G.) empfinde ich das hier als Reaktion auch ein wenig dünn – und ehrlich gesagt auch etwas gewollt – aber was solls…

    Antwort
    1. Peter Jobmann

      Der verlinkte Artikel hat mir auch gut gefallen… das ist das Leid des Bloggers – es werden zumeist nur jene Artikel kommentiert, die nicht gemocht werden – aber damit sind Sie ja nicht alleine 🙂

      in der aktuellen Zeit ist auch ein schöner Artikel über das Plagiieren in Schulen – http://www.zeit.de/2011/09/N-Plagiat-Schule

    1. Basedow1764 Autor

      Den Doktor Graf verwirrt wohl, dass nicht nur Doktor Guttenbergs Dissertation fragwürdig ist.
      Auf geht´s: Stoibers Tochter, SKM… Wo bleibt die Empörung?

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